Mit der Tagwacht um 5 Uhr früh beginnt in Neuhausen traditionell der Fronleichnamstag. Die katholisch geprägte Gemeinde feiert das Hochfest – und wirbt in Kriegszeiten für Vielfalt und Frieden.
Früh um 5 Uhr hat Neuhausens katholischer Pfarrer Alfred Kirsch das Frühstück gerichtet. 30 Mitglieder des Musikvereins (MV) haben sich mit ihren Instrumenten vor dem Pfarrhaus versammelt und spielen zur Tagwacht auf. Dann gibt es Kaffee und belegte Brote. Kurz vor Sonnenaufgang machen sich die Männer und Frauen an Fronleichnam auf den Weg durch die Fildergemeinde, um ausgewählte Mitglieder der Bürgergarde und der Kirche mit Blasmusik zu wecken.
Die Tagwacht hat Tradition
„Das hat bei uns Tradition“, sagt Raphaela Schaller, die Trompete spielt. Sie ist schon seit 40 Jahren dabei. Dass die Tagwacht in den vergangenen zwei Jahren wegen der Pandemie nicht möglich war, hat auch Karl-Heinz Eisele bedauert. Der Trommler ist schon seit 60 Jahren dabei. Und auch der junge Trompeter Konstantin Edelmann will den Brauch nicht missen.
Als Musikzug der Bürgergarde tragen auch die Mitglieder des MV Uniformen. Die militärischen Rituale gehören für die Musikerinnen und Musiker einfach dazu. Oberstes Ziel der Bürgergarde ist es jedoch, sich mit diversen sozialen Aktivitäten für die Dorfgemeinschaft einzusetzen. Darauf legt Kommandant Michael Mayer Wert. Die Freude bei den Bürgerinnen und Bürgern, die mit Blasmusik geweckt werden, ist groß. Keiner meckert, allerdings ziehen manche ihre Rollläden nicht hoch. Sie schlafen weiter. Wilma Bolz und ihr Mann Karl-Heinz strahlen übers ganze Gesicht, als die 30 Musikerinnen und Musiker vor ihrem Haus ankommen. Die Familie hat Streuselkuchen gebacken. Wilma Bolz hat den Proviant in Stücke geschnitten und in einer Kiste verpackt.
„Das Gefühl, dass wir zusammengehören“
Das Gefühl der Zusammengehörigkeit genießt Michael Mayer – „gerade nach der langen Zeit der Distanz in der Pandemie“. Der Kommandant der Bürgergarde hat mit seiner Familie für die Musiker ein Sektfrühstück vorbereitet. Da dürfen die Blasmusiker nach der Rundtour entspannen und miteinander ins Gespräch kommen, bevor es dann mit ihren Ehrungen vor dem Haus der Bürgergarde weitergeht. Der historische Schmittenbrunnen ist mit weißen Lilien und mit anderen Blüten geschmückt. Ihr Duft kitzelt in der Nase.
Kurz vor 7 Uhr morgens ist fast der ganze Ort wach. „Fronleichnam ist für uns in Neuhausen ein großer Tag“, sagt Pfarrer Kirsch. Der Theologe freut sich, dass an diesem Tag beim Gottesdienst, bei der Prozession und beim Schießen der Bürgergarde am Nachmittag viele Menschen aller Konfessionen zusammenkommen. Dazu passt das Motto, das die katholische Jugend für ihren Blumenteppich in der Pfarrkirche St. Petrus und Paulus gewählt hat: „Vielfalt teilen.“ Pfadfinder und Ministranten haben aus Sommerblüten ein Herz in den Farben der Regenbogenfahne gelegt. Einander akzeptieren und die Schuld vergeben, darin liegt für Pfarrer Kirsch der tiefere Sinn des Fronleichnamsfests. Diese theologischen Gedanken wirken bei allen nach.
Prozession zu den vier Altären
Seit 4 Uhr morgens waren Katholiken an den vier Altären unterwegs, um sie mit Blumenteppichen zu schmücken. Jungen und Mädchen aus den Kindergärten haben Mosaike in Plastikbehältern gestaltet, die am Altar an der Liebfrauenkapelle aneinander gelegt sind. Dass der Nachwuchs mitmacht, freut den katholischen Pfarrer. Die Kleinsten streuen Blumen. Wolfgang Jaudas von den Hobby-Freunden hat mit seinem Team den Teppich am Altar vor dem Rathaus gestaltet. Das gängigste Motiv ist die Friedenstaube. In den Andachten beten die Christen für die Menschen in der Ukraine. Pastoralreferent Carsten Heimpel ruft in seiner Predigt zur Toleranz auf. Das gelte für Menschen aller Kulturen, ganz gleich, welche geschlechtliche Orientierung sie hätten.
Musikalischer Weckruf
Nach dem musikalischen Weckruf sind die Musikerinnen und Musiker in ihre Uniformen geschlüpft. „Das ist für uns ein sehr langer Tag“, sagt der Vize-Vereinschef Philipp Weber. Mit den Helmen schwitzt die Kapelle an dem sonnigen Tag. Das gilt auch für die Gardisten, die neben der Uniform ihre Waffen tragen. Beim Schießen am Nachmittag auf dem Schlossplatz führen sie in ihre Rituale ein. Nebenan läuft das Gemeindefest im Pfarrgarten. Das Hochfest der katholischen Kirche ist für die Menschen in Neuhausen nicht allein Anlass, inne zu halten in Zeiten des Krieges. Es verbindet zugleich theologische Gedanken und Begegnung.
Das Hochfest Fronleichnam
Bedeutung
Das Fronleichnamsfest („Fest des allerheiligsten Leibes und Blutes Christi“) ist ein Hochfest im Kirchenjahr der katholischen Kirche, mit dem die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird.
Name
Der Name Fronleichnam kommt aus dem Mittelhochdeutschen und setzt sich zusammen aus „fron“ (Herr) und „lichnam“ (Leib). In der Bibel steht, dass Jesus den letzten Abend vor seinem Tod mit seinen Freunden verbrachte.
Leib Christi
Beim Abendmahl gab Jesus den ihm nahen Menschen Brot und Wein. Die Katholiken glauben, dass er ihnen damit seinen lebendigen Leib übergeben hat. Das Brot stellt dabei den Leib dar, der Wein das Blut Christi.