Kinder spielen fröhlich auf dem Hof einer Schule für Erziehungshilfe Foto: dpa/ Försterling - dpa/ Försterling

Der Kreis Esslingen leistet gute Jugendhilfe-Arbeit. Das bescheinigte Fachmann Ulrich Bürger. Armut und psychische Krankheiten führen oft dazu, dass Familien überfordert sind.

Kreis EsslingenStabile, verlässliche Familienstrukturen sind nicht selbstverständlich. Bestimmte Lebenslagen – Geldnöte, durch Trennung neu geformte Familien-Konstellationen, psychische Erkrankungen – überfordern viele Eltern. Sie führen dazu, dass erzieherische Hilfen um ein Vielfaches häufiger beansprucht werden. Das belegte Ulrich Bürger, Jugendhilfe-Experte des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), im Sozial- und Jugendhilfe-Ausschuss des Kreistags. Dem Landkreis Esslingen bescheinigte er eine überdurchschnittlich gute Arbeit. Dank seiner niederschwelligen Hilfs- und Beratungsangebote verringerten sich die Fallzahlen von ambulanter, teilstationärer und stationärer Erziehungshilfe zwischen 2011 und 2017 um zwölf Prozent – landesweit ist die Fallzahl um fünf Prozent gestiegen. Der Kreis Esslingen befinde sich im besseren Drittel in Baden-Württemberg, das im Vergleich der Bundesländer an der Spitze liege.

In ambulante und teilstationäre Angebote hat der Landkreis in den vergangen zehn Jahren erheblich investiert, zum Beispiel richtete er elf dezentrale Erziehungshilfestationen ein. Das hat sich gerechnet. Denn die Ausgaben sind nicht so stark gestiegen wie in anderen Landkreisen. Plus 27,8 Prozent ist zwar ein stolzer Anstieg, doch im Schnitt gingen die Ausgaben landesweit um 32 Prozent nach oben. In diesem Jahr wird der Landkreis 40 Millionen Euro für erzieherische Hilfen ausgeben.

Familienstrukturen brüchiger

Die Jugendhilfe stehe vor einer großen Herausforderung, glaubt Ulrich Bürger. Er rechnet nicht damit, dass die Fallzahlen weiter sinken. Familienstrukturen werden brüchiger, ihre Verlässlichkeit nimmt ab. Den Kreisräten und der Verwaltung empfahl er, über die Personalausstattung nachzudenken. Die sei unterdurchschnittlich und führe zu einer kritischen Arbeitsverdichtung. Bürger warnte: „Sie bewegen sich auf dünnem Eis.“ Grundlegend neu sind seine Erkenntnisse nicht. Vor fünf Jahren legte er die familiären Risikofaktoren letztmals den Kreisräten dar. Die statistischen Werte haben sich bestätigt, zeigen sich zum Teil noch deutlicher. Der erste Faktor: Wenn Kinder in sozial benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, etwa ihre Eltern auf Hartz IV angewiesen sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine stationäre Einrichtung kommen, um das 22-Fache. Selbst im reichen Baden-Württemberg, so Bürger, nehme die Zahl der armutsgefährdeten Familien zu. Zudem fühle sich Armut in einem wohlhabenden Umfeld spürbar anders an. Der Kreis Esslingen mit seiner fast großstädtischen Sozialstruktur überrascht den Fachmann positiv, weil vergleichsweise wenig Kinder in Heimen untergebracht werden. Es sei erfreulich, dass der Anteil der Vollzeitpflege in Familien leicht gestiegen sei, auf 43 Prozent. Von der Atmosphäre abgesehen, kostet Heimpflege vier bis fünf Mal so viel. Noch deutlicher als die finanzielle Situation wirken sich Stiefeltern-Konstellationen aus. Die Häufigkeit von stationärer Erziehungshilfe ist in Patchwork-Familien 54 Mal höher als bei einer vollständig gebliebenen Familie. Ein Kind, das bei den leiblichen Eltern aufwächst, hat fast Null Risiko, ins Heim zu kommen.

Note 2 plus

Daraus dürfe man aber keinesfalls schließen, dass Alleinerziehende oder Stiefeltern mit weniger Liebe erziehen, betonte Bürger. Bei ihnen häuften sich lediglich die Probleme so, dass sie überfordert seien. Aufgabe sei, diese immer häufiger anzutreffenden Familienformen so zu unterstützen, dass sie nicht scheitern. 2013 hat der KVJS erstmals das Aufwachsen bei psychisch kranken Eltern untersucht. Der neue Bericht bestätigt, dass die seelische Krankheit häufig dazu führt, dass Erziehungshilfe nötig wird. Bei fast einem Viertel der Kinder, für die Hilfe beansprucht wird, sind die Eltern psychisch erkrankt. Das Dramatische für diese Kinder sei die Überforderung, sagt Bürger: „Sie müssen Aufgaben übernehmen, die nicht altersgerecht sind.“ Besorgniserregend sei dieser Wirkungszusammenhang auch, weil es einen eindeutigen Trend gebe: Immer häufiger werden Menschen wegen psychischer Ursachen krank geschrieben.

Ulrich Bürger hat dem Landkreis gute Arbeit und vorausschauende Planung in der Jugendhilfe bescheinigt, auch das Angebot in der offenen Jugendarbeit sei vorbildlich. Die Schulnote für den Landkreis erteilte Landrat Heinz Eininger selbst: Eine 2 plus hält er für angebracht. Im Vergleich zu andern Landkreisen stehe man gut da. Seiner Ansicht nach ist auch die Personal-Ausstattung angemessen.

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