Anfang Oktober wird in Esslingen trotz großer Finanznot ein neues städtisches Krankenhaus eröffnet. Foto: EZ-Archiv - EZ-Archiv

1930 ist ein Jahr des Umbruchs: Die Wirtschaftskrise sorgt für eine Schwächung der deutschen Demokratie. In Esslingen eröffnet dagegen das Krankenhaus und eine Neuheit in der Unterhaltung begeistert die Bevölkerung.

EsslingenIm Januar 1930 findet eine zweite Konferenz über den Young-Plan statt. Deutschlands Reparationen werden auf 112 Milliarden Reichsmark festgelegt, die in 58 Jahresraten abbezahlt werden müssen. Gegen große Widerstände der Rechtsparteien stimmt der Reichstag dem Plan zu. Im Gegenzug räumt Frankreich die linksrheinischen Gebiete, die noch unter seiner Militärverwaltung stehen. Ende Juni verlassen die letzten französischen Truppen die Region.

Das Ende der Besetzung des Rheinlands wird mit patriotischen Großkundgebungen gefeiert. Die Eßlinger Zeitung veröffentlicht einen Aufruf der Reichsregierung, all jener zu gedenken, „die während der harten Jahre der Besetzung ein Opfer ihrer Vaterlandsliebe wurden“ und „seelisch und körperlich für Deutschland geduldet haben“. Zwar sei „dem Land am Rhein die Freiheit wiedergewonnen“ worden, doch „noch harren unsere Brüder im Saargebiet der Rückkehr zum Mutterland“.

Die Arbeitslosenzahlen steigen wegen der Wirtschaftskrise weiter an, der Arbeitslosenversicherung droht die Zahlungsunfähigkeit. Am Streit über die Finanzierung der Leistungen zerbricht die Regierungskoalition, der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning wird mit der Regierungsbildung beauftragt, findet jedoch keine parlamentarische Mehrheit. Fortan wird Deutschland von einem Minderheitskabinett regiert, das sich nicht auf Beratungen und Entscheidungen des Parlaments, sondern auf Notverordnungen des Reichspräsidenten stützt. Dies ändert sich auch nach Neuwahlen im September nicht und läutet faktisch den Abschied von der parlamentarischen Demokratie ein.

Profiteure der krisenhaften Situation sind die Nationalsozialisten. Bei den Wahlen steigern sie ihre Stimmenanteile enorm. In Esslingen verzeichnen sie mit einem Plus von 4400 den mit Abstand größten Stimmenzuwachs und werden drittstärkste Partei hinter der SPD und der KPD. Auch in der Politik der Länder steigt der Einfluss. In Thüringen wird der NSDAP-Politiker Wilhelm Frick Innenminister, in Sachsen wird die NSDAP zweitstärkste Fraktion im Landesparlament.

Mit der ersten Vorführung eines Tonfilms bricht in Esslingen ein neues Zeitalter der Unterhaltung an. „Eßlingen hat einen Tonfilm gehört, das Neue bricht sich Bahn“, schreibt der Berichterstatter. „Das Geräusch gibt der Handlung Farbe, Reiz und Sinn.“ Zwar habe das Ganze „noch etwas willkürliche und etwas unausgeglichene Gewalt“, doch das Publikum habe mit Sympathie reagiert, „die sich sogar mitten in der Szene in spontanem Beifall kundtat“.

Im Oktober wird in Esslingen ein neues städtisches Krankenhaus eröffnet, „eine Heilstätte, auf welche die Stadt stolz sein kann“, schreibt die Eßlinger Zeitung. Die Klinik werde „für die Stadt und den Bezirk Eßlingen von großer Bedeutung“ sein, denn sie sei „in Bau und Ausstattung allen Anforderungen der Neuzeit gerecht geworden, ohne daß man in einen Luxus verfallen wäre, der der Not unserer Tage widersprechen würde“.

Die Buchdruckerei Otto Bechtle gibt zur Eröffnung eine Denkschrift heraus, „in sehr sorgfältiger Ausführung, in schönem Druck und in moderner Ausstattung“, wie die Eßlinger Zeitung beschreibt. Darin sei festgehalten, „daß das Haus in wirtschaftlich schwerster Zeit erbaut“ worden sei, „aber kommende Geschlechter dem Gemeinderat Eßlingen, der den Bau beschlossen hat, stets dankbar sein werden“. Der Bau bedeute eine Verschönerung des Stadtbildes und diene dem Volksganzen, schreibt das Blatt.

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