Aufrichtig, nie übertrieben: Friederike Rademann. Foto: Holger Schneider - Holger Schneider

Beim Stuttgarter Musikfest erinnert Friederike Rademann an den deutschen Ausdruckstanz.

StuttgartOtto Dix hat sie gemalt: eine selbstbewusste, fast trotzige Künstlerin mit dunklem Pagenkopf. In den 1930er-Jahren gehörte Marianne Vogelsang zu den Pionieren des deutschen Ausdruckstanzes, aber neben Namen wie Mary Wigman, Gret Palucca oder Kurt Jooss blieb sie die „große Unbekannte des modernen Tanzes“, wie es in einem Porträt über sie heißt. Ihre letzten Tänze schuf sie 1972 zu Präludien aus Bachs „Wohltemperierten Klavier“, jetzt erinnerte Friederike Rademann im Rahmen des Musikfests mit einem Abend der Reihe „Bach.Lab“ an sie.

Seit vielen Jahren leitet die Frau von Chefdirigent Hans-Christoph Rademann die Tanzabende der Bachakademie im Rahmen des Jugendprogramms „Bach bewegt“. Sie war Ballettsolistin an der Semperoper in Dresden und hat dort, in ihrer und Vogelsangs Heimstadt, auch die ganze Tradition des Ausdruckstanzes verinnerlicht, der heute immer rarer wird. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Siegeszug des klassischen Balletts russischer Prägung auf unseren Bühnen, der Ausdruckstanz ging im Tanztheater und zeitgenössischen Formen auf. In Reinkultur zeigte ihn Friederike Rademann mit den „Fünf Präludien“, die sie von einem Schüler der 1973 verstorbenen Vogelsang gelernt hat und vorab in wenigen, sehr informativen Worten erläuterte; Irene Weißing begleitete sie am Klavier.

Der Abend, der im zweiten Teil durch choreografierte Skizzen Rademanns im Stile von Gret Paluccas Ausdruckstanz ergänzt wurde, war ein wertvoller, weil gerade in unseren Breiten so seltener Blick in die deutsche Tanzgeschichte – einige wenige Choreografen wie der jetzige Mannheimer Tanzdirektor Stephan Thoss haben diese Tradition noch erlernt, die alten Tänze aber sieht man ganz selten. Obwohl es manchmal ähnliche Bewegungen sind wie im klassischen Ballett, entbehren sie doch jeder akademischen Formalisierung, entspringen rein aus dem Empfinden. Die Hände sind wichtig, einfache Gesten zeigen Empfangen oder Abwehren, die Kreisform deutet auf die Ewigkeit – so altertümlich das Schreiten im langen, fließenden Kleid auf unsere Virtuosen-übersättigten Augen wirken mochte, die innere Seele der Tänze wurde in Rademanns aufrichtiger, nie übertriebener Interpretation spürbar. Das war „weit entfernt von seelenlosem Intellektualismus oder Formalismus, von Effekthascherei. Jede Gebärde ist sinnfällig, entquillt innerem Erleben und überzeugt deshalb“ – so wurde Vogelsangs Tanz in einer Kritik von 1935 beschrieben. Sie hätte sich gefreut, dass heute so schön, so achtungsvoll an sie erinnert wird.

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