Passagiere im Terminal des Stuttgarter Flughafens. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt - Lichtgut/Christoph Schmidt

Der Abstand bis zur Obergrenze, die mit einer Start-und-Lande-Bahn möglich erscheint, beträgt noch 4,3 Millionen Fluggäste. Wie lange reicht dieser Puffer wohl noch?

StuttgartBeim langfristigen Mittel der Fluggastentwicklung rechnen die Flughafenchefs in Zeiten des Klimawandels gern mit moderaten Zunahmen von zwei bis drei Prozent. Doch tatsächlich hat es 2019 zum zweiten Mal in Folge ein sattes Plus gegeben. Der Flughafen Stuttgart ist ruckartig in Richtung Kapazitätsende vorgerückt – als das Coronavirus, dessen Verbreitung noch Folgen für die Reisebranche haben dürfte, allerdings noch kein Problem war.

Es war zwar keine Zunahme um 8,5 Prozent, wie beim Neujahrsempfang der Flughafengesellschaft am 8. Januar vermeldet wurde. Doch mit 12 731 670 Passagieren ist die Fluggastzahl 2019 auch nach kompletter Auswertung der Daten um eine knappe Million und immerhin 7,6 Prozent gewachsen – nach einem Plus von 7,8 Prozent im Jahr zuvor. Nun trennt den Flughafen noch eine Lücke von 4,3 Millionen Fluggästen von der Obergrenze, die man mit einer Start-und-Lande-Bahn und bei vernünftigen Betriebszeiten für erreichbar hält. Ginge es so weiter wie zuletzt, dann könnte schon Ende 2024 das Ende der Fahnenstange erreicht sein.

Terminals reichen für 14 Millionen

Die Flughafenchefs aber rechnen so: Nimmt man die bisher höchste Zahl von Starts und Landungen, die pro Jahr erreicht wurde (164 736 Flugbewegungen im Jahr 2006), und multipliziert man sie mit der bisher höchsten durchschnitt­lichen Passagierzahl pro Flug (109 Fluggäste), dann kommt man auf knapp 18 Millionen. Bei der erwähnten konservativen Betrachtung runden die Flughafenverantwortlichen lieber auf 17 Millionen ab. Und wenn man einen mittleren Zuwachs von zwei bis drei Prozent annimmt, halten sie es für wahrscheinlich, dass diese Fluggastzahl etwa 2032 oder 2033 erreicht wird. Theoretisch, hat Walter Schoefer, Sprecher der Flughafengeschäftsführung, gesagt, könnte man das auf bis zu 20 Millionen steigern, aber dann müsste der Betrieb täglich 18 Stunden dauern. Darunter wären Tageszeiten, zu denen kaum jemand fliegen möchte – und die Anwohner sich sehr stark gestört fühlen würden.

Die Gebäude verkraften, auch weil die Sicherheitskontrollen mehr Platz erfordern, weniger Passagiere. „Derzeit sind die Terminals für etwa 14 Millionen Passagiere ausgelegt“, heißt es. Weitere Baumaßnahmen werden schon vorbereitet, um die Gebäudekapazität zu erhöhen. Die Operation „Terminalentwicklung STR 4.0“ ist jetzt auch in eine Beschlussvorlage gepackt worden, weil man für diese Weichenstellung die Zustimmung der Gesellschafter, also des Landes und der Landeshauptstadt, einholen will. Die Gremien sollen die Vertreter von Stadt und Land in der Gesellschafterversammlung beauftragen, der „modularen Terminalentwicklung“ zuzustimmen.

Nach und nach will man bestehende Gebäude energetisch sanieren und umbauen, anstelle der alten Halle mit dem Namen Terminal 4 ein neues T 4 bauen. Damit in der Bauphase die Kapazität nicht drastisch schrumpft, soll westlich des Terminals 1 ein Interimsgebäude entstehen. Das schrittweise Vorgehen soll bei schwankender Passagierentwicklung und wirtschaftlichen Turbulenzen Korrekturen ermöglichen. Die Investitionen von 2,2 Milliarden Euro bis zum Jahr 2043 muss die Firma aus eigenen Einnahmen stemmen. Zuschüsse von den Gesellschaftern werden ausgeschlossen. Den Mandatsträgern wird nicht nur zugesichert, dass „die Terminalentwicklung keinen zusätzlichen Flächenverbrauch verursachen wird“ und dass keine neuen Flächen versiegelt werden, in der Vorlage steht auch: „Die modulare Terminalentwicklung wird keinen Bedarf einer zweiten Start-und-Lande-Bahn nach sich ziehen.“

Aber will man die Passagierentwicklung dauerhaft deckeln, wenn die Kapazität der Startbahn erschöpft ist? Dazu erklärt die IHK Region Stuttgart, die Frage des Ausbaus hänge unter anderem von der Nachfrage ab. Aber auch Themen wie der Klimaschutz dürften in der Debatte nicht vernachlässigt werden. Man gehe davon aus, dass Anschluss- und Zubringerflüge ersetzt werden könnten, wenn der Flughafen an den Schienenfernverkehr angebunden werde. Daher müsse die Leistungs­fähigkeit des Flughafens „immer wieder neu bewertet werden, auch aus dem Blickwinkel unserer Mitgliedsunternehmen“.

Anwohner vertrauen auf Grüne

Auch aus Sicht des Stuttgarter Wirtschaftsministeriums muss es darum gehen, „die vorhandenen Kapazitäten des Flughafens bestmöglich zu nutzen und zum anderen durch den Ausbau des Fernverkehrs gerade auf der Schiene die Anbindung an die Flughäfen Frankfurt/München weiter zu optimieren, so wie es mit Stuttgart 21 ja geplant ist“. Der Schutzgemeinschaft Filder gefallen diese Haltungen. Pressesprecherin Gabi Visintin sieht darin auch eine Folge des wachsenden Problembewusstseins, was die Klimafolgen des Fliegens angeht.

Zum Schutz der hervorragenden Filderböden und der Wohngebiete müsse die Flughafenentwicklung „eingefroren werden“. Solange die Grünen im Südwesten mitregierten, rechne sie nicht mit einem Startbahnausbau, sagt Visintin. Aber die politischen Verhältnisse seien nicht in Stein gemeißelt. Notfalls werde man jedoch sicher wieder eine Protestbewegung hinbekommen wie bei der früheren Ausbaudebatte.

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