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Ein zwei Jahre altes Kind wird bei einem tragischen Unfall in Ostfildern schwer verletzt. Die Polizei gibt Auskunft, wie häufig so etwas passiert und wie Autofahrer vorbeugen können.

OstfildernEin tragischer Unfall vergangene Woche in Scharnhausen: Eine Frau stoppte ihr Fahrzeug am Straßenrand, um zwei Frauen und zwei Kinder aussteigen zu lassen. Als die Türen sich geschlossen hatten und sie die Vierergruppe in einer Garagenzufahrt stehen sah, fuhr sie wieder an. Doch einer der Insassen, ein zwei Jahre alter Junge, war laut Polizeibericht unbemerkt von den anderen Personen wieder zum Auto zurückgelaufen, hatte sich an der Türklinke festgehalten – und wurde vom Auto umgerissen und mitgeschleift. Mit schweren Verletzungen kam er in eine Kinderklinik.

Solche Fälle prägen sich besonders ein. Es ist für Außenstehende kaum vorstellbar, was in diesem Fall die Autofahrerin und die Familie des Kindes durchmachen müssen, welche Schuldgefühle und Schmerzen auf ihnen Lasten. Immer wieder dringen ähnliche Geschichten in die Öffentlichkeit. Ende Juli etwa überrollte ein Vater in München mit seinem Sportgeländewagen bei der Einfahrt in die Tiefgarage seine Tochter. Das ein Jahr alte Mädchen war unvermittelt vor das Auto gelaufen – und so klein, dass der Mann es nicht sah. Das Kind erlag seinen schweren Verletzungen, wie die dpa von der Polizei erfuhr. Und vor einigen Wochen machte ein Prozess in den Zeitungen Schlagzeilen, in dem eine Frau auf der Anklagebank saß, die im Dezember 2017 auf dem Parkplatz eines Tennisklubs in Stuttgart rückwärts ausparkte – und ein für sie nicht sichtbares zweieinhalb Jahre altes Mädchen überfuhr, das sofort starb.

„Ein tragischer Einzelfall“

Im Kreis Esslingen sind laut Zahlen des zuständigen Polizeipräsidiums in Reutlingen in den vergangenen Jahren glücklicherweise keine Kinder im Straßenverkehr gestorben. 2018 wurden allerdings 118 Kinder leicht und 19 schwer verletzt – die Fallzahlen schwankten in den vergangenen fünf Jahren auf ähnlichem Niveau. Ein Unglück wie das jüngste in Ostfildern schätzt Polizeisprecher Martin Raff als einen der „tragischen Einzelfälle, die nicht häufig vorkommen“ ein. Jedoch: Wie häufig Kinder beispielsweise durch Bekannte oder Verwandte beim Ein- oder Ausparken verletzt werden, dazu gibt es keine Statistik.

In den Jahren 2014 bis 2018 zusammengenommen waren Kinder im Kreis Esslingen an 533 Unfällen beteiligt, das heißt, sie saßen nicht einfach als Beifahrer im Auto, sondern haben aktiv beispielsweise als Fußgänger oder Radfahrer am Verkehr teilgenommen. Häufige Ursachen für Unfälle mit Kindern sind missachtete Vorfahrtsregeln (elf Prozent), falsches Verhalten gegenüber Fußgängern, zum Beispiel an Zebrastreifen (acht Prozent), Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr (sieben Prozent). Bei diesen Zahlen ist noch nichts über die Hauptverursacher der Kollision gesagt – ob Kind oder Erwachsener. Und der Polizei zufolge kommen in vielen Situationen mehrere Aspekte zusammen – „beispielsweise, wenn ein Kind plötzlich auf die Straße tritt und der Autofahrer gleichzeitig zu schnell war“, erklärt Martin Raff.

Grund für mehr als jeden sechsten Unfall (16 Prozent) mit Beteiligung eines Kindes war seit 2014, dass einer der Beteiligten ohne auf den Verkehr zu achten auf die Fahrbahn getreten war – „das kann auch ein Erwachsener gewesen sein, der dadurch mit einem Rad fahrenden Kind zusammengestoßen ist“, betont Polizeisprecher Raff. In diese Kategorie fallen auch die Situationen, in denen ein Fußgänger hinter einem Sichthindernis, wie einem geparkten Auto, hervortritt. In mehr als jedem vierten (26 Prozent) der Unfälle, in denen laut Statistik Kinder als Hauptverursacher gelten, war das die Ursache. Bei jedem zehnten der Unfälle mit Kindern als Hauptverursacher wurde die Vorfahrt missachtet, bei acht Prozent machten sie Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr. Überhaupt sind Kinder offenbar häufig selbst Verursacher: Rund 60 Prozent der Unfälle mit Beteiligung von bis zu 13-Jährigen wurden 2018 durch Kinder verursacht – diese Zahl aus der Verkehrsunfallbilanz des Polizeipräsidiums Reutlingen ist allerdings auf das ganze Zuständigkeitsgebiet bezogen, also die Landkreise Esslingen, Reutlingen und Tübingen.

Besondere Rücksicht geboten

Kinder reagierten im Straßenverkehr oft nicht rational, erklärt Raff. „Schon allein aufgrund des Alters fehlt es diesen an Erfahrungen im Straßenverkehr und damit an der Möglichkeit, Gefahren, beispielsweise bei der Überquerung einer Straße, richtig einzuschätzen.“ Raff mahnt alle Auto- und Radfahrer sowie andere Verkehrsteilnehmer dazu an, besondere Rücksicht auf Kinder zu nehmen, man müsse mit Fehlern rechnen. Er betont aber, dass er diese grundsätzliche Aussage nicht in Zusammenhang mit dem tragischen Vorfall in Ostfildern bringen und als Vorwurf gegen die Fahrerin verstanden wissen will. Jeder Einzelfall sei separat zu beurteilen. Auf der anderen Seite geht die Polizei in die Schulen und Kindergärten, um den Mädchen und Jungen sicheres Verhalten im Verkehr beizubringen. Zudem rät Raff auch den Eltern, auf gewisse Details bei Kleidung und Ausrüstung zu achten und mit dem Nachwuchs zu üben.

Unfallstatistik und Sicherheitstipps

Statistik für den Kreis Esslingen:

2018: 111 Verkehrsunfälle mit Beteiligung mindestens eines Kindes (0 bis 13 Jahre), das aktiv am Verkehr teilgenommen hat (zum Beispiel Radfahrer, Fußgänger). Bei diesen wurden 80 Kinder leicht und 16 Kinder schwer verletzt. Insgesamt wurden im Straßenverkehr 118 Kinder leicht und 19 schwer verletzt.

2017: 103 Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Kindern, davon 78 leicht und 16 schwer verletzt. Insgesamt 123 leicht und 21 schwer verletzte Kinder.

2016: 94 Unfälle mit Kindern, davon 65 leicht und 16 schwer verletzt. Insgesamt 115 leicht und 18 schwer verletzte Kinder.

2015: 121 Unfälle mit Kindern, davon 80 leicht und 26 schwer verletzt. Insgesamt 105 leicht, 34 schwer verletzte Kinder.

2014: 104 Unfälle mit Kindern, davon 70 leicht und 20 schwer verletzt. Insgesamt 101 leicht, 24 schwer verletzte Kinder.

Das Präventionsprogramm der Polizei:

Das Referat Prävention/ Verkehrsprävention des Polizeipräsidiums Reutlingen geht mit verschiedenen Aktionen mit Kindern und Eltern zum Thema Schulwegsicherheit und Verkehrstraining an Kindergärten und Grundschulen, es bietet auch die Radfahrausbildung an. An den weiterführenden Schulen gibt es – auf Anforderung der Schulen – Schulbustrainings, Radhelmkampagnen oder Verkehrssicherheitstage, auch zu den Themen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr.

Auch Eltern können mitwirken: Polizeisprecher Martin Raff gibt zum Schulbeginn und zur dunklen Jahreszeit folgende Tipps: Auch im Dunkeln gut erkennbare, helle Kleidung wählen. Am besten Kleidung oder Schulranzen mit Reflektoren. Fußwege zur Schule und regelmäßigen Veranstaltungen wie Sport- oder Musikkursen vorab mit den Kindern ablaufen und auf Gefahren und das richtige Verhalten hinweisen. Bei Fahrrädern auf Sicherheit achten: Funktionieren Lichter und die Bremsen? Raff: „Ein Schutzhelm sollte selbstverständlich sein.“

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