Für die 33 Bewohner der Obdachlosenunterkunft soll der Gruppenraum neu eingerichtet und ein Freizeitangebot geschaffen werden. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Das Freizeitangebot für die Obdachlosen will die Stadt Ostfildern ebenfalls ausbauen.

OstfildernIm Jahr 2013 erstellte Jörg Berrer, Fachbereichsleiter Soziales in der Ostfilderner Stadtverwaltung, das Konzept für eine Obdachlosenunterkunft in Ruit. Bereits zwei Jahre später folgte der Erstbezug. Seither beherbergen drei markante Pultdachhäuser in der Kirchheimerstraße vor allem Langzeitobdachlose und anerkannte Flüchtlinge. „In den Häusern haben wir insgesamt 33 Plätze“, erzählt Berrer über die Unterkunft, die durch ihre Flexibilität überzeugt. Je nach Bedarf können die Grundrisse der insgesamt 15 Geschosswohnungen dank beweglicher Trennwände beliebig umgestaltet werden. „So können hier derzeit vier Familien, ein Ehepaar und mehrere alleinstehende, langzeitarbeitslose Männer wohnen“, sagt Berrer, dessen Ziel es ist, den Bewohnern ein möglichst schönes Zusammenleben zu ermöglichen. Mit den Spendengeldern aus der Weihnachtsspendenaktion der Eßlinger Zeitung soll daher im neuen Jahr ein regelmäßiges Beratungs- und Freizeitangebot geschaffen und der Gruppenraum gemütlich eingerichtet werden.

„In dem Moment, in dem man obdachlos wird, verliert man alles. Vor allem der Verlust des sozialen Umfelds ist besonders hart. Deshalb haben wir uns entschieden, etwas dagegen zu unternehmen“, nennt Berrer den Hauptgrund des Vorhabens. Den meisten Bewohnern bleibt irgendwann nur noch die Unterkunft als Heimat, der Weg zurück in ein geregeltes Leben erscheint aussichtslos. „Einer der Männer ist seit 17 Jahren obdachlos – die Chancen, da auf dem Wohnungsmarkt fündig zu werden, sind schwindend gering“, sagt Berrer. Zudem würde man den meisten ihre Obdachlosigkeit mit der Zeit ansehen, was die Suche nach Arbeit und Wohnung zusätzlich erschwere. „Weil der Wohnungsmarkt so knapp ist, können sich die Vermieter ihre Mieter meistens aussuchen und tendieren dann eher zu wohlhabenderen Menschen“, erklärt Berrer die Problematik, mit der sich die Obdachlosen konfrontiert sehen.

Umso wichtiger sei es deshalb, das soziale Zusammenleben innerhalb der Unterkunft zu fördern und die Bewohner nicht komplett sich selbst zu überlassen. Durch das EHAP-Projekt „Brückenschlag“ – finanziert aus Mitteln des europäischen Sozialfonds – wurde in den vergangenen drei Jahren bereits eine Sozialarbeiterin bezahlt, die jeweils für einen halben Tag in einem der Gebäude ein Büro besetzte. „Dort konnten die Bewohner jederzeit vorbeischauen, wenn sie Fragen oder Probleme hatten – das war ganz wichtig“, erläutert Berrer, weshalb auch in Zukunft ein Ansprechpartner vor Ort sein sollte.

Das Projekt läuft nun aus, soll aber indirekt fortgeführt werden. „Je schwieriger die Situation für die Menschen ist, desto weiter ist der Weg zur Beratungsstelle“, spielt Berrer darauf an, wie viel Überwindung es die Betroffenen kostet, selbstständig Hilfe aufzusuchen. Ein Büro in der Stadt sei daher keine Option. Stattdessen wolle man vor Ort präsent sein und versuchen, die Probleme der Bewohner direkt zu lösen. „Dafür müssen wir unbedingt auch nach dem EHAP-Projekt Personal und Zeit investieren“, sagt Berrer.

An dieser Stelle komme nun Laura Gromer, die Leiterin der Fachstelle Wohnungsnot, ins Spiel. Gromer, die sonst eher im präventiven Bereich tätig ist und versucht, Wohnungslosigkeit zu vermeiden, soll künftig einmal wöchentlich das Büro in der Unterkunft besetzen. „Es bringt unglaublich viel, wenn man persönlich da ist und es einen festen Termin gibt, zu dem man präsent ist. Erst so kriegt man den Kontakt zu den Leuten und kann miteinander arbeiten“, beschreibt Berrer einen sozialarbeiterischen Ansatz.

Darüber hinaus will die Stadt Ostfildern zusätzliche Freizeitangebote für die Obdachlosen schaffen. „Das haben wir bisher schon gemacht, wollen es aber auch in Zukunft tun“, sagt Berrer. Auf der Fläche hinter den Häusern wurden immer wieder Grillfeste veranstaltet. Für Frauen und Kinder, die in letzter Zeit vermehrt in der Unterkunft eingezogen sind, soll zukünftig einmal monatlich ein Frauen-Frühstück stattfinden. Auch Familienausflüge in die Wilhelma oder zu Theateraufführungen sind geplant. „Wir wollen da ganz offen sein und uns anhören, was sich die Leute wünschen“, sagt Berrer. „Uns geht es darum, die Botschaft zu vermitteln: Das ist euer Haus und euer Leben, deshalb bringt euch ein und sagt, was ihr gut finden würdet. Und dann entscheiden wir, was davon sich umsetzen lässt.“

Das Geld der Weihnachtsspendenaktion ist bei der Stadt jedenfalls sehr willkommen und auch eine Bestätigung dafür, dass das Projekt eine gute Sache ist. „Für uns ist das eine Grundausstattung, die es uns ermöglicht, im neuen Jahr auf einer guten Basis zu starten“, sagt Berrer. Dann soll auch der Gruppenraum neu eingerichtet werden. Der Raum, der bisher meistens belegt war, soll durch einen großen Tisch, Stühle, Bilder an der Wand sowie ein Regal mit Gläsern und Tassen gemütlicher werden. „So schaffen wir ein niedrigschwelliges Angebot, bei dem jeder vorbeikommen kann, wenn er Lust hat. Und wenn jemand lieber seine Ruhe haben will, dann ist das auch in Ordnung.“

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