Schiedsrichter-Chef Knut Kircher wird an Aschermittwoch die Fastenrede beim Böblinger Fischsuppenessen halten. Im Vorfeld sprach er im Interview über Höhen und Tiefen seiner Karriere.
Einer der bekanntesten deutschen Fußballschiedsrichter ist Knut Kircher. Der gebürtige Tübinger hat bis 2016 Hunderte nationale und internationale Partien geleitet. An Aschermittwoch ist der 57-Jährige beim Böblinger Fischsuppenessen in der Kongresshalle zu Gast. Passend zu seiner Zeit als Referee wird er zum Thema „Erfolg ist eine Frage der Entscheidung“ sprechen. Wir haben uns im Vorfeld mit dem ehemaligen FIFA-Schiedsrichter unterhalten.
Herr Kircher, Sie waren viele Jahre Fußball-Schiedsrichter auf höchstem Niveau – welche Höhepunkte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Der Aufstieg als Schiedsrichter in die Bundesliga 2002 war natürlich etwas ganz Besonderes. Zu meinen absoluten Highlights zählt aber das DFB-Pokalfinale 2008 (Anm. d. Red.: Der FC Bayern München gewann mit 2:1 nach Verlängerung gegen Borussia Dortmund). Wenn du den Rasen im Berliner Olympiastadion betrittst und weißt, eine ganze Nation schaut jetzt auf dieses eine Spiel, dann ist das etwas ganz Tolles. Es sind aber auch die großartigen Stadien in Deutschland mit einer super Stimmung, an die ich ebenfalls sehr gerne zurückdenke.
Sie waren ja auch häufig international unterwegs. Welche Eindrücke haben Sie davon mitgenommen?
Ich hatte das große Glück, als FIFA-Schiedsrichter die Welt kennenlernen zu dürfen. Da waren auch Länder dabei, die nicht unbedingt auf meiner Urlaubsliste standen. Libyen, Saudi-Arabien oder Katar zum Beispiel. Ich erinnere mich an ein Spiel im norwegischen Tromsø, nördlich des Polarkreises, da war es 24 Stunden taghell. Das sind Erlebnisse, die meinen Horizont erweitert haben. Es waren aber nicht nur die Spiele, sondern auch die Begegnung mit anderen Kulturen und Menschen. Global agieren und wirken zu können, war etwas sehr Schönes.
Knut Kircher lässt sich von schlechter Erfahrung nicht einschüchtern
Können Sie sich auch an einen kritischen Moment in Ihrer Schiedsrichter-Karriere erinnern?
Ja, das war ganz am Anfang. Ich pfiff mit 22 Jahren ein Spiel in der Bezirksliga zwischen dem TSV Waldenbuch und dem TSV Hildrizhausen. Leider gelang es mir nicht wirklich, eine gute Spielleitung hinzulegen. Ich weiß noch genau, dass das Publikum von meiner Performance ganz und gar nicht begeistert war, was sie mir vor allem nach dem Spiel deutlich zu verstehen gegeben haben. Da gab es dann einen Spießrutenlauf bis in die Kabine. Da hätte meine Schiedsrichter-Karriere schon im Keim erstickt werden können, ich habe aber dennoch weitergemacht. Schiedsrichter haben manchmal ein Gedächtnis wie ein Elefant, solche Erlebnisse vergisst man nicht.
Sie sind vor einiger Zeit nach Aidlingen-Dachtel gezogen. Wie gefällt Ihnen Ihre neue Heimat?
Sehr gut, meine Lebensgefährtin und ich fühlen uns sehr wohl. Die ruhige Lage ist angenehm, außerdem ist die kurze Entfernung zu meinen Eltern auch ein schöner Aspekt.
Dachtel hat im vergangenen Jahr 750-Jahr-Jubiläum gefeiert. Waren Sie dabei?
Die Feierlichkeiten habe ich natürlich mitgemacht, wir waren bei zwei Abendveranstaltungen und haben alles mitbekommen. Für mich gehören solche Feste dazu. Ich will mich hier nicht verkriechen, sondern am öffentlichen Leben teilnehmen.
Ist ihnen denn die Rivalität zum Nachbarort Deufringen schon zu Ohren gekommen?
Die ist mir natürlich schon aufgefallen – obwohl es mich gewundert hat, dass der Sportplatz des FSV Deufringen eigentlich in Dachtel liegt. Diese traditionellen Rivalitäten kenne ich auch aus meiner alten Heimat rund um Tübingen. Ich finde es schön, wenn man sie freundschaftlich am Leben hält.
Sie haben 2016 Ihre aktive Schiedsrichterkarriere beendet – wie haben Sie Ihr letztes Spiel in Erinnerung?
Sportlich ging es um nichts mehr, der FC Bayern war schon Meister und Hannover 96 bereits abgestiegen, ich konnte also nichts mehr falsch machen. Die Vorfreude auf das Spiel war groß, und es war mir sehr viel wert, dass Familie und Freunde dabei waren. Im Endeffekt konnte ich mich ordentlich mit einer vernünftigen Leistung verabschieden. Die Momente nach dem Abpfiff habe ich sehr genossen. Natürlich war es emotional, weil es eine prägende, schöne Zeit war.
Mittlerweile sind sie DFB-Schiedsrichter-Chef, verspüren sie da einen besonderen Druck?
Ich verspüre da keinen Druck. Mit der Übernahme dieser Aufgabe war mir klar, dass ich nach außen und innen Verantwortung trage. Dieser Job verlangt, Rede und Antwort zu stehen. Ich möchte proaktiv auf die Menschen zugehen und eine gewisse Transparenz schaffen. Mein Ziel ist es, mit einem großen Netzwerk dem Fußball etwas Gutes zutun.
Sie werden beim Aschermittwoch-Fischsuppenessen in Böblingen die Fastenrede halten – worum wird es gehen?
Das Thema Entscheidungen ist schon immer ein Teil meines Lebens – sei es als Führungskraft bei Mercedes-Benz oder als Schiedsrichter. Unter dem Titel: „Erfolg ist eine Frage der Entscheidung“ will ich den Bogen meiner persönlichen Laufbahn zu allgemeinen Lebenssituationen spannen und Situationen als Schiedsrichter in andere Bereiche des Lebens übertragen. So kurzweilig wie möglich, geschmückt mit Anekdoten aus meiner Schiedsrichterzeit. Und bei so einem Thema wird es sicher auch interessante Fragen aus dem Publikum geben.
Zur Person
Privat und beruflich
Knut Kircher wurde 1969 in Tübingen geboren und lebt seit Kurzem in Aidlingen-Dachtel. Bis 2024 arbeitete er als Ingenieur bei der Daimler AG. Seitdem ist er Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH.
Schiedsrichter-Karriere
Zwischen 1997 und 2016 kam er als DFB-Schiedsrichter in 244 Bundesligaspielen und 128 Zweitligapartien zum Einsatz. Von 2004 bis 2012 gehörte er zudem dem Kreis der FIFA-Schiedsrichter an. In der Saison 2011/12 wurde er zum DFB-Schiedsrichter des Jahres ausgezeichnet.