Traurige Gewissheit: Lilach Kipnis, eine Israelin, die 2018 zur Stolpersteinverlegung für ihre Vorfahrin Julie Heilbronner nach Stuttgart kam, ist unter den Toten des Terroranschlags vom 7. Oktober. Andere Familienmitglieder kamen jetzt aus der Geiselhaft frei.
Unter den am Wochenende von der Terrororganisation Hamas freigelassenen israelischen Geiseln sind Nachfahren der von den Nazis ermordeten Stuttgarterin Julie Heilbronner, an die ein Stolperstein in der Hölderlinstraße erinnert. Das israelischen Nachrichtenportal „ynet news“ nannte die Namen von Shoshan Haran, ihrer Tochter Adi Shoham, der Enkelkinder Neve und Yahel, die neben dem israelischen auch einen deutschen Pass haben. Außerdem ihre Schwiegertochter Sharon Avdigori und deren Tochter Noam. Sie gehören zu der Familie Havron aus dem unweit des Gazastreifens gelegenen Kibbuz Be‘ri, in dem die Hamas am 7. Oktober mehr als 120 Bewohner ermordete. Viele andere wurden entführt.
Julie Heilbronner wurde 1942 deportiert und ermordet
Familienoberhaupt war Abraham Havron, der ursprünglich Gerhard Heilbronner hieß und 1926 in Stuttgart geboren wurde. Sein Vater war Edgar Jakob Heilbronner, Sohn der erwähnten Julie Heilbronner, der am Kräherwald eine Orthopädie-Praxis hatte. Unter dem Druck der Nazis floh er 1933 mit seiner Frau und den drei Kindern nach Palästina. Gerhard Heilbronner, der sich später in Abraham Havron umbenannte, war damals sieben Jahre alt. Julie Heilbronner, seine Großmutter, blieb in Stuttgart zurück. 1942 wurde die damals 77-jährige Frau mit rund 1100 anderen Juden nach Theresienstadt deportiert und dann in Maly Trostinec in Weißrussland ermordet.
Seit 2018 erinnert in der Hölderlinstraße 35 ein Stolperstein an sie. Zur Verleihung reiste ihr Enkel Abraham Havron aus Israel an, begleitet von seiner Tochter Lilach Kipnis und deren Söhnen Yotan und Nadav. Außerdem mit dabei: sein Sohn Aviv Havron und dessen Tochter Ella. Vorangegangen waren offenbar intensive Gespräche innerhalb der Familie. Ute Ghosh vom Initiativkreis Stolpersteine Stuttgart-Nord, die den Lebenslauf von Julie Heilbronner recherchiert hatte und bei der Stolperstein-Verlegung 2018 teilnahm, erinnert sich, dass es dem damals schon greisen Abraham Havron besonders wichtig war, sein Elternhaus am Kräherwald nochmals sehen zu können – 85 Jahre nach dem erzwungenen Auszug. In Israel hatten er und seine Frau Rina von 1947 an maßgeblich das jetzt vom Terror heimgesuchte und stark zerstörte Kibbuz Be’eri mit aufgebaut.
Die Freilassung von fünf Mitgliedern der Familie Havron, darunter der dreijährigen Yahel, deren Schicksal in der israelischen Öffentlichkeit zuletzt besondere Aufmerksamkeit fand, bedeutet allerdings kein Happy End der tragischen Familiengeschichte, über die wir nach dem Terroranschlag berichtet hatten. Tal Shoham, der Ehemann von Adi Shoham und Vater von Yahel und des siebenjährigen Neve, wird von der Hamas weiterhin als Geisel festgehalten.
Für die 67-jährige Shoshan Haran, die für die Nichtregierungsorganisation Fair Planet arbeitet, ist das Erlebte und Erlittene überdies mit einem unwiederbringlichen Verlust verbunden: Ihr Ehemann Avshalom wurde nach dem Bericht von „ynet news“ bei dem Terrorangriff ermordet. Auch ihr Schwiegersohn Eviyatar ist unter den Toten. Ebenso ihre Schwester Lilach Kipnis, die offenbar zunächst als vermisst galt. Jene Lilach Kipnis, die ihren Vater am 15. November 2018 zur Stolpersteinverlegung nach Stuttgart begleitet hatte. Von Beruf war sie Sozialarbeiterin; sie half Menschen, Traumata zu bewältigen. Abraham Havron hat den gewaltsamen Tod seiner Tochter nicht miterleben müssen. Er verstarb vergangenes Jahr im Alter von 97 Jahren.
Ein Stuttgart-Besuch, der unvergessen bleibt
Ihr gemeinsamer Stuttgart-Besuch vor fünf Jahren ist im Gedächtnis der Stadt verankert. Auch im Gedächtnis des Hölderlin-Gymnasiums. Schüler trugen bei der damaligen Feierstunde Auszüge aus dem Gedicht: „Ich möchte leben . . .“ von Selma Meerbaum-Eisinger vor, die 1942 mit 18 Jahren in einem Zwangsarbeiterlager ums Leben kam.