Die Stadträte sehen den Film bei ihrer Sitzung in der Liederhalle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mit dem Film „Die doppelte Lücke“ mahnt das Projekt Stolperkunst einen bewussten Umgang mit der NS-Zeit im Rathaus an.

Stuttgart - Die Daten und Kommentare knallen wie Paukenschläge in die Stille der verwaisten Flure im Stuttgarter Rathaus: „Am 9. Februar März 1933 fand die letzte Sitzung des demokratisch gewählten Gemeinderates statt, am 8. März besetzte die SA das Rathaus, am 16. März übernimmt Karl Strölin das Amt des Oberbürgermeisters, am 9. Mai wird Karl Strölin von den Nationalsozialisten als Oberbürgermeister eingesetzt.“ Diese Chronologie des Schreckens, die das Ende der Demokratie auch im Stuttgarter Rathaus markiert und bis 1945 viele Opfer forderte, ist eine der vielen eindringlichen Szenen des Films „Die doppelte Lücke“, mit dem das Projekt Stolperkunst neue Impulse zur Aufarbeitung der NS-Geschichte im Stuttgarter Rathaus geben will. Seine Premiere erlebte der 11-Minuten-Kurzfilm in der letzten Sitzung des Gemeinderates vor der Sommerpause.

Die Zerstörung der Demokratie

„Nirgendwo im Stuttgarter Rathaus wird auf die Zerstörung der kommunalen Demokratie im Frühjahr 1933 unter der Regie von OB Karl Strölin hingewiesen“, stellte Harald Stingele von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. schon seit langem missbilligend fest. Wer die Porträtgalerie der Stadtoberhäupter im ersten Stock des Rathauses betrachte, müsse den Eindruck gewinnen, dass Stuttgart zwischen 1933 und 1945 gar keinen Oberbürgermeister hatte: Auf Karl Lautenschlager, der von 1911 bis 1933 hier amtierte, folgt 1945 Arnulf Klett. Ein kommentarloser Zeitsprung in die wieder erlangte Demokratie. Alles wieder gut. Die Unperson dazwischen findet nicht statt. Als wären die zwölf Jahre dazwischen ein unbeschriebenes Blatt Papier. Vielmehr ist es ein ganzes, aber dunkles Kapitel.

Die meisten verlieren ihre Existenz, andere das Leben

„Eine bemerkenswerte Leerstelle“, nennt Stingele diese Lücke. Der Film füllt sie umso eindrücklicher aus, wenn Karl Strölin, dargestellt vom Schauspieler Jan Uplegger, tönt, dass der neue Gemeinderat nur noch eine Partei, natürlich die NSDAP, kenne, dass das Führerprinzip innerhalb der Gemeindeverwaltung durchgesetzt werden müsse, wenn er von volkshafter Zusammengehörigkeit schwadroniert und keinen Zweifle daran lässt, dass nicht mehr alle dazu gehören werden. Keine Fiktion, alles belegt und wirklichkeitsgetreu zitiert. Im Rathaus sind es insgesamt 173 Arbeiter, Angestellte und Beamte, die durch das Netz des Systems fallen. Ihre Namen werden komplett im Abspann genannt, Schuhe, die leer und verlassen im Paternoster stehen bleiben oder über die Treppe herunterfallen, symbolisieren ihr Schicksal. Die meisten verlieren ihre Existenz, andere ihr Leben. Wie Emy Brüll und Emile Levi, zwei der entlassenen jüdischen Mitarbeiter, die später ermordet wurden. Und wie der Gemeinderat Heinrich Baumann, der als Kommunist in Dachau inhaftiert war und hier im Februar 1945 ermordet wurde.

Zwei Tage im leeren Rathaus gedreht

An Heinrich Baumann wird mit einer Straße im Stuttgarter Osten und einem Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus erinnert. Aber im Rathaus wird nirgendwo der Opfer gedacht? Die Gedenktafel im Erdgeschoß ist nur sehr pauschal „den Opfern des Zweiten Weltkriegs zum Gedächtnis und den Lebenden zur Mahnung“ gewidmet.

Zwei Lücken, die nicht länger klaffen sollen. „Wir wollen sie mit dem Film bewusst machen und den Anstoß geben, sie in angemessener Form zu schließen“, sagt Harald Stingele, zusammen mit Julianna Herzberg, Adrian Schmidt, Jan Uplegger und Regisseur Christian Werner für Idee und Konzept verantwortlich. Zwei Tage lang hatte das Team die Möglichkeit, im pandemiebedingt leeren Rathaus zu drehen. Es ist nicht mehr das Rathaus, in dem Strölin und die Nationalsozialisten das Sagen hatten. Aber gerade die Bilder des aktuellen Gebäudes transportieren eine andere Botschaft der Filmemacher: Dass auch der scheinbar sichere Hort der Demokratie wie das Stuttgarter Rathaus in falsche Hände fallen kann: „Wir haben diesen Film für eine Gegenwart gemacht, in der demokratische Institutionen angegriffen werden, und wollen an die Fragilität der Demokratie erinnern“, betonte Harald Stingele vor dem Gemeinderat. Allein mit Fakten, knapp und prägnant, ohne Betroffenheitskitsch und ohne anzuklagen. Dafür sei das Mittel der Kunst, in dem Fall der filmischen, wirksamer als noch so viele Gedenkreden.

Team Stolperkunst schlägt Wettbewerb vor

Die Botschaft ist angekommen, der Marsch aufs Kapitol in Washington am 6. Januar wurde nicht nur einmal in den anschließenden Reaktionen der Fraktionsvorsitzenden als warnendes Beispiel für die jederzeit präsente Gefährdung der Demokratie erwähnt. Martin Körner (SPD) würdigte den Widerstand vieler Genossen, an der Spitze Kurt Schumacher, der nach 1945, gezeichnet von Haft und Folter in Konzentrationslagern wie dem Heuberg, als führender Sozialdemokrat die Demokratie der Bundesrepublik mitgestaltete: „Auch für uns gibt es eine Menge zu tun.“ „Wir müssen uns diesen Lücken stellen“, war der einhellige Tenor quer durch alle Parteien.

„Ich bin gespannt, was aus unserem Impuls gemacht wird“, sagt Stingele und hofft auf einen offenen demokratischen Prozess. Wie lassen sich diese Lücken füllen? Keine einfache Aufgabe. In der Porträtgalerie der honorigen Oberbürgermeister hat Karl Strölin auch weiterhin nichts zu suchen. Das Team Stolperkunst schlägt einen Wettbewerb vor. Und wünscht sich, dass im Rathaus eine Medienstation eingerichtet wird, an der „Die doppelte Lücke“ in Dauerschleife, also lückenlos, laufen kann.

Info

Film
Wer den Film „Die doppelte Lücke“ jetzt bereits anschauen will, kann dies tun unter http://www.stolperkunst.de/die-doppelte-luecke/

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