Marlene Streeruwitz Foto: S.Fischer/Heribert CORN - S.Fischer/Heribert CORN

Eine an der Liebe scheiternde Frau steht im Mittelpunkt von „Flammenwand“. Bei den Esslinger Literaturtagen LesART sprach Autorin Marlene Streeruwitz über die Macht der Hausväter.

EsslingenDie Macht der Hausväter ist ein zentrales Thema in Marlene Streeruwitz’ Werken. Schwer nur verarbeitet ihre Protagonistin Adele in „Flammenwand – Roman mit Anmerkungen“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt, 22 Euro) das Trauma ihrer Jugend, als der Vater ihren Bruder vor ihren Augen mit einer Rute schlug. „Eine besondere Demütigung“ sei das für die Schwester gewesen, sagte die Autorin bei ihrer Lesung im Rahmen der Literaturtage LesART im Kutschersaal der Stadtbücherei Esslingen. Das Mädchen selbst bekam kaum Schläge. Sie war aber zum tatenlosen Zusehen verdammt.

Im Mittelpunkt des Romans steht die schwierige Liebesbeziehung der Hauptfigur Adele mit Gustav, den sie liebevoll „Gustl“ nennt. Sie folgt dem hohen Beamten nach Stockholm, gibt ihr bisheriges Leben auf, teilt sich mit ihm eine kleine Wohnung. Auf Augenhöhe bewegen sie sich nie. Dieses Ungleichgewicht beschreibt Streeruwitz beklemmend klar in einer Eingangsszene, als Adele an einem frostigen Wintertag für ihren Geliebten Kaffee holen will. Obwohl er auf sie warten wollte, geht er aus dem Haus. Als sie ihn auf der Straße sieht, folgt sie ihm blind: „Seine Füße waren auf der Höhe ihres Kopfs. Als ginge sie selbst mit diesen Füßen in diesen Schuhen, beeilte sie sich, ihm nachzukommen. Auf seine Höhe hinaufzukommen.“ Daran scheitert Adele. Seit ihrer Kindheit hat sie gelernt, zu Männern aufzuschauen. Höhenangst bremst sie aus.

Den Blick ihres Lesepublikums alleine auf Beziehungskisten zu lenken, das wäre der temperamentvollen Autorin zu wenig. Ihr feministischer Ansatz prägt auch den neuen Roman „Flammenwand“. Da reflektiert sie Dantes „Göttliche Komödie“ ebenso wie die österreichische Politik der Gegenwart: „Unser junger Bundeskanzler ist auch ein Hausvater“, urteilte Streeruwitz in der Lesung mit Blick auf Sebastian Kurz. Die „rechtsrechte“ Regierung ist nicht nur im Text Thema. In den Anmerkungen streut die Autorin tagespolitische Versatzstücke aus ihrem Heimatland Österreich ein, beginnend mit dem Montag, 19. März 2018.

Den Ansatz der Dramatikerin und Romanautorin brachte Moderator Paul Jandl treffend auf den Punkt: „Es bleibt nie beim rein Privaten. Jede Beziehung hat ihr System. Wir sind hier im patriarchalen System.“ Der österreichische Lektor und Literaturkritiker führte im Kutschersaal ein erhellendes Gespräch mit der Schriftstellerin, in dem es vor allem um Geschlechterrollen ging. „Weshalb holt die Frau immer den Kaffee?“, fragte die Autorin ketzerisch. Im Musterland Schweden, einem der Schauplätze ihres neuen Romans, bekämen Frauen und Männer die gleiche Pension. Das sei in Österreich völlig anders, da erhielten Frauen im Schnitt nur 48 Prozent. Diesem „Kaffeeholer-Gap“ (deutsch: Kluft) ging Jandl im Gespräch mit Streeruwitz pointiert auf den Grund, ohne dabei die literarische Faszination der Künstlerin zu vergessen.

Was Streeruwitz selbst als „Bewusstseinsstromtechnik“ gar zu sachlich beschreibt, sind Gedanken- und Sprachblitze, die im besten Sinn aufwühlen: „Warum verwandelte sich alles in Gefühle. Bei ihr. Im Körper. Körperlichkeiten. Warum konnte nichts im Kopf bleiben. Warum wanderte jeder Gedanke in ihren Körper. Hinunter. Breitete sich aus. Erfüllte sie. Warum musste sie mit allen denken.“ In Passagen wie diesen reflektiert Streeruwitz Geschlechterkonstruktionen stark. Sätze brechen auseinander, zerfallen in einzelne Worte. So reißt „Flammenwand“ die Leserinnen und Leser in einen grandiosen Fluss seelischer Abgründe.

Denn trotz aller Ausflüge in die österreichische Politik, die Streeruwitz und Jandl dem Esslinger Publikum in pointierten Häppchen nahe brachten, ist „Flammenwand“ ein Roman über eine Frau, die an den Rand ihrer eigenen Existenz gepeitscht wird. Das durchschnittliche Leben will Adele überwinden. Immer wieder wagt sie Fluchten aus der Belanglosigkeit. Die aber versickern im Alltag einer Welt, die sich ganz nach den Bedürfnissen der Männer richtet. Selbstbewusste Frauen haben da keinen Platz. Gefragt sind die „Prinzessinnen“, mit denen die Autorin aus feministischer Sicht hart ins Gericht geht.

Kritisch sieht die Künstlerin auch gewisse christliche Weltbilder: „Uns Frauen wird gesagt, dass im Verschwinden unserer Wünsche die Erfüllung liegt. Das ist sehr christlich.“ Obwohl ihre Protagonistin Adele versucht, im Berufsleben Fuß zu fassen, einmal wie einst der Vater „ein Mittelpunkt zu sein“, lässt sie sich zunehmend in Frustration fallen. Das versperrt ihr den Weg in ein selbst bestimmtes Leben, in die reale Liebe: „Sie liebte ihre Tragödie. Sie liebte ihre Tragödie so, wie sie das Kind geliebt hätte.“

Mit dem Klischee vom verbissenen Feminismus räumten Marlene Streeruwitz und Moderator Jandl auf. Nach ihrem lustvollen Gedankenaustausch auf der Bühne genoss die Autorin beim Signieren der Bücher sichtlich das Gespräch mit ihren Leserinnen und Lesern.

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