Elizabeth Hargrave, Spieleautorin, und Frank Heeren, Verleger vom Verlag Feuerland Spiele, gewinnen mit dem Spiel "Flügelschlag" bei der Preisverleihung zum "Spiel des Jahres 2019" in der Rubrik «Kennerspiel des Jahres 2019». Foto: Wolfgang Kumm/dpa - Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Das Ratespiel „Just One“ ist „Spiel des Jahres 2019“. In der Kennerspiel-Kategorie setzte sich „Flügelschlag“ durch.

BerlinEin wenig spröde ist die alljährliche Zeremonie der Brettspieleszene in Berlin ja noch immer: Der Livestream hakelt zunächst, die Einspieler-Videos sind weit entfernt von überproduziert und durch die Vergabe-Zeremonie führen auch keine nonchalanten Moderatoren. Irgendwie passt das ja auch, huldigt dieser Montagvormittag in einem Hotel in Berlin-Friedrichshain doch einem noch weitgehend analogen Vergnügen, dass vielleicht gerade deshalb derzeit einen reichlich unerwarteten Boom erlebt.

Obgleich es um Spiele geht, die auf Deutsch dieses oder vergangenes Jahr erschienen sind, geht es international zu: Wen Harald Schrapers und Bernhard Löhlein, der Vorsitzende und der Sprecher der Spiel-des-Jahres-Jury, da in der guten halben Stunde als Preisträger ausrufen, sind ein Franzosen-Duo und eine US-Amerikanerin. Sie zeigen die Spannweite auf, die Brett- und Kartenspiele mittlerweile in üppiger Fülle bieten: „Just One“, das diesjährige „Spiel des Jahres 2019“ ist ein kleines, super-simples Wortratespiel von Ludovic Roudy und Bruno Sautter, für dessen Erklärung eigentlich die Zeilen auf der Verpackungsrückseite reichen würden. „Flügelschlag“ von Elizabeth Hargrave, das „Kennerspiel des Jahres“, ist hingegen üppig gestaltet, aufwendig illustriert und spieltechnisch ziemlich verzahnt.

Die Schwiegermutter im Sinn

Durchgesetzt haben sich damit die Favoriten – glaubt man zumindest der Spielerszene. „Just One“ (Beschreibung siehe links) steht dabei für eine ganze Flut an kleinen Wortspielen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Der Autor verrät bei der Preisverleihung, dass er beim Entwickeln des Spiels an seine Schwiegermutter gedacht habe, sprich: Es sollte einfach, aber nicht banal sein. Das trifft auch auf die beiden anderen nominierten Spiele zu – „L.A.M.A.“ von Altmeister Reiner Knizia ist ein denkbar einfaches Kartenablegespiel, „Werwörter“ von Ted Alspach kombiniert das weit verbreitete „Werwölfe“-Spielprinzip mit einem klassischen Ja-Nein-Ratespiel. „,Just One’ ist insbesondere durch seine Einfachheit genial“, erklärt die Jury – das könnte man also auch zu den beiden anderen Spielen sagen.

Anders als in so manchen Jahren zuvor waren in diesem Jahr nur kleinere Titel zum „Spiel des Jahres“ nominiert, die im Laden auch nur ein paar wenige Euro kosten. Ganz anders indes die Kandidaten für das „Kennerspiel des Jahres“, die prinzipiell schon eine etwas erfahrenere Spielerschaft ansprechen sollen. „Flügelschlag“, das mit Spezialwürfeln, Würfelturm, hochwertigem Spielbrett und 170 Spielkarten daherkommt, die jeweils einen anderen naturalistisch gezeichneten Vogel zeigen, kosten seinen Preis. Auch das Plättchenlegespiel „Carpe Diem“ und das Krimi-Brettspiel „Detective“ wird man so schnell nicht auf dem Grabbeltisch finden. Das ist also die andere Dimension: Brettspiele, die viel Spieltiefe und langen Tüftelspaß garantieren.

Ministeriales Lob für die Branche

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) lobte bei der Verleihung das Kulturgut Spiel und die Innovationsfreude der Branche. Auch wenn das Brettspiel, abgesehen von der alljährlichen Preisverleihung, medial wenig Aufmerksamkeit erfährt, zeige das Spiel gesellschaftlich Wirkung. Damit meinte sie zunächst – ihrem Posten entsprechenden – die soziokulturelle Komponente. Aber nicht nur: „Die Siedler von Catan“, die der Stuttgarter Kosmos-Verlag mittlerweile nur noch „Catan“ nennt, wurden weltweit 27 Millionen Mal verkauft – doppelt so oft beispielsweise wie „Das Parfum“ von Patrick Süßkind. „Catan“, das 1995 „Spiel des Jahres“ wurde und seither als „Kokain der Branche“ (Grütters) gilt, habe einen Boom für das analoge Spielen bewirkt.

Branche boomt

Dieser Boom lässt sich auch durch Zahlen belegen. Zahlen, die Hermann Hutter bei jeder Gelegenheit unterstreicht. Der Chef des Verlags „Huch!“ aus dem schwäbischen Günzburg, der auch den Verband Spieleverlage führt, nennt für das Jahr 2018 einen bundesdeutschen Branchenumsatz von 550 Millionen Euro, was für die vergangenen fünf Jahre ein sattes Plus von 40 Prozent bedeutet. Das ist insofern auch bemerkenswert, da die komplette restliche Spielwarenbrache stagniert.

Das „Spiel des Jahres“ wirkt dabei wie ein Turbo-Antrieb. Auch wenn nicht jedes Jahr ein Spiel mit „Catan“-Kragenweite gekürt wird, verkauft sich der Hauptpreisgewinner locker zehn Mal so gut wie ohne „roten Pöppel“ auf der Schachtel. Weltweit gibt es keinen wichtigeren Preis für Brettspiele. Das macht alle Spröde der Preisverleihung noch sympathischer.

Jurypreis seit 40 Jahren

Das Spiel des Jahres wird seit dem Jahr 1979 von Fachjournalisten und mittlerweile auch -Bloggern verliehen. Der Verein, der als erstes „Hase und Igel“ ausgezeichnet hat, zählt aktuell zehn Jury-Mitglieder. Für das seit 2001 gekürte „Kinderspiel des Jahres“ gibt es eine eigene Jury – vor einem Monat ging diese Auszeichnung an „Tal der Wikinger“ von Wilfried und Marie Fort (Haba). Das „Kennerspiel des Jahres“ wird – nach einigem Hin und Her von Sonderpreisen – seit dem Jahr 2011 verliehen. Die Juroren testen jedes Jahr rund 200 Spiele – viele davon mehrfach.

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