Sebastian Vettel ist mit Maske und Sonnenbrille immer noch sehr gut zu erkennen. Foto: AFP/Joe Klamar

Der Heppenheimer Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel ist bei Ferrari unschön ausgemustert worden – und bei Mercedes gibt es wohl keine Zukunft für ihn.

Stuttgart - Sebastian Vettel zieht sich gerne in sein Privatleben zurück, schraubt an älteren Motorrädern herum oder kümmert sich um seine Familie. Dabei war er während der Corona-bedingten Formel-1-Pause die zentrale Figur der Serie, die am Sonntag in Spielberg mit viermonatiger Verzögerung den Rennbetrieb aufnimmt. Vettels Rauswurf bei Ferrari zum Saisonende und die Spekulationen um seine Zukunft hielten das Thema Formel 1 in der rennsportfreien Zeit präsent. Vettel selbst äußerte sich spärlich – und war abgetaucht.

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Nun, pünktlich zum Geisterrennen in Spielberg ist der Rennfahrer aus Heppenheim wieder aufgetaucht – und hat Klartext gesprochen. Der viermalige Weltmeister führte die offizielle Sprachregelung im Hinblick auf die Trennung ad absurdum. „Die letzten Monate war es eigentlich sehr klar und deutlich, dass man gemeinsam weitermachen will. Anfang Mai hatte ich dann ein Telefonat, in dem mir klar wurde, dass das Team nicht gewillt ist, weiterzumachen. Das war natürlich ein Schock und kam überraschend“, sagte Vettel jetzt in Spielberg mit einer auch für ihn entwaffnenden Ehrlichkeit und fügte hinzu, dass es „kein Angebot“ seitens Ferrari gab. Jetzt nachzutreten sei aber nicht seine Art.

Binotto rudert zurück

Das sind bemerkenswerte Aussagen, schließlich hatte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto im Mai noch von einer Entscheidung gesprochen, „die gemeinsam von uns und Sebastian getroffen wurde“. Doch nach Vettels Auskünften über das Telefonat zwischen den beiden, ruderte der Italiener zurück und erzählte, dass der Rennfahrer über die Absage – die getrost als Rauswurf in hohem Bogen zu bezeichnen ist – enttäuscht war. Doch hätten andere Fahrer Kontakt zur Scuderia aufgenommen, dann sei die Corona-Krise gekommen und schließlich die Debatte über die Budgetobergrenze, so Binotto – all dies sind durchaus etwas abenteuerlich anmutende Gründe, die Vettels Position schwächten. „Ja, er war überrascht“, sagt Binotto, „und ich verstehe das. Er ist heute noch nicht total glücklich damit, das ist verständlich.“

Einen der erfolgreichsten Piloten der Formel-1-Historie so abzuservieren, ist mutig. Doch zeigt es, dass die Lorbeeren von gestern heute nichts mehr wert sind. Die italienische Mannschaft hat ein Missverständnis beendet, das in fünf Jahren geprägt war von dem dominanten Gegner Mercedes, eigenem Unvermögen und sehr viel Ungeduld. Vettel wollte auf Teufel komm raus wie sein Vorbild Michael Schumacher Ferrari-Weltmeister werden – am Ende verlor aber die Teamleitung die Geduld, nicht der Pilot. Zudem ist der junge Monegasse Charles Leclerc 2019 sportlich zur Nummer eins aufgestiegen. Mit jeder schnellen Runde von Leclerc wackelte der Stuhl des Routiniers ein bisschen mehr.

Leclerc ist die Zukunft

Leclerc ist die Zukunft, Vettel aus Sicht der Italiener wohl nur noch ein Relikt aus der Vergangenheit. Die Gemeinschaft bröckelte ohnehin, je länger der große Erfolg ausblieb. Vettel ist es nicht gelungen, wie seinerzeit Michael Schumacher, bei den oftmals trägen und zur Selbstzufriedenheit neigenden Italienern eine gewisse Wettbewerbs-Faszination zu entfachen. Für Schumacher taten die Italiener alles, für Vettel nicht.

Am Freitag in Spielberg nahm er die Glückwünsche der Ferrari-Mitarbeiter zu seinem 33. Geburtstag eher mit Zurückhaltung entgegen. Die Frage ist, wie der Pilot und die Scuderia die letzte gemeinsame Saison bestreiten werden. Will der Rennfahrer es auf der Strecke noch einmal allen zeigen? Oder dreht er nur noch lustlos seine Runden?

Wenn der Hesse in der Formel 1 bleiben möchte, sollte er das nicht tun. Zumal er sich einen Wechsel zu Mercedes vorstellen kann. „Das wäre eine Option, aber ich weiß nicht, was die Pläne seitens Mercedes sind“, sagte Vettel und begründete sein Interesse nur logisch: „Der Mercedes ist das beste Auto im Feld und in gewisser Weise für jeden von uns Fahrern eine Garantie, dass er, wenn er einsteigt, um die WM mitfahren kann.“

Wolff macht wenig Hoffnung

Mercedes-Teamchef Toto Wolff wird es gerne hören. Doch am Ende kann er Vettel wenig Hoffnungen auf ein Cockpit machen. Der Österreicher verwies erneut auf eine Vertrauensbasis mit den aktuellen Piloten Lewis Hamilton (35) und Valtteri Bottas (30), die Mercedes „sehr viel bedeutet“. Mit beiden Fahrern sei man in Gesprächen über eine Verlängerung ihrer am Saisonende auslaufenden Verträge. Man werde bald die nächsten Schritte tun.

Dass Sebastian Vettel sich so anbieten muss, ist fast so tragisch wie der Rauswurf bei Ferrari. Er hätte sich jetzt auch mal eine Formel-1-Auszeit verdient: im Kreise der Familie – und auf dem Motorrad.

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