Natanaël Lienhard (links, als Harlekin) und Patrick Nellessen (als Dorante) sind verwickelt ins „Spiel von Liebe und Zufall“ bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall. Foto: Freilichtspiele Schwäbisch Hall/Ufuk Arslan

Philipp Moschitz inszeniert gekonnt das wohl bekannteste Stück von Pierre Carlet de Marivaux. „Das Spiel von Liebe und Zufall“. Für die knallbunte Darbietung in Schwäbisch Hall gibt es viel Applaus.

Schwäbisch Hall - Sechs kleine, knallgrün gestrichene Podeste, eines für jeden, sind über die Treppenstufen vor St. Michael verteilt – in gebührendem Abstand, versteht sich. Die Akteure der Komödie „Das Spiel von Liebe und Zufall“ sollen, nein, dürfen sich ja schließlich nicht zu nahekommen. Hält doch mal einer oder eine die gebotene Distanz nicht ein, mahnt die anderen im Chor laut „Abstand“. Für den sorgt zudem ein eineinhalb Meter langes Baguette, das in dieser Liebeskomödie des Franzosen Pierre Carlet de Marivaux (1688 – 1763) natürlich auch anderweitig zum Einsatz kommt.

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Es ist ein doppeltes Verwechslungsspiel: Silvia (Martina Lechner) soll auf Wunsch ihres Vaters Orgon (Dirk Weiler) eine standesgemäße Verbindung mit Dorante (Patrick Nellessen) eingehen. Doch der jungen Frau missfällt die Aussicht auf eine arrangierte Ehe. Also bittet sie ihren Vater, Dorante zuvor unerkannt prüfen zu dürfen. Zu diesem Zweck will sie die Rollen mit ihrer Zofe Lisette (Alice Hanimyan) tauschen. Orgon gewährt ihr dies, weiß er doch, dass Dorante auf die gleiche Idee gekommen ist und seine Identität mit der seines Dieners Harlekin (Natanaël Lienhard) vertauscht hat. Zudem schürt Silvias Bruder Mario (Martin Maecker), vom Vater eingeweiht, das turbulente Verwechslungsspiel noch kräftig.

Geküsst wird nur durch Plastikfolie

Zwischen den beiden Bediensteten in den Kleidern ihrer Herrschaft, die eine (derbe) Sprache sprechen, funkt es sofort. Am Ende gestehen sie sich gerne ein, dass sie nur Dienstboten sind – oder Frauchen und Hund, der brav ihre Befehle ausführt. Silvia und Dorante, die in den Kleidern ihrer Dienerschaft die gestelzte Sprache ihrer Schicht zelebrieren („Was bist du nur für eine Zofe, so prinzessinnenhaft wie du daherkommst.“), verlieben sich ebenfalls Hals über Kopf. Doch der vermeintliche Standesunterschied steht ihrer Liebe im Wege. Als Dorante endlich gesteht, wer er wirklich ist, gibt Silvia ihr Geheimnis nicht sofort preis. Sie will, dass Dorante bereit ist, sie auch als Zofe zu heiraten. Er ist es und das glückliche Ende – inklusive Küssen mittels Plastikfolie – gesichert.

Marivaux’ geistreiche Komödie (in der sprechbaren, flüssigen Übersetzung von Sigrid Behrens) ist mehr als ein amüsantes Verwirrspiel. Sie erzählt von gesellschaftlichen Konventionen, den Möglichkeiten und Schwierigkeiten mit der Liebe sowie den vielen Äußerlichkeiten, die ihr oft im Wege stehen. Erstaunlich heutig, obwohl das Stück vor fast dreihundert Jahren geschrieben wurde.

Ein reizvolles Spiel zwischen Nähe und Distanz

Für die Inszenierung, die sich bei Vocal Percussion und A-Cappella-Chor, Comedia dell’arte, Pantomime, Slapstick und Clownerie bedient, zeichnet ein junger Regisseur verantwortlich, der bereits als Schauspieler mit dem Metropoltheater München bei den Freilichtspielen gastierte. Philipp Moschitz setzt mit seiner ersten Regiearbeit für die Freilichtspiele Schwäbisch Hall auf einen kühnen Stilmix und zelebriert gekonnt ein reizvolles Spiel zwischen Nähe und Distanz. Ein gelungener Abend – und der ist uneingeschränkt zu attestieren – kann daraus freilich nur werden, wenn das Ensemble konzentriert und präzise agiert. Das tun die sechs Akteure die eindreiviertel Stunden dauernde Inszenierung über. Der glänzend aufspielende Dirk Weiler hält als Herr Orgon – mit optischen Anleihen an Conchita Wurst – die Fäden der Verwechslungskomödie in Händen und gibt mit perfektem Gespür für die Einsätze den Takt vor.

Das Ensemble singt a capella

Da werden Ohrfeigen pantomimisch und mit Abstand verabreicht, gestelzte Verbeugungen fast kopfüber zelebriert und zwischen den Podesten auch mal hin- und her telefoniert. Mal treten die Akteure aus der Rolle heraus, wenden sich ans Publikum, spitzen immer wieder komödiantisch zu. Das kommt alles so gekonnt und locker-leicht daher, dass es ein Vergnügen ist. Maßgeblichen Anteil am Erfolg haben auch die musikalischen Elemente der Inszenierung (Leitung: Heiko Lippmann). Das Musical erprobte Ensemble gibt mit fein arrangierten Passagen aus „Bohemian Rapsody“ (Queen), „We found love“ von Rihanna oder dem Beatles-Song „Love, love, love” a capella Kostproben ihres Könnens.

Cornelia Brey (Bühne und Kostüme) hat der komödiantischen Show den perfekten schrillen Auftritt verpasst. Die beiden Paare stecken in knallbunten Neoprenkostümen, die farblich die Zugehörigkeit zum jeweiligen Stand deutlich machen. Die Verkleidung von der Herrin zur Zofe und umgekehrt geschieht vor den Augen der Zuschauer – die beiden Schauspielerinnen wenden kurzerhand ihre Kleider. Das Licht Design (Uwe Grünewald) setzt angesichts der ohnehin beeindruckenden Kulisse aus Treppe und Kirche sparsam, doch effektvoll Akzente.

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Glückwunsch an die Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Die Entscheidung für diese „Alles anders“-Spielzeit – so lautet das Motto 2020 – und für diese wunderbar inszenierte Liebeskomödie war richtig. Der Funke springt über. Das belegt der begeisterte, lange anhaltende Applaus des (der Abstandsregeln wegen weit auseinander sitzenden) Premierenpublikums. Viele Bravo-Rufe.

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Die Spielorte: Aufgrund der geltenden Verordnung der Landesregierung werden in diesem Jahr vor der Großen Treppe nur eine geringere Anzahl an Zuschauerplätzen angeboten. Im Neuen Globe Theater kann nicht gespielt werden, als Ersatz dient die Parkbühne dahinter. Für alle Theatervorstellungen gibt es noch Karten.

Die Stücke: „Das Spiel von Liebe und Zufall“, Komödie von Pierre Carlet de Marivaux; Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal; „Don Camillo und Peppone“, Komödie von Gerold Theobalt nach Giovannino Guareschi; „Eine Sommernacht“, Stück mit Musik von David Greig und Gordon McIntyre; „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“, Kinder- und Familienstück von Roland Schimmelpfennig; Diverse Gastspiele und Soloprogramme der Ensemble-Mitglieder.

Der Kartenverkauf: Die Online-Buchung ist eingeschränkt. Beratung und Buchung bei Tourist Information Schwäbisch Hall, Hafenmarkt 3, 74523 Schwäbisch Hall, Telefon 0791 751-600, Telefax 0791 751-397, E-Mail: karten@schwaebischhall.de.

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