Mehr als Streaming: Der Pforzheimer Ballettchef Guido Markowitz kann sich vorstellen, Game-Konzepte und Tanz zusammenzubringen. Foto: Andrea D’Aquino/PT

Der Pforzheimer Ballettchef Guido Markowitz hat die Verbindung von Realem und Digitalem auf der Bühne angeregt und will ein jüngeres Publikum ansprechen. Unterstützung kommt vom Dachverband Tanz mit einem Förderprogramm für digitale Projekte.

Stuttgart - Not macht erfinderisch. Doch die knappe Million Euro an Fördermitteln, die der Dachverband Tanz nun in einen neuen Topf gefüllt hat, sind nicht allein der Coronapandemie geschuldet. „Tanz digital“ heißt das Programm, das der Pforzheimer Ballettchef Guido Markowitz als Vorstand des Dachverbands auf Bundesebene angestoßen hat. „Die Idee dazu kam mir schon vor zwei Jahren“, sagt Markowitz. „Mein ursprüngliches Anliegen war, mehr junge Abonnenten und Zuschauer ins Theater zu bringen, indem man ihre Affinität zu Video und Internet stärker berücksichtigt.“

Kooperation mit der Game-Szene

Das Förderpaket „Tanz digital“ ist also mehr als ein Streamingzuschuss für Choreografen, um in der Coronapandemie auf dem digitalen Weg das Publikum zu erreichen. Guido Markowitz denkt vor allem an neue technische Möglichkeiten, die sich zum Beispiel in der Kooperation mit Spieleentwicklern für den Tanz eröffnen. „Ich träume schon lange davon, Avatare und Tänzer auf der Bühne zu verbinden, so dass ein Duett von Realem und Digitalem entsteht und ein Kunstwerk, auf das man von außen Einfluss nehmen kann“, sagt Markowitz. Auch ein vom Ballett inspiriertes Videospiel für Kinder kann er sich vorstellen. „Es gibt so tolle Geschichten, die wir Choreografen entwickeln.“ Warum also nicht mehr daraus machen? „Schwanensee“ etwa als Hintergrund für einen Parcours nehmen, den der Spieler durchlaufen muss, um mit Musik und Motiven aus dem Ballett bereits früh Affinität zum Theater zu entwickeln?

Netzwerk und Wissensspeicher

Weil es für Streamingprojekte, erst recht aber für komplexe digitale Konzepte das nötige Fachwissen braucht, sieht Guido Markowitz den großen Reiz von „Tanz digital“ darin, den Austausch zu fördern und das neue Netzwerk auch als Wissensspeicher zu verstehen. „Es müssen nicht alle immer wieder die gleichen Fehler machen“, setzt Markowitz auf Wissensteilung. Wer mit einem Institut, einer Hochschule oder einer anderen Einrichtung zusammenarbeitet, kann die Fördersumme von 30 000 Euro nochmals um 10 000 Euro erhöhen. Die ersten Anträge zeigten, so Markowitz, dass diese Idee der gegenseitigen Anregung aufgehe und neue kreative Impulse setze.

Neue Perspektiven sind gefragt

Natürlich setzt die Coronakrise im Programm „Tanz digital“ einen stärkeren Akzent auf Streamingprojekte als geplant. Markowitz, der sich schon lange für freie Künstler starkmacht, sieht da vor allem für kleine Kompanien sowie für unbekannte Choreografinnen und Choreografen eine Chance, wahrgenommen zu werden. „Das Internet endet nicht in Deutschland“, sagt er, betont aber, dass nur gut Gemachtes auch eine Chance hat. Wo man Kameras positioniere, um spannende, sonst nicht mögliche Perspektiven zu ermöglichen, sind zum Beispiel Fragestellungen, die „Tanz digital“ auch in Workshops vermitteln will.

Mit der VR-Brille im Theater?

Guido Markowitz sieht den Streamingtrend als „zweischneidiges Schwert“, wie er sagt. Er selbst freut sich gerade darüber, dass er von Pforzheim aus miterleben kann, was die Kollegen weltweit machen. Doch Bühnenkunst im Digitalen müsse so mitreißend sein, dass sie beim Zuschauen Lust darauf mache, sie auch bald wieder live in der eigenen Stadt zu erleben – oder sogar zur Reise in eine andere Stadt anrege, um live zu verifizieren, was einen am Bildschirm gepackt habe. „Jetzt brauchen wir für die Zukunft neue Formen, die Streamingkunst und reales Theater verbinden, so dass beide davon profitieren“, hofft Markowitz. „Denn jeder Künstler, der auf der Bühne steht, braucht Applaus. Das ist es, was wir gerade wahnsinnig vermissen.“

Mit der VR-Brille im Theater sitzen? An großen Bildschirmen in der Vorstellungspause mit Online-Zuschauern chatten? Wer solche Zukunftsszenarion erschreckend findet, wer Tanz und Theater ganz klassisch schätzt, muss sich keine Sorgen machen, beruhigt Guido Markowitz: „Theater ist so vielschichtig und hat so viele unterschiedliche Ebenen, die man bedienen kann, dass hier für jedes Publikum Platz ist.“

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