Auf der Leinwand verkündet Kirill Serebrennikov „ein gutes Ende in Afrika“, wo er seinen „Hänsel und Gretel“-Film gedreht hat. Das gute Ende für den inhaftierten Regisseur steht aus, die Aufführung mit Diana Haller als Hänsel (li.) und Esther Dierkes als Gretel (re.) setzt ein Protestsignal. Foto: Thomas Aurin Quelle: Unbekannt

Von Martin Mezger

Stuttgart - Hörnerschall tutet wie aus tiefem, tiefem „Freischütz“-Wald. Der innere Film schaltet bei Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“-Vorspiel unweigerlich auf Loden­grün und deutsche Eiche, Moosmatte und Farnkraut. Der äußere Film, der auf der Bühne läuft, zeigt afrikanische Männer, die über einen See rudern. Ein Blickwegweiser: Hier geht’s lang mit der Märchenoper, ihrem nachwagnerischen, mit allerlei Volks- und Kinderliedgut kandierten Klang-Hokuspokus - ab nach Afrika. Dort wird mit einem Lumpenballen Fußball gespielt, während die Oper ihr „Brüderchen, komm tanz’ mit mir“ aufs Märchenparkett legt. Getanzt wird dann auch in Afrika, aber eine ungleich kessere Sohle: Hiphop-Akrobatik statt püppchenhafter Kinderballett-Niedlichkeit à la „Mit den Füßchen tapp tapp tapp“.

Humperdincks Kinderarmut-Pittoreske aus dem Geist großbürgerlich-sentimentaler Retroromantik reibt sich an den afrikanischen Filmbildern. Und darauf kommt es dem Regisseur Kirill Serebrennikov an. Das Armutsklischee der 1893 uraufgeführten Oper mit dem Libretto Adelheid Wettes nimmt er dort beim Wort, wo das Klischee einigermaßen präzise sozialgeschichtliche Realität spiegelt. Und überträgt es an einen Ort, wo unser schlechtes Wohlstandsgewissen Not und Kinderarbeit nicht als Geschichte, sondern als soziale Realität hinprojiziert: nach Afrika. In Ruanda drehte Serebrennikov im Frühjahr einen Stummfilm mit der 14-jährigen Ariane Gatesi als Gretel und dem 13-jährigen David Niyomugabo als Hänsel. Getreulich folgt der Film der Handlung, nur eben in Bildern der heutigen afrikanischen Alltagsrealität.

Doppeltes Spiel

Es ist ein doppeltes Spiel: einerseits die einzige plausible Möglichkeit, mit dem angeschimmelten Opernkitschschinken glaubwürdig umzugehen. Andererseits wird eine alte durch eine neue Armutsprojektion ersetzt. Mit Märchen und Oper borgt sich ein rein europäisches Narrativ seine Bilder aus Ruanda. Zwar verzichtet Serebrennikov löblicherweise auf Spendenkampagnen-Schockbilder von aufgequollenen Hungerbäuchen und erloschenen Kinderaugen. Aber die ruandische Perspektive, die afrikanische Subjektivität kommen trotz Anspielungen auf den Völkermord von 1994 in dem Film nicht vor.

Serebrennikov ist sich dessen sehr wohl bewusst. Und Kritik geht ins Leere, denn eine Reibungsfläche fehlt bei der Aufführung der Stuttgarter Oper: Serebrennikovs Live-Inszenierung. Der russische Regisseur wurde mit haltlosen Unterschlagungsvorwürfen von der Moskauer Justiz unter Hausarrest und Kontaktsperre gestellt: ein widerliches Berufsverbot für einen kritischen Künstler - Realität auch hier, in Europa, nicht nur in Afrika. Die Opernintendanz entschied das einzig Richtige: Die Aufführungen finden statt, Serebrennikovs Bühnenbilder und Kostümentwürfe bleiben im Fundus. Bis zur Freilassung des Regisseurs, der dann seine Inszenierung fertigstellen soll. Wann entscheidet der russische Repressionsapparat.

Auf der Bühne im Opernhaus hängt die große Leinwand für den nahezu fertigen Film, darunter sitzt das Orchester, mit dem Dirigent ­Georg Fritzsch die opulente Partitur Humperdincks lichtet und liftet, auf sehnige Klarheit statt Schmacht und Schmalz trimmt - so weit wie möglich und lediglich mit ein paar wenigen Wackelkontakten zu den im Rücken des Dirigenten agierenden Sängerinnen und Sängern. Alles weitere ist: bewusste Lücke, Leerzeichen als politisches Signal. Teile des Ensembles (und einige Zuschauer) tragen „Free Kirill“-T-Shirts.

Was in die Lücke springt, gleicht zunächst einem konzertanten Soundtrack zum Stummfilm. Dann kommt, zwischen Reisigbündeln und Hexenbesen als einzigen Requisiten, szenische Improvisation ins Spiel, gemeinsam entwickelt vom Ensemble. „Ein Märchen von Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikov“, lautet der Untertitel. Erzählt wird die Erzählung eines Erzählers, der beim Erzählen nicht weitererzählen durfte. Deshalb gibt es Brüche, epische Einsprengsel, dezent, aber deutlich. „Eines Tages erwachten die Sänger und hatten keinen Regisseur mehr. Er wurde eingesperrt“, heißt es in bitter aktuellem Märchenton. Und die Hexe, mit besenfuchtelndem Extemporé von Michael Ebbecke als Vater recht lautstark beschworen, ist bei ihrem Auftritt im dritten Bild umgeben von maskierten Schergen, wie sie Serebrennikov verhaftet haben.

Pussy Riot umgekehrt

Daniel Jung travestiert das böse Knusperweib mit prächtigem Tenor als Besengitarre schrammender Punkrocker: Pussy Riot umgekehrt, sozusagen. Verkörpert er/sie hier doch die Staatsgewalt, das „System“ wie Serebrennikov sagt - nicht nur das russische. Im Film bleibt die Hexe deshalb ausgespart, im Opernhaus schwenkt die Live-Kamera ins Publikum und projiziert es auf die Leinwand: Wir sind gemeint, wir Reichen. Die Hexe ist keine Figur, sondern steht für Verhältnisse und Verhängnisse, die wir anrichten.

Ihr finsterer Wald ist zwar noch afrikanische Großstadt-Peripherie. Ihr Knusperhäuschen aber ist der hiesige Wohlstandskapitalismus mit seinen globalen Ungerechtigkeiten: Stuttgarter Konsummeilen, Sahnetorten und Süßwarenabteilungen sind seine lockenden Insignien für die Kinder, die der Opern-Sandmann (schön gesungen von Aoife Gibney) wundersam in die Königstraße, zum Breuninger, in die Jeans-Halle und andere Shopping- und Kulturtempel gebeamt hat. Direkt von den Killing Fields des ruandischen Völkermords, wo in paradiesischer Landschaft die Opfer die Masken der Anonymität fallen lassen, hoffnungsweiß gewandet wie am Ende der Chor der erlösten Hexen-Kuchenkinder.

Esther Dierkes hat bis dahin eine leuchtende Gretel gesungen, Diana Haller einen exquisiten Mezzo-Hänsel, beide mit Fülle des Wohlklangs, ohne walkürenhaft zu forcieren. Letzteres bleibt bei Irmgard Vilsmaier als Mutter nicht ganz aus, passend aber zum Rollenprofil und gut eingebunden in geschmeidige Deklamation und Melodik. Musikalisch strebt alles zu Humperdincks Happy-End, filmisch zur Hoffnung. Ein Happy-End auch für Afrika? „Naja, nicht ganz. Doch. Ein gutes Ende in Afrika“, sagt Serebrennikov in einer dazwischengeschnittenen Dokumentaraufnahme. In einem anderen Zwischenschnitt sagt Hänsel-Darsteller David: „Ich weiß, dass Deutschland Ruanda kolonialisiert hat“ - und zwar just zu der Zeit, als Humperdinck seine Oper komponierte.

Es bleibt ein Unbehagen bei den holden Tönen, dem süßlichen Erlösungsraspeln, dem hoffnungsfreudigen Finale - und danach: Ariane Gatesi und David Niyomugabo werden wie Stars bejubelt. Aber Visa für sie zu bekommen, war selbst für die Stuttgarter Oper schwierig (für andere wäre es nahezu unmöglich). Brüderchen, komm tanz mit mir? In den Konsularabteilungen der deutschen Botschaften hört der Spaß auf, wenn das Brüderchen schwarze Hautfarbe hat. Einige derer, die sich zu stehendem Applaus erhoben haben, könnten politischen Einfluss darauf nehmen. Bis es so weit ist, sind solche Ovationen eine Selbstfeier der Heuchelei. Von allem anderen in puncto globale Ungleichheit ganz zu schweigen. Davon wäre weiterzuerzählen - wenn denn Kirill Serebrennikov irgendwann mal darf.

Die nächsten Vorstellungen: 26. Oktober, 4. November, 2., 13., 16. und 26. Dezember, 7. und 14. Januar.

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