Familienpatin Uschi Meine mit den Kindern, die sie gerade betreut. Foto: Privat - Privat

Das Projekt Familienpaten lebt von Freiwilligen. Ehrenamtliche gehen bis zu vier Stunden die Woche in Familien, die in einer schwierigen Situation stecken, und kümmern sich um die Kinder.

Kreis EsslingenAlleine und ungestört zum Friseur gehen, einen Arzt- oder Behördentermin wahrnehmen, oder einfach mal kurz durchschnaufen. Das sind Dinge, die für Eltern von Kindern unter drei Jahren nicht selbstverständlich sind. Oft helfen Familie, Schwiegereltern oder enge Freunde, indem sie die Kleinen von der Kita abholen und stundenweise betreuen. Aber für Eltern, die zum Beispiel erst seit Kurzem in Esslingen wohnen und sich noch kein soziales Netzwerk aufbauen konnten, sind solche einfachen Wünsche oft nicht zu erfüllen. Dabei helfen die Familienpaten. Das Projekt, das unter dem Dach der Kinderschutzbundes Esslingen steht und derzeit zur Hälfte aus Spendengeldern des Vereins sowie über die Bundesstiftung Frühe Hilfen finanziert wird, bietet seit rund sieben Jahren Hilfe und Entlastung für Familien mit Kindern unter drei Jahren an.

Die Familienpaten – ehrenamtliche Männer und Frauen – gehen maximal vier Stunden in der Woche in das Heim einer Familie, beschäftigen sich mit dem Kind und geben den Eltern dadurch die Gelegenheit, auch mal etwas für sich zu tun. Zielgruppe des Projektes sind vor allem sehr junge Eltern, Alleinerziehende oder Familien, die aufgrund von Krankheit, Behinderung, Arbeitslosigkeit oder Verschuldung besonders belastet sind. Aber eben auch Eltern in Trennungs- und Scheidungssituationen sowie Familien, die aufgrund von Umzug oder Migration kein funktionierendes Netzwerk haben. „Wir wollen Familien in einer aktuell schwierigen Situation unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Die Familienpatinnen und -paten verschaffen den Familien Freiraum, damit diese sich neu organisieren und Belastungen meistern können“, erklärt Irmgard Greiner, die die Familienpaten im Kreis Esslingen koordiniert.

Greiner hat ein Netzwerk von rund 20 Familienpatinnen und -paten, auf das sie zurückgreifen kann. Genug seien das aber noch lange nicht. Eigentlich sollen die Familienpaten nämlich möglichst nah an ihrem eigenen Wohnort eingesetzt werden. „Aber wir sind für den gesamten Landkreis mit seinen 350 000 Einwohnern zuständig. Ich bin froh, dass die Familienpaten teils bereit sind, etwas zu fahren“, erklärt Greiner. Die Sozialpädagogin mit familientherapeutischer Zusatzausbildung nimmt die Anfragen an, wählt einen passenden Familienpaten und terminiert ein erstes gemeinsames Gespräch. „Immer wieder sind auch Ehrenamtliche dabei, die gerade pausieren und nicht in Familien gehen können“, sagt Greiner. Und wenn man versteht, wie eng die Familienpaten mit den Familien zusammenarbeiten, ist es gar kein Wunder, dass sie ihre Zeit brauchen, um über eine Familie hinweg zu kommen.

Aufgaben individuell

Ein halbes bis ein Jahr verbringen die Familienpaten bis zu vier Stunden wöchentlich mit den kleinen Kindern. Das hinterlässt Spuren. „Es ist jedes Mal schwierig“, sagt Uschi Meine (siehe Foto) über das Ende der Zeit in einer Familie. Sie ist seit fünf Jahren Familienpatin. „Erstens wachsen mir die Kinder ans Herz – ich liebe sie – und zweitens ist man eine Vertrauensperson für das Kind, aber auch für die Mutter. Ich fühle mich wie ein Familienmitglied.“ Sich abzugrenzen, sind sich die Familienpaten einig, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Ehrenamtes. Das bestätigt auch Heinz Roos, der seit drei Jahren Familienpate ist. Bei seinem allerersten Einsatz hat er eineinhalb Jahre eine Familie unterstützt, die erst ein halbes Jahr zuvor nach Deutschland gekommen war. Noch heute steht er mit der Familie in Kontakt. Meine: „Man muss aber echt aufpassen, dass man nicht zu viel macht. Ich habe mich hin und wieder dabei ertappt, dass ich im Laden Spielsachen für das Kind kaufen wollte, das ich betreut habe.“

Was die Familienpaten mit den Kindern unternehmen, hängt von der Situation und natürlich vom Kind ab. Bei Roos’ erstem Einsatz hat es zwar auch ein Kind unter drei Jahren in der Familie gegeben, er habe sich aber mehr mit dem sechsjährigen Sohn befasst. „Die Hausaufgabenbetreuung war bei ihm das Hauptaugenmerk.“ Häufiger gehen die Familienpaten mit den Kindern spazieren oder zum Spielplatz, lesen oder singen ihnen vor.

Fitte Rentner und erfahrene Mütter

Im Schnitt sind die Familienpaten 40 Jahre oder älter. „Es sind meistens fitte Rentner oder Mütter nach der eigenen Familienphase“, erklärt Greiner. Die Motivationen, dieses Ehrenamt auszuüben, sind vielfältig. „Bis vor drei Jahren habe ich immer einen Tag pro Woche auf meine Enkel aufgepasst. Als sie mit ihrer Familie wegzogen, ist für mich ein Vakuum entstanden“, begründet Roos seine Entscheidung, sich mit den Kindern fremder Leute zu beschäftigen. „Das ist interessant, denn man erhält nicht nur Einblicke in Bereiche, die man gar nicht kennt – zum Beispiel den Alltag einer kinderreichen Familie – sondern man merkt auch erst, was man durch den Beruf früher bei den eigenen Kindern verpasst hat.“ Es ist keine Voraussetzung, dass Familienpatinnen oder -paten eigene Kinder haben, erklärt Greiner. „Wichtig ist, dass man Empathie für Kinder mitbringt und bereit ist, mit ihnen umzugehen“, sagt Rosemarie Rinner, die seit drei Jahren als Familienpatin aktiv ist. Auch Flexibilität sei ein wichtiger Punkt – mit ein Grund, warum viele Rentner in dem Ehrenamt zu finden sind. „Ich finde es schön, dass es auch Berufstätige gibt, die das machen, aber die Flexibilität der Rentner ist einfach Gold wert“, sagt Greiner.

„Flexibilität der Rentner ist Gold wert“

Wer sich mit den Familienpaten in Verbindung setzen will, kann das telefonisch unter 0711/3515326 oder per E-Mail an irmgard.greiner@ksb-es.de tun.

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