Der Stuttgarter Filmemacher Franz Böhm hat seinen ersten großen Spielfilm abgedreht. „Keep Her Quiet“ erzählt von unterdrückten Uiguren; gedreht wurde auch im Stuttgarter Pressehaus.
Im vergangenen Jahr durfte sich der Stuttgarter Filmemacher Franz Böhm über eine Auszeichnung bei den „britischen Oscars“ freuen: Mit „Rock, Paper, Scissors“ (Schere, Stein Papier), einer wahren Geschichte aus der Ukraine, gewann er den British Academy Film Award (Bafta) in der Kategorie „bester Kurzfilm“. Erzählt wird darin die tragische Geschichte von Ivan. Der 17-jährige Ukrainer setzte sein Leben aufs Spiel, um ein provisorisches Krankenhaus an der Front zu schützen.
Ähnlich dramatisch und ebenfalls von wahren Begebenheiten inspiriert ist das Drehbuch zu Franz Böhms neuem Film. Um die Unterdrückung der Uiguren in China geht es, um geheime Umerziehungslager, um die Flucht einer Gefangenen und die Aufklärungsarbeit einer Journalistin.
Knapp drei Wochen lang in Baden-Württemberg gedreht
„Keep Her Quiet“ heißt der Spielfilm, für den das Team um den in Stuttgart geborenen Filmemacher und seinen Produzenten Johannes Schubert im vergangenen Jahr an rund 20 Tagen auch in Baden-Württemberg drehte. Wichtigster Standort war dabei das Stuttgarter Pressehaus; drei Monate lang wurden hier die Dreharbeiten vorbereitet und zum Teil umgesetzt. Ein zentraler Ort der Filmhandlung wurde zum Beispiel in der ehemaligen Druckerei in Möhringen nachgestellt, wo früher Zeitungen in hoher Auflage vom Band liefen. Redaktionsbüros einer amerikanischen Zeitung wurden in nicht mehr genutzten Räumen inszeniert, das Pressehaus-Foyer trat als Flur eines Flughafens auf – mit täuschend echtem Mobiliar aus dem Bereich der Sicherheitskontrolle.
Hohe Sicherheitsvorkehrungen
Nicht nur wegen der hohen Sicherheitsanforderungen an ein politisch brisantes Projekt wie „Keep Her Quiet“ kamen dem Filmteam die inzwischen leer stehenden Flächen am Rand von Möhringen entgegen. „Die Situation im Pressehaus war herausragend“, sagt der Produzent Johannes Schubert am Telefon; das Team habe hier ungefährdet und in Ruhe arbeiten können. Nicht ohne Grund gibt er erst nach Abschluss der Dreharbeiten Auskunft über das Projekt.
Hassnachrichten für Böhms Team
Dass Druck auf seine Arbeit ausgeübt wird, hat Franz Böhm bereits 2021 bei seinem Dokumentarfilm „Dear Future Children“ erlebt. Im Fokus dieser Dokumentation stehen drei junge Aktivistinnen, eine davon lebt in Hongkong. „Es gab auf unterschiedlichen Ebenen Versuche, gegen mich und das Projekt vorzugehen“, sagt der Regisseur am Telefon. Den fertigen Film konnte er in China nur heimlich zeigen. „Ich bin deshalb sehr dankbar und stolz, dass auch unser neuer Film von verschiedenen deutschen und schwäbischen Institutionen unterstützt wird. Sie stehen hinter dem Projekt und erachten es als wichtig“, betont der 26-Jährige. Auch bei seinem neuen Projekt wehrt sich das Team bereits gegen Hassnachrichten und Drohungen.
Für Baden-Württemberg, da sind sich Regisseur und Produzent einig, sei „Keep Her Quiet“ ein besonders großes internationales Filmprojekt. Realisiert wird es als deutsch-österreichisch-schweizerisch-schwedische Koproduktion, an der mehrere Fernsehsender beteiligt sind. Derzeit erfolgt der Schnitt in Berlin; Premiere soll auf einem Festival sein, bevor der Film in die Kinos kommt. Dass seine Filme trotz schwerer Stoffe den Weg zum Publikum finden, ist Franz Böhm sehr wichtig. Über „Keep Her Quiet“ sagt er: „Ich bin sicher, dass es ein spannender politischer Thriller wird mit einer packenden Geschichte und tollen Charakteren.“
Eine der beiden Hauptrollen spielt Bahargul Basco, eine uigurische Schauspielerin aus den USA, die andere die in Paris lebende Cannes-Gewinnerin Zar Amir. Auch Deutschland, weiß Franz Böhm, hat eine wachsende uigurische Community. Zu ihr gehört zum Beispiel die Familie Kasim, die in Stuttgart das Restaurant Yipek Yoli betreibt und für den Film uigurische Gerichte zubereitete. Oder Suli Kurban, eine Filmemacherin, die in München lebt. Sie hat am Drehbuch für „Keep Her Quiet“ mitgeschrieben und steht Franz Böhm als Co-Regisseurin zur Seite. „Die Unterstützung der uigurischen Community war unglaublich“, sagt Franz Böhm. Und er ist sich sicher, dass sein Film über die spezielle Situation dieser Minderheit universelle Themen anspricht: Menschenwürde zum Beispiel oder die Freiheit von Presse und Kunst. China würde Uiguren mit Tricks zurück ins Land locken, um sie in Lager zu stecken, weiß Franz Böhm: „Es ist ein Land, das problemlos Menschen im Ausland unter Druck setzen und bedrohen kann.“
Es geht um Menschenwürde und Freiheit
Mit „Rock, Paper, Scissors“ erreichte Franz Böhm 2024 die Oscar-Shortlist, als einziger Studentenfilm im Wettbewerb. „Allein Teil dieses Prozesses gewesen zu sein, war eine große Ehre“, sagt er. Dass ein Film über ein ernstes Thema im Hollywood-Kontext diskutiert wird, sieht Böhm nicht als Widerspruch. „Ich liebe alle Aspekte des Filmemachens. Ein Teil meiner Arbeit ist es, möglichst viele Menschen mit unseren Filmen zu erreichen. Ich drehe keine Filme für den roten Teppich, aber schätze die Filmemacher-Community“, sagt der 26-Jährige, der bereits seit mehr als zehn Jahren dazugehört.
Ebenso lange begleiten Franz Böhm schwere Stoffe, um Ungleichheit und Obdachlosigkeit ging es in seinen ersten Werken. „Ich mache Filme über Geschichten, die mich wirklich beschäftigen. Nicht, weil sie besonders düster sind, sondern weil sie etwas über uns erzählen“, betont Franz Böhm und fügt an: „Mich interessieren Geschichten, die gesellschaftlich relevant sind. Und ich glaube, dass Film vor allem Empathie erzeugen und helfen kann, uns und andere besser zu verstehen.“
Mit 16 Jahren der erste Kurzfilm
Künstler
Franz Böhm wurde 1999 in Stuttgart geboren. Der Sohn des 2011 bei einem Motorradunfall verunglückten Stuttgarter Gastronomen Peter Böhm arbeitete früh bei Filmproduktionen mit und drehte als 16-Jähriger den ersten eigenen Kurzfilm. Seine Ausbildung schloss er an der renommierten britischen Filmschule NFTS ab, wo er den Produzenten Johannes Schubert kennenlernte. Gemeinsam realisierten sie 2021 den Dokumentarfilm „Dear Future Children“, der auf mehreren Festivals Publikumspreise gewann, mit dem deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde und weltweit in den Kinos lief.
Film
„Keep Her Quiet“, Böhms Spielfilmdebüt, wurde von Oktober bis Dezember 2025 an verschiedenen Orten in Baden-Württemberg, Bayern und Washington DC gedreht. Es wird von der MFG Baden-Württemberg mit 750.000 Euro gefördert; das Drehbuch schrieb der Regisseur gemeinsam mit Samuel Geist und seiner Co-Regisseurin Suli Kurban. Im Cast finden sich auch die britischen Schauspieler Jonathan Pryce und Amir El-Masry. Filmsprachen sind Uigurisch, Mandarin und Englisch.