Geht es nach den Plänen von Stadtverwaltung und Schulleitung, soll die Flattichschule im Korntal-Münchinger Stadtteil Münchingen zur verpflichtenden Ganztagsschule werden. Foto: Simon Granville

Stadtverwaltung und Schulleitungen von Korntal-Münchingen hatten schon ein Konzept für die Ganztagsbetreuung. Rauer Gegenwind von Eltern bremst die Pläne erst mal aus.

Für Judith Schmid aus Korntal ist die geplante Ganztagsgrundschule ein Elefant. Ein Riesenprojekt, das in Scheiben geschnitten werden müsse, um es Stück für Stück ordentlich zu bearbeiten – das Wohl des Kindes als Dreh- und Angelpunkt. Zu dieser Erkenntnis sei sie binnen einer halben Woche gelangt, sagt die Mutter eines fünfjährigen Sohnes. „Das Erschreckende ist, dass man sich selbst so in das Thema reinfuchsen muss.“ Weil es komplexer und kniffliger sei, als es auf den ersten Blick scheinen mag und vieles unvollständig dargestellt werde.

Korntal-Münchingen muss, wie bundesweit alle Kommunen, ab dem Schuljahr 2026/27 an den Grundschulen Kindern nach dem Unterricht einen Betreuungsplatz garantieren, täglich und über acht Stunden. Erst sind die Erstklässler dran, nach und nach kommen die anderen Klassenstufen dazu. Um den Rechtsanspruch zu erfüllen, schafft die Stadt ihr – ohnehin überlastetes – Hortsystem ab und führt zum Schuljahr 27/28 die Ganztagsschule ein. Ein Hort obliegt allein der Kommune, wohingegen sie die Ganztagsschule eben mit der Schule stemmt.

200 Mütter und Väter vernetzen sich

Kurz bevor der Gemeinderat weitreichende Entscheidungen treffen sollte – gut zweieinhalb Wochen nach der öffentlichen Beratung des Ausschusses –, gab es für Eltern in jedem Stadtteil eine Infoveranstaltung. In Münchingen war sie zwei Tage vor besagter Ratssitzung. Vielen Müttern und Vätern wurde erst da die Tragweite bewusst. Rasch vernetzten sich zum Informationsaustausch rund 200 unter anderem in einer Whatsapp-Gruppe – mit Judith Schmid als der Initiatorin.

Viele Eltern fühlen sich übergangen und überrumpelt. Sie kritisieren den straffen, wörtlich „aggressiven“ Zeitplan der Stadt. Und auch ihre Pläne für die ersten Schritte in Richtung Ganztagsschule – vor allem, weil die Stadt die Eltern nicht „umfassend bezüglich ihrer Bedarfe“ abgefragt habe. Viele wöllten eine qualitativ hohe, kostenlose und vollumfängliche Betreuung. Zahlreiche andere Eltern wollen ihr Kind weiter halbtags in der Schule sehen. All das machten einige Eltern auch in der Bürgerfragestunde in besagter Ratssitzung klar.

Hier Wahlform, dort verpflichtend

Die Stadt hatte vor, das pädagogische Konzept an der Teichwiesenschule in Korntal und der Flattichschule in Münchingen auf Grundlage des Zeitmodells drei Tage mit je sieben Stunden bis 15 Uhr weiter zu erarbeiten. Der Ganztag ist kostenlos. Eltern, die mehr als die in diesem Fall 21 Stunden Betreuung pro Woche brauchen, können kostenpflichtige Angebote dazubuchen. In Korntal sollten die Eltern jedes Jahr zwischen Halb- und Ganztagsangebot wählen dürfen, in Münchingen sollte der Ganztag Pflicht für alle Kinder sein. Das sei eine „Benachteiligung vieler Kinder“, nicht die von der Stadt angekündigte Chancengleichheit, schrieb eine betroffene Mutter unserer Zeitung. Man sei „besorgt“, „wütend“, „geschockt“ und „nicht ausreichend beteiligt“ worden.

Erst nach dem Ratsbeschluss wollte die Stadt ermitteln, welche Betreuungszeiten die Eltern vor und nach dem Ganztag brauchen sowie ob sie eine Wahl- oder verbindliche Form bevorzugen. Bindend sollte das Votum aber nicht sein: Über die Art der Ganztagsschule und das Zeitmodell entscheide der Schulträger, also die Stadt. So geschehen in Leonberg: Trotz Protests von Eltern kommt an der Sophie-Scholl-Grundschule die verpflichtende Ganztagsbetreuung.

Weiter geht’s erst nach der Umfrage

In Korntal-Münchingen ruderte die Verwaltung zurück, nachdem Eltern lautgeworden sind: Der Gemeinderat beschloss, erst ihre Bedarfe zu ermitteln. Einstimmig und auf Vorschlag des Bürgermeisters. In einem Fragebogen sollen sie auch ankreuzen, ob sie drei oder vier Mal sieben Stunden pro Woche wünschen. Das Konzept für die Ganztagsschule wird erst danach weiter erarbeitet – auf Grundlage des Umfrageergebnisses.

Der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) betonte, man wolle „selbstverständlich“ die Eltern mitnehmen. Das – auch in Verwaltung und Gemeinderat umstrittene – Zeitmodell drei Mal sieben hätte als „einziger Pflock reingeschlagen“ werden sollen, um den Prozess zu beginnen. „Es ist der sanfteste Einstieg in den Ganztag.“ Gleichwohl hätten sich die Bedarfe der Eltern unter Umständen geändert. Die hatten zuvor auch so argumentiert. Zudem wurde ihrer Aussage nach damals nicht explizit nach bestimmten Zeitmodellen gefragt.

Eltern wollen am Konzept beteiligt sein

Laut Jörg Henschke, im Rathaus zuständig für die Kinderbetreuung, entspringt das von der Verwaltung auserkorene Zeitmodell dem Ergebnis einer Umfrage im Jahr 2023 für das Stadtentwicklungskonzept. „Hohe Flexibilität hat in der Stadt den größten Stellenwert“, so Henschke. Die Höhe der Kosten für zusätzliche Betreuung über den Ganztag hinaus sei noch offen.

Judith Schmid aus Korntal ist für den Moment erleichtert. „Ziel erreicht“, sagt sie: Man habe sich vernetzt, ehe die Weichen gestellt werden – die Eltern untereinander sowie mit den Entscheidungsträgern – und tausche Informationen aus. Aus ihrer Sicht muss die Bedarfsermittlung eine wirkliche Bedarfsanalyse sein und darf keine „Geschmacksabfrage“ sein. Ganztagsschule funktioniere nur, wenn die Eltern überzeugt vom Konzept sind – was ihre Beteiligung und die Wahlfreiheit voraussetze. „Das Recht auf Ganztagsbetreuung darf nicht zu einer Pflicht zu Ganztagsbetreuung werden.“