In Mona Krählings Freikirche gibt es nur eine Wahrheit, und die dreht sich um Gott. Sex vor der Ehe, Selbstbefriedigung, ein Kuss unter Frauen, das alles ist verboten. Als sie Mutter wird, verändert sie ihr Leben.
Die Bibel, die Mona Krähling jeden Tag in die Schule mitnimmt, ist bunt, Blümchen zieren den Einband. Sie sieht ein bisschen aus wie das Tagebuch einer typischen Jugendlichen, nur eben, dass es darin nicht um den geheimen Schwarm und erste Küsse geht, sondern höchstens um die Liebe zu Gott. Und um unverrückbare Wahrheiten.
Besondere Stellen hat Mona Krähling mit bunten Zettelchen markiert. Sie benutzt diese im Schulunterricht. Als die Evolutionstheorie gelehrt wird – also: die Menschen stammen vom Affen ab – sagt sie: „Das ist falsch, in der Bibel steht es anders drin“, und hält dem Lehrer das Buch entgegen. Manche der anderen Jugendlichen in der Klasse verdrehen die Augen, aber die meisten wussten, was kommt: Dass Mona Krähling die Bibel heranzieht, um Naturwissenschaft zu widerlegen. „Ich war der schräge Vogel“, sagt Krähling heute.
Die Welt außerhalb gilt als böse
Mona Krähling ist in eine evangelisch freikirchliche Gemeinde im Hohenlohekreis hineingeboren worden. Heute* lebt die 29-Jährige in der Region Stuttgart. Ihre Großeltern traten einst in Freikirchen ein, ihre Eltern haben nie eine andere Form des Christentums kennengelernt und auch Mona Krähling ist von Anfang an dabei: Mit den Eltern im Gottesdienst, in der Sonntagsschule, bei Jugendangeboten.
Freikirchen decken ein breites Spektrum ab. Viele sind völlig unbedenklich und leisten gute Gemeindearbeit. Es gibt aber auch einige wenige Extremfälle, in denen das Lebensrecht homosexueller Menschen oder die Verfassung infrage gestellt werden. Mona Krählings damalige Freikirche liegt wohl irgendwo dazwischen. Das Problem sei oft, dass dort eine Welt dargestellt werde, in der es ein Draußen und ein Drinnen gibt. Die Welt außerhalb ist böse, so sieht man es dort laut Krähling, nur innerhalb ist sie heil. Begründet wird letzteres mit einem wortwörtlichen Bibelverständnis.
Dieses streng religiöse Leben nimmt Mona Krähling nicht nur negativ wahr. Es gibt ihr auch Halt. Wenn es in der Welt draußen Ablehnung gab, wusste man, die Gemeinde ist da, und Gott liebt einen immer. Auf Partys durfte sie nicht gehen, Alkohol war nur in Maßen erlaubt. „Da wurde ich auch vor Eskapaden geschützt“, erzählt sie. Als Jugendliche ist Mona Krähling überzeugt von all dem. „Man möchte allen Menschen davon erzählen, damit sie auch in den Himmel kommen können“, sagt sie. „Davon“, damit meint sie den „richtigen Glauben“, denn andere Gläubige sind damals für sie sogenannte Namenschristen, also Leute, die sich zwar Christen nennen, aber es mit dem Glauben eigentlich nicht so ernst nehmen. Krähling zeigt einen gewissen Missionierungseifer, sie will später Pastorin werden, in der Schule gründet sie einen Bibelkreis.
„Ich habe geglaubt, Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung“
Der Wertekompass in der Gruppe ist rigide. Die Pille? Braucht es nicht, Sex vor der Ehe ist ohnehin nicht erlaubt. Selbstbefriedigung? Ist wie dem zukünftigen Ehemann fremdzugehen. Selbst das Schlagzeug, auf dem Mona Krähling zu spielen lernt, gilt für einige als Teufelszeug. Und Liebe? „Ich habe geglaubt, Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung, und daran kann man arbeiten“, sagt Krähling.
Mit 19 lernt Krähling einen Mann kennen. Sie beschließen später am Telefon, dass sie nun ein Paar sind. Am fünften Wochenende, an dem sie sich offiziell als Paar treffen, verloben sie sich. „Es war wichtig, ein ‚Haupt’, also einen Mann zu haben“, sagt Krähling. „Deswegen war ich froh, dass ich diese Checkbox abgehakt habe.“ Eineinhalb Jahre später heiraten sie, Krähling ist da 21, ihr Mann 22. Heute sagt sie: „Was ich am stärksten bereue ist, dass ich mir so stark Druck habe machen lassen, so früh zu heiraten.“
Nach dem ersten Kind beginnt sie, immer mehr zu hinterfragen
Mona Krähling geht als Jungfrau in die Ehe. „Sex durfte ich ganz lange nicht haben, dann musste ich aber funktionieren. Die Frau hat dem Mann zur Verfügung zu stehen“, sagt Krähling über die dominanten Vorstellungen in ihrem Umfeld. Und: „Mir wurde immer vermittelt, dass es meine Hauptaufgabe als Frau ist, Mutter zu sein.“ Bald wird sie schwanger, sie ist 23, als ihr erstes Kind zur Welt kommt. Es ist der Zeitpunkt, an dem sie langsam anfängt, das freikirchliche Strukturen und ihren Glauben kritisch zu hinterfragen.
Krähling nimmt nach der Geburt ein Urlaubssemester von der privaten Hochschule, wo sie Theologie studiert. Sie hat Zeit, nachzudenken. Sie merkt, dass ihre Theologie zu liberal geworden ist für die Kreise, in denen sie sich bewegt. Sie will keinem Menschen mehr vorschreiben, wie er seinen Glauben zu leben hat. Über Profilempfehlungen von Mama-Bloggerinnen auf Instagram stößt sie auf andere Christinnen und Christen, die ihren Glauben leben, aber ohne die starren Moralvorstellungen ihrer Freikirche. In den Kommentarspalten findet sie Gleichgesinnte. In WhatsApp-Gruppen tauschen sie sich weiter aus. Sie bauen das Instagramprofil @freikirchen.ausstieg auf. Schließlich wird Krähling Mitgründerin von „Fundamental frei“, einem Verein, der Menschen bei der Aufarbeitung von Erfahrungen mit christlichem Fundamentalismus hilft und ihnen eine Stimme gibt.
Die Lust der Frau spielte dort keine Rolle
Durch den Austausch mit anderen stellt sie sich auch erstmals die Frage, was ihr gefällt und welche Sexualität sie eigentlich leben will. In den verschiedenen Freikirchen, die sie besucht hat, habe die „Purity Culture“, also Reinheitskultur vorgeherrscht. Das heißt: Lust spielt keine Rolle, vor allem die der Frau nicht. Über Verhütung wird nicht gesprochen, über Konsens beim Sex genauso wenig wie über eigene Bedürfnisse. Gleichgeschlechtliche Liebe? Ist eine Sünde. „Ich wünschte, ich hätte als Jugendliche eine beste Freundin gehabt, mit der man mal einen Kuss ausprobiert“, sagt sie.
Heute spricht Krähling offen über Sex und die Auswirkungen dieser restriktiven Sexualmoral in ihrem Podcast „Fck Purity“. Von ihrem Mann, den sie erst in der Ehe richtig kennenlernte, ist sie mittlerweile geschieden. Vor einem Jahr hat sie ein Kind aus ihrer aktuellen Beziehung bekommen.
„Ich will, dass es einen Gott gibt“
Der Glaube und ihre Kirche habe sie in schweren Zeiten auch getragen, sie habe in der Gruppe viele liebe Menschen kennengelernt, sagt Krähling. Sie wolle den Glauben und auch die Zugehörigkeit zu vergleichbaren Gruppen niemanden absprechen, sagt sie. Sie wolle vor allem gewisse Strukturen in vielen Freikirchen kritisieren – etwa eine Kultur der Übergriffigkeit, in der die eigenen strengen Moralvorstellungen auch allen anderen aufgedrückt werden. Wer sich nicht daran halte, werde häufig ausgegrenzt. Ihre Eltern seien noch in der Freikirche. „Sie investieren sehr viel in die Gemeinde, es ist ein Hauptbestandteil ihres Lebens. Ich kann verstehen, dass sie das nicht aufgeben wollen“, sagt Krähling.
Religion spielt aber auch für Mona Krähling noch eine Rolle. „Ich weiß, dass Glaube rational nicht begründbar ist. Ich will aber, dass es einen Gott gibt“, sagt Krähling. In die Kirche geht sie immer noch, aber nicht mehr jeden Sonntag. Sie genießt die frei gewordene Zeit und entscheidet selbst, wie sie ihr Glaubensleben gestalten möchte. Inzwischen ist sie evangelisch. In dieser Kirche nehme man sie als mündigen Menschen wahr, der selbst Entscheidungen treffen könne und keine Vorschriften zum Sexualleben und Co. brauche, sagt Krähling.
*Dieser Text wurde erstmals am 19.4.2024 veröffentlicht. Mittlerweile lebt Mona Krähling in den USA.