Während der berühmte Philosoph dem NS-Regime nahestand, wagte sein jüngerer Bruder Fritz öffentlichen Widerstand. Er gilt als einziger mutiger Fasnetsredner im Südwesten.
Es ist die letzte Pointe, und man muss vermuten, dass manchem das Lachen im Hals stecken bleibt. Gerade ein Jahr liegt Adolf Hitlers Machtergreifung zurück, aber der Redner wagt schon eine Prognose: „Wenn in wenigen Jahren der zweite Weltkrieg ausbricht, schlimmer als der erste, wenn asiatische, japanische Flugzeuge über Meßkirch kreisen und einige hundert Giftgranaten abwerfen, dann seid ohne Furcht.“ Doch er verspricht keinen Heldentod. Nur eines sei bis dahin „stündlich zu üben und zu trainieren“, nämlich zu werden, was „ihr schon immer gewesen seid: von A bis Z ein Häuflein Dreck!“
Für seine Narrenrede ist Fritz Heidegger nicht in die Bütt gestiegen und schon gar nicht auf einen Katheder. Er steht auf einem wackeligen Holzgestell. Hoch droben schwebt er über den Meßkirchern. Zu Hunderten stehen sie damals vor dem klassizistischen Rathaus der kleinen badischen Amtsstadt im Nirgendwo zwischen Alb und Bodensee, Schwarzwald und Oberschwaben. Alle wollen ihn hören, auch wenn er nur der Bruder des berühmten Martin Heidegger ist. Philosoph ist er auch nicht, sondern nur der Kassier der Meßkircher Kreditkasse. Aber ein Narrenphilosoph, das ist er vielleicht schon.
Fritz Heidegger ist der Star unter den Büttenrednern
Wenn Holger Schank, der Chef der Meßkircher Katzenzunft, das Foto betrachtet, das die Altvorderen in die liebevoll gestaltete Vereinschronik für das Fasnachtsjahr 1934 einsortiert haben, dann wundert ihn die Hellsichtigkeit, aber auch die große Menge an Menschen, die in Straßenkleidung um ihn herumstehen. „Heute ist das Publikum ja auch verkleidet“, sagt Schank. Und dann fehlt dem Redner auch noch ein Mikrofon. Heute bringe jede Panne an der Tonanlage eine Veranstaltung an den Rand des Abbruchs. Offenbar hatte Heidegger eine kräftige Stimme. Trotzdem frage er sich, „was die Menschen überhaupt verstanden haben“. Und das meint Schank nicht nur akustisch.
Damals ist Fritz Heidegger der Star unter Meßkirchs Büttenrednern. Wenn er auftritt, sei das „närrische Volk kaum noch in Schach zu halten“, wie 1938 selbst die gleichgeschaltete „Bodensee-Rundschau“ einräumt. Offenbar verstehen die Zeitgenossen die vielen Andeutungen auf die große und die kleine Politik, mit denen Heidegger seine Vorträge spickt. „Mer hot nit nur lache, sondern au denke messe“, zitiert der Literaturwissenschaftler und Heidegger-Biograph Hans Dieter Zimmermann die alten Meßkircher.
Fritz ist vier Jahre jünger als sein großer Bruder, geboren an Fasnachtsdienstag 1894. Und eigentlich ist auch ihm eine Karriere als Akademiker in die Wiege gelegt. Wie für Kinder aus einfachen Verhältnissen im katholischen Teils Südbadens üblich, führt der Weg zu höherer Bildung damals über das Konradihaus in Konstanz. Dort ist Conrad Gröber der Leiter, ebenfalls ein Meßkircher. Während des Nationalsozialismus wird er als Erzbischof von Freiburg eine umstrittene Rolle spielen: für die einen ist er ein „Brauner Conrad“, der die Katholiken mit dem NS-Staat versöhnt, für die anderen ist er ein mutiger Kämpfer gegen den Krankenmord, der auch Juden geholfen haben soll.
Auf der Narrenbühne ist das Stottern wie weggeblasen
Zu Anfang des Jahrhunderts aber holt der Priester die Meßkircher Knaben, wenn sie die genügend Grips und das richtige Gesangbuch haben, nach Konstanz. Die beiden Heidegger-Buben sind die Söhne des Mesners. Fritz will sogar Pfarrer werden. Doch das strenge Internat bekommt ihm gar nicht. Er entwickelt eine sprachliche Behinderung, die alle Zukunftspläne zunichtemacht. Kein Satz kommt in einem Fluss heraus. Das Erstaunliche: später auf der Narrenbühne ist sein Stottern wie weggeblasen.
Zwei der damaligen Reden sind erhalten geblieben. Fritz Heideggers Sohn Heinrich, später Pfarrer in St. Blasien und im nahen Schwandorf, hat sie heimlich abgeschrieben, als sein Vater die Absicht gehabt hatte, „alle seine Produkte zu verreißen“, wie Heinrich unter der Abschrift notiert hat. Die Reden haben es in sich. Intellektuell verklausuliert übt Fritz, der anders als sein Bruder Zeit seines Lebens ein treuer Katholik bleibt, Fundamentalkritik an der „neuen Zeit“.
Als Graf Christoph von Zimmern, Erbauer des Meßkircher Schlosses, tritt er 1934 vor die gläubige Narrenschar. Der Sommer 1933 sei heiß gewesen, er habe „alles braun werden“ lassen, witzelt er. Bis zuletzt haben die Meßkircher mehrheitlich Zentrum gewählt. Doch im Jahr danach passen sich viele erstaunlich geräuschlos der neuen Lehre an. Heidegger hat für die, die sich nun als Elite fühlen, nur Spott übrig. „Jeder von euch ist eine Null, eine komplette Null; und wer daran zweifelt, dass er eine Null ist, der ist sogar eine Obernull!“, schärft er den Zuhörern ein und fügt hinzu: „Hütet euch vor diesen 110-prozentigen!“ Dann gipfelt er in einem Satz, den die Zuhörer sowohl auf Heideggers Philosophenbruder als auch auf den „Führer“ persönlich beziehen können: „Auch der scheinbar autonomste Geist, der größte Gelehrte, das gewaltigste Genie ist – von oben gesehen – ein armseliger Schleimscheißer.“
Der Führer ein „Schleimscheißer“? Das traut sich niemand
Solche Worte waren die absolute Ausnahme. Unter der Narrenkappe sagt der Narr den Mächtigen unverblümt die unbequemen Wahrheiten. Dieses Selbstbild der Narretei wird gern verbreitet. Doch im Nationalsozialismus ist davon wenig zu erkennen. Lieber reißen die Akteure harmlose Witze über Alltagsbeschwernisse. Teilweise wird sich sogar über die Opfer des Nationalsozialismus lustig gemacht. „Die meisten wollten gar nicht ausprobieren, wie weit die berühmte Narrenfreiheit zur aufmüpfigen Rede noch reichte“, sagt der Konstanzer Historiker und Museumschef Tobias Engelsing, der sich in einer Ausstellung im vergangenen Jahr mit dem Thema befasst und unter dem Titel „Maskeraden“ eine kritische Geschichte der Fasnacht publiziert hat.
Ausnahmen gibt es nur wenige. In Köln muss Karl Küpper wegen seiner wagemutigen Parodien zum Gestapoverhör und erhält ein Auftrittsverbot. In Mainz wagt Seppel Glückert freche Pointen gegen die Naziprominenz. Sonst herrscht Anpassung, auch im närrischen Südwesten. Das Stockacher Narrengericht wird der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ unterstellt, jüdische Mitglieder werden ausgeschlossen. Die Konstanzer Saalfasnacht wird an die örtlichen NS-Kulturstellen angebunden. Nur in Meßkirch ist es anders. Ausgerechnet der jüngere Bruder von Martin Heidegger lässt sich nicht vereinnahmen, sagt Engelsing.
In den Briefen der Heidegger-Brüder ist nachzulesen, wie Martin seinen jüngeren Bruder fast missionarisch dazu bringen wollte, die „historische Größe“ des Nationalsozialismus anzuerkennen. Doch der blieb distanziert. Das ist auch Heideggers Narrenrede von 1937 anzumerken, in der er sich über inszenierte Massenaufläufe, Fahnenkult und das ständige Gerede von der „Volksgemeinschaft“ lustig macht. „Lasst wehen die Fahnen, lasst flattern die Wimpel“, zitiert er ein Nazilied und reimt furchtlos weiter: „Und wer es nicht glaubt, ist auch kein Simpel.“
Der Antisemitismus seines Bruders ist Fritz Heidegger fremd. Unter den Meßkirchern gebe es alle Religionen: Buddhisten, Konfuzianer, Mohammedaner und sehr viele Juden, stellt er schon 1934 fest. Nun warnt er davor, dass viele die Volkswerdung der Nation mit einem alten Kasernenhof verwechselten. Und dann spielt er auf das Spitzelwesen an. Denn das sei ja die „wunderbarste Tatsache“ daran: „Alles zieht an einem Strick, und keiner traut dem anderen.“
Heidegger lästert, und die SA hört mit
Fasnacht halten, heiße nichts anderes, „als sich auf den Kopf stellen, damit die trübe Wasserbrühe Eurer Voreingenommenheit besser ablaufen kann“, ist Heideggers Credo. Deshalb sei er zu den Narren gekommen, und nicht „wegen der SA und auch nicht wegen des Elferrates“. Dass die SA wegen ihm gekommen war, ist allerdings gut möglich. Ob die Kämpfer seine Anspielungen verstanden, ist unklar.
Tatsächlich hat Fritz Heidegger wegen seiner Narrenreden keine größeren Repressionen erlebt. Womöglich fehlte es in Meßkirch an besonders eifrigen Nazis. Vielleicht schützte ihn aber auch die Prominenz des Bruders, der lange Zeit als eines der wichtigsten Aushängeschilder im Wissenschaftsbetrieb des NS-Staats galt und zu dem er zeitlebens ein enges Verhältnis pflegte.
Der Fliegerangriff kommt kurz vor Kriegsende
Der von Fritz Heidegger 1934 prophezeite Fliegerangriff kam übrigens erst kurz vor Kriegsende über die Meßkircher. Keine asiatischen, wohl aber amerikanische Bomber zerstörten am 22. Februar 1945 als Teil der Operation Clarion den Bahnhof und mehrere Wohnhäuser. Auch die Bank, bei der Fritz Heidegger mittlerweile im Vorstand saß, wurde getroffen. Einige Manuskripte, die er für seinen Bruder Martin dort gelagert hatte und die teils von dessen Antisemitismus zeugen, konnten heil aus dem Tresor geborgen werden. Die meisten der mutigen Narrenreden sind hingegen verloren.