Foto: Gaby Weiß - Gaby Weiß

Wohnen mal anders: Das Senioren-Ehepaar Ulla und Gunther Claus wohnt im Gartengeschoss, im Rest des Hauses wohnt die junge Familie von Bianca und Philip Obrigewitsch.

EsslingenJeder weiß, dass die Lage auf dem Wohnungsmarkt angespannt ist. Jeder kennt Familien, die monatelang nach einer bezahlbaren Bleibe suchen. Und jeder kennt ältere Menschen, die in zu groß gewordenen Wohnungen leben. Im Esslinger Norden praktizieren zwei Familien ein unkonventionelles Modell: Das Senioren-Ehepaar Ulla und Gunther Claus hat sein Haus ganz bewusst zu einem moderaten Preis an die junge Familie von Bianca und Philip Obrigewitsch verkauft, mit lebenslangem Wohnrecht für Familie Claus im Gartengeschoss. Die Älteren freuen sich, dass wieder Leben im Haus ist, die Jungen schauen nach dem Rechten, wenn die Senioren verreist sind. Man teilt sich den Garten, man kümmert sich umeinander und hat diesen Entschluss noch keine Minute bereut.

„Eigentlich hat die Geschichte schon vor 30 Jahren begonnen, als wir in Griechenland ein Häuschen fürs Alter gebaut haben, um dort nicht nur Urlaub, sondern auch länger Zeit verbringen zu können“, erinnert sich Gunther Claus. Vor etwas mehr als zehn Jahren – seine Frau Ulla war bereits in Altersteilzeit, er selbst stand kurz vor der Rente – entschied das kinderlose Ehepaar, Nägel mit Köpfen zu machen. Zwei Möglichkeiten standen zur Wahl für ihr 1928 erbautes Haus. Option eins: „Wir vermieten und ziehen selbst unters Dach.“ Angesichts von zwei Hunden, vielen Treppenstufen und regelmäßigen Aufenthalten in Griechenland war ihnen schnell klar, dass das nicht funktionieren würde. Also Option zwei: „Wir bauen für uns das Gartengeschoss aus und verkaufen das Haus unter der Bedingung, dass wir unten wohnen bleiben.“ Interessenten, die sich auf eine entsprechende Annonce meldeten, hatten freilich andere Vorstellungen: Die einen wollten die Vorbesitzer keinesfalls im Haus haben, andere wollten das Haus abreißen und durch einen Neubau ersetzen.

Über eine Bekannte, die sich ehrenamtlich im Jugendtreff Nord engagiert, erfuhr Familie Claus vom dortigen Jugendhausleiter Philip Obrigewitsch, der dringend eine neue Bleibe suchte. In der Innenstadt-Wohnung, in der er mit Frau und Kind lebte, hatten sie im Gegenzug für eine günstige Miete viel selbst gemacht. Nach der anstehenden Sanierung des Hauses hätten sie sich das Wohnen dort jedoch nicht mehr leisten können. In das Haus der Familie Claus verliebte sich Familie Obrigewitsch, die damals gerade ihr zweites Kind erwartete, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick freilich wurde Philip Obrigewitsch klar, dass es nicht um eine Mietwohnung, sondern um einen Hauskauf ging: „Das war wohl ein Missverständnis. Und ich stand in diesem wunderschönen Garten und dachte: Ein Haus! Ich kann doch kein Haus kaufen“, erinnert sich der 41-Jährige heute. „Und dann hat Herr Claus einen so fairen Preis genannt, den ich kaum glauben konnte“, staunt Philip Obrigewitsch bis heute. „Die beiden sagten: Wir möchten Euch hier haben. Lasst uns das miteinander hinkriegen.“ Für Obrigewitsch eine ungewohnte Lebenseinstellung: „Das war für mich völlig neu: Ich bin bis dahin davon ausgegangen, dass Menschen, die ein Haus verkaufen möchten, möglichst viel Kapital herausschlagen wollen.“ Ulla Claus, wie ihr Mann Mitte 70, kontert trocken: „Wir können unseren Besitz doch nicht mitnehmen. Wir wollen, dass dieses Haus lebt.“

Mit viel verwandtschaftlicher und freundschaftlicher Hilfe wurde umgebaut. Ein riesiger Balkon mit Blick auf die Schwäbische Alb und direktem Zugang zum Garten wurde angebaut, Gunther Claus sorgte für eine umweltfreundliche Niedrigbrennwert-Therme. Die Gartenfläche wurde aufgeteilt, und seit dem Einzug im September 2008 freuen sich die mittlerweile drei Obrigewitsch-Kinder an Sandkasten, Trampolin und selbst gebauter Hütte, und die Eltern haben das Gärtnern für sich entdeckt: „Ahnungslos, aber mit großer Freude“, habe Philip Obrigewitsch anfangs im Garten gewerkelt, „und immer wieder habe ich um Hilfe gerufen: Frau Claus, was muss ich jetzt hier machen?“ Mittlerweile hat Bianca Obrigewitsch die Gartenarbeit übernommen, seit ihr Mann als Hip-Hop-Musiker „fil da elephant“ viel auf Tour ist. Brombeeren, Himbeeren, Kirschen, Paprika und Tomaten werden geerntet: „Da sind wir auch Nutznießer“, freut sich Gunther Claus. Philip Obrigewitsch sieht es als Glücksfall, den Mann jederzeit in Rufweite zu haben, der über Jahrzehnte vieles renoviert und in Schuss gehalten hat: „Herr Claus kennt im Haus jede Leitung, jedes Rohr und jeden Abfluss, da kann ich jederzeit nachfragen.“

Und was sagen die Älteren, wenn die jungen Leute Dinge anders anpacken? „Das geht uns nichts an“, sind die Clausens großzügig, die auch mit der neuen Lebendigkeit im Haus keine Probleme haben: „Uns hat Kindergeschrei noch nie gestört, das ist in unseren Ohren kein Lärm.“ Die beiden Familien vertragen sich, sie unterstützen sich gegenseitig. Nach dem Rezept für ihr gedeihliches Zusammenleben befragt, meint Ulla Claus: „Dieses Modell braucht eigentlich nur zwei Komponenten, dass es klappt: Toleranz und Respekt.“ Und es brauche eine Dritte, sagt Obrigewitsch. „Was ist das Gegenteil von Gier? Dass Familie Claus das nicht für maximalen Gewinn macht, sondern sagt: Wir gestalten das als ein Miteinander.“

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