Dietlind Mandelmeier betrachtet Fotos aus ihrer alten Heimat im Sudetenland und den Text, den sie als Zehnjährige verfasst hat. Foto: /Barbara Scherer

Dietlind Mandelmeier aus Esslingen ist als kleines Mädchen aus dem Sudetenland geflohen. Der Krieg in der Ukraine lässt ihre Erinnerungen wieder aufbrechen.

Eine hübsche gepflegte Wohnung auf dem Zollberg: Blumen schmücken den Raum, Fotos zeigen lachende Menschen, niedliche Kinder, ein Sittich singt in seinem Vogelbauer. Die Bewohnerin, Dietlind Mandelmeier, ist eine Frau von 87 Jahren, der man ihr Alter nicht anmerkt. Klare blaue Augen, Gesichtszüge, die die Schönheit ihrer jüngeren Jahre bewahrt haben, eine helle feste Stimme und ein klarer Verstand. Ihr Lachen klingt ansteckend fröhlich, doch in jüngster Zeit mischt sich Besorgnis, ja Angst in ihren Alltag. Die jüngsten Ereignisse in der Ukraine setzen ihr zu. Was, wenn es wieder zu einem großen europäischen Krieg kommt. Sie fürchtet um die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder. Dazukommt, dass das Schicksal von flüchtenden Menschen in den Medien ihr eigenes Schicksal wieder präsent werden lässt.

Reifer Text einer Zehnjährigen

Vor Dietlind Mandelmeier liegt eine Art Brief, handgeschrieben mit Bleistift, die Buchstaben eng aneinandergefügt auf dem begrenzten Platz. Mit zehn Jahren hat sie den Text verfasst, als sie nach Vertreibung und Flucht aus dem Sudetenland 1946 in Heidenheim gelandet war. Da lagen Verfolgung, Todesbedrohungen, Beschuss und Rennen um das nackte Leben schon hinter ihr. „Ich habe noch nie wirklich darüber gesprochen, was ich als kleines Mädchen erlebt habe“, bekennt sie. Das wollte sie doch alles hinter sich lassen.

Ein Blick zurück: Als sie mit ihrer Mutter und drei jüngeren Geschwistern 1945 ihre Heimat im Sudetenland im heutigen Tschechien verlassen musste, hatte die Familie nur wenig Zeit, ein paar Habseligkeiten zusammenzupacken und sich in einen der drei von der deutschen Wehrmacht bereitgestellten Busse zur Ausreise zu setzen. Eine Nachbarin hatte der Mutter eine Tasche mit Hülsenfrüchten zur Bevorratung aufgedrängt, die die kleine Dietlind trug. Diese Tasche sollte noch eine bedeutende Rolle spielen.

In der Schule machte das Mädchen schlimme Erfahrungen

Die Busfahrt geriet zur Höllenfahrt: „Wir wurden beschossen, ein Bus brannte komplett aus, niemand dort überlebte“, erinnert sie sich. In ihrem Bus starben Menschen in ihrer nächster Nähe, sie sah, wie ein Baby auf dem Schoß seiner Mutter ins Gesicht geschossen wurde, ein alter Mann brach blutend und sterbend über ihr zusammen, der Busfahrer nahm sich vor ihnen das Leben aus Angst vor der Rache der tschechischen Angreifer. Irgendwie schaffte es die Familie zu überleben und konnte sich über weitere Stationen bis 1946 nach Heidenheim durchschlagen. Untergebracht bei fremden Menschen ging das zehnjährige Mädchen wieder zur Schule – und erlebte weitere Grausamkeiten. „Ein Lehrer schlug mir bei einer falschen Antwort ins Gesicht, verhöhnte mich und nannte mich eine ‚Zigeunerin’“, berichtet sie. Das beschreibt sie in ihrem Text, der für eine Zehnjährige sehr reif und reflektiert ist und den sie erst kürzlich eher zufällig wiedergefunden hat. „Ich ballte meine kleinen Fäuste voller Wut, und fragte mich, wie kann ich diesen Menschen beweisen, dass ich auch jemand bin, wenn nicht durch mein Benehmen und mein Wesen“, liest sie vor und fügt nachdenklich hinzu: „Ich war wohl ein ziemlich tapferes kleines Mädchen.“

Ihren Willen und ihre Widerstandskraft – heute würde man von Resilienz sprechen - kanalisierte Dietlind in Strebsamkeit und Ehrgeiz, wurde Zahntechnikerin, bildete sich weiter und brachte es zur Physiklaborantin. Bei der Firma Standard Electric war sie in die Entwicklung von Röhrchen für die russischen Sputnik-Sonden involviert. Sie heiratete, bekam zwei Töchter, schrieb Gedichte, malte und hielt die Vergangenheit im Hintergrund. Bis zu einem Tag in den 70er Jahren, als sie im Rahmen einer medizinischen Behandlung eine Röntgenaufnahme des Nierenbeckens durchführen lassen musste. Dabei wurde ein metallisches rundes Teil aufgenommen, das nach mehrmaligem Überprüfen nur einen Schluss zuließ: In ihrem Nierenbecken steckte eine Kugel. Mit dieser Erkenntnis war auch die Frage gelöst, wie das kreisrunde Loch in der Tasche mit den Hülsenfrüchten zustande gekommen war. Als der Bus bei der damaligen Flucht beschossen wurde, hatte auch Dietlind eine Kugel abbekommen, spürte im allgemeinen Schockzustand jedoch nichts.

Schmerzhafte Erkenntnis

„Die Erkenntnis war schmerzhaft, aber irgendwie auch erleichternd“, sagt sie im Rückblick. Das Lesen ihres Texts und das erstmalige Sprechen über ihre Erlebnisse bringen ihr nicht nur Erleichterung. Der Krieg in der Ukraine und das Schicksal der Flüchtenden machen ihr Angst. „Da denke ich an meine beiden Enkelkinder, und frage mich, ob sie in Frieden aufwachsen werden?“ Und sie mahnt an, sich in das Schicksal von Geflüchteten zu versetzen: „Menschen, die nur ihr nacktes Leben retten können und mit nichts in der Fremde landen.“

Ein Tag gegen den Krieg

Antikriegstag
Der Antikriegstag wird seit 1966 an jedem 1. September eines Jahres durch den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und weitere Organisationen veranstaltet. Der 1. September wurde als Tag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs 1939 gewählt, um mit Kundgebungen darauf aufmerksam zu machen. Diese wenden sich vor allem gegen die Rüstungspolitik und damit gegen die Gefahr eines dritten Weltkrieges.

Kundgebung
Der DGB Kreisverband Esslingen-Göppingen lädt am Freitag, 1. September, um 17 Uhr zu einer Kundgebung an die Nikolauskapelle auf der Inneren Brücke in Esslingen ein. Die Rednerin ist Jaqueline Andres von der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen. Die Veranstaltung endet mit einer Kranzniederlegung.