Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat während der Corona-Pandemie bei seinem Volk viel Krediet verspielt. Nun muss er um seine Wiederwahl kämpfen. Foto: AFP/YOAN VALAT

Immer weniger Franzosen halten Emmanuel Macron für einen fähigen Präsidenten. Über einen Mann, der nicht nur in der Corona-Krise überfordert wirkt.

Paris - Man kennt die Situation aus dem Fußball. Ein Stürmer hat schon lange kein Tor mehr erzielt und je verzweifelter er sich müht, den Ball über die Linie zu drücken, desto weiter entfernt er sich von seinem Ziel. Mit zunehmender Dauer dieser Pechsträhne wird die anfangs noch verhalten geäußerte Kritik vom Spielfeldrand immer ätzender. Irgendwann fragen sich sogar die treusten Fans, ob dieser glücklose Mann auf dem Spielfeld, in den alle so viel Hoffnung gesetzt hatten, der richtige für den Job ist. Emmanuel Macron befindet sich in dieser Situation.

Der französische Staatspräsident, von dem es anfangs hieß, in seinen Händen werde alles zu Gold, ist für sein Volk zu einer politischen Enttäuschung geworden. Ausgerechnet jetzt, in einer der größten Krisen der Republik, scheint Emmanuel Macron nicht in der Lage, Frankreich zu führen oder den Menschen zumindest einen Kompass zu geben.

Beißender Spott für Frankreichs Präsidenten

So ist der Spott groß, als der dritte Lockdown innerhalb eines Jahres jüngst nicht vom Präsidenten selbst, sondern von Premierminister Jean Castex verkündet wird. Der Staatschef verstecke sich hinter dem Regierungschef, heißt es, weil ihm die Lage längst entglitten sei.

Zum Verhängnis wird Macron auch seine Feldherrnrhetorik zu Beginn der Corona-Krise. Frankreich befindet sich im Krieg, verkündete er damals seinem Volk. Doch das Virus kümmerte sich nicht um diese martialische Kampferklärung und raffte trotz eines harten Lockdowns mit rigiden Ausgangssperren in Frankreich weit mehr Menschen dahin, als in den anderen Ländern Europas.

Doch ist es nicht nur Pech, das an Macrons Fersen klebte. Die Pandemie deckt mit schonungsloser Brutalität die Folgen seiner rigiden, am Markt orientierten Reformpolitik auf. So kam das Klinikpersonal schon in den ersten Monaten schnell an seine Grenzen und der Zorn angesichts kaputtgesparter Krankenhäuser entlud sich auf der Straße, während sich in den Kühlhäusern die Särge stapelten. Als dann französische Corona-Patienten aus den Intensivstationen nach Deutschland ausgeflogen werden mussten, war die Dankbarkeit der Franzosen gegenüber dem Nachbarn riesengroß – aber gleichzeitig bedeutete es eine unermessliche Schmach, dass dieses stolze Land nicht für seine eigenen Menschen sorgen konnte.

Die radikale Wende in der Corona-Politik

Zum Problem wird für Macron auch bisweilen sein Wankelmut. Als im Herbst die nächste Corona-Welle anrollte, änderte der Präsident unversehens seine Taktik. Er hörte nicht mehr auf den Rat der Virologen, sondern entschied sich für einen Laissez-faire-Kurs. Als der Pariser Großraum Ende Januar alle Alarmwerte überschritt, geschah: nichts. Auch als die Inzidenz in der wirtschaftlichen Herzkammer mit zwölf Millionen Bewohnern im März über die Marke von 400 schnellte, spielte Macron auf Zeit. An der Côte d’Azur und in Teilen Nordfrankreichs verhängte die Regierung dagegen Ausgangssperren, das Fernsehen zeigte leer gefegte Strände. Was der Präsident damit schürte, war vor allem die Wut auf die das privilegiert Paris.

Zum wiederholten Mal sieht sich Emmanuel Macron dem Vorwurf ausgesetzt, sich wie ein Monarch zu benehmen, aber nicht die Weitsicht eines Staatsoberhauptes zu besitzen. Offensichtlich hatte der Präsident zu Beginn des Jahres alles auf eine Karte gesetzt und darauf gewettet, dass das Virus mit schnellen Impfungen und der Ankunft des warmen Frühlings gebannt werden könne. Doch der Impf-Start versank im Chaos und dann wurden auch noch für einige Tage die Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin ausgesetzt. Macron hatte seine Wette krachend verloren.

Der Staatschef agiert halbherzig und ungeschickt

In dieser Situation agierte der Staatschef erneut ungeschickt und seine halbherzige Erklärung, Frankreich habe beim Impf-Stopp auf das Vorpreschen von Deutschland reagiert, machte die Sache nur noch schlimmer. „Ist es Deutschland, das Europa regiert und Frankreich sagt, was es zu tun hat?“ schleuderte ihm der konservative Senator Bruno Retailleau voller Empörung entgegen. Eine Demütigung für Emmanuel Macron, der sich seinem Volk und der Welt gerne als einziger ernst zu nehmender Führer Europas präsentiert.

Die Konkurrenz sieht inzwischen die Stunde gekommen, den Strauchelnden mit Frontalangriffen weiter zu schwächen. Vor allem Marine Le Pen macht sich berechtigte Hoffnungen, Macron im kommenden Jahr bei den Präsidentenwahlen vom Thron zu stoßen. Ihr Rivale habe einen politischen Trümmerhaufen angerichtet und das Land gespalten, ätzt die Rechtspopulistin.

Emmanuel Macrons einzige Hoffnung ist nun, die Pandemie zügig unter Kontrolle zu bekommen, denn die Bilanz seiner Regierungszeit ist bis zu diesem Zeitpunkt wenig überzeugend. In Erinnerung sind die „Gelbwesten“-Proteste, Streiks gegen die Rentenreform und das drohende Zusammenbrechen des Gesundheitssystems während der Pandemie. Ob die Franzosen ihm unter diesen Umständen die Chance auf eine zweite Präsidentschaft geben, ist so ungewiss wie nie zuvor.

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