Kameras statt Publikum: Das Podiumsgespräch im Kubino wird wegen der Corona-Beschränkungen aufgezeichnet. Foto: Ines Rudel

Die beiden Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl in Ostfildern, Christof Bolay und Robert Langer, sind im Kubino aufeinandergetroffen. Das Podiumsgespräch gibt es nun als Video zu sehen.

Ostfildern - Was bewegt 40 000 Menschen in Ostfildern wirklich? Wer wird die kommenden acht Jahre die Geschicke in Ostfildern lenken? Christof Bolay, der seit 16 Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung steht, oder Robert Langer, Trainer für Führungskräfte aus Nellingen? Beide stellten sich im Forum der Eßlinger Zeitung und der Stadt Ostfildern den Fragen von EZ-Chefreporter Harald Flößer und EZ-Redakteurin Greta Gramberg. Wegen der Corona-Beschränkungen durfte jedoch kein Publikum bei der Diskussion im Kubino dabei sein. Die Diskussion wurde daher aufgezeichnet und ist online auf den Internetseiten der Eßlinger Zeitung und der Stadt Ostfildern abrufbar. Dennoch konnten sich die Bürgerinnen und Bürger beteiligen. „Nirgendwo, wo wir so eine Veranstaltung durchgeführt haben, gab es so eine große Resonanz der Leserschaft“, sagte Flößer. So viele Fragen wie nie wurden vorab der EZ geschickt, nicht alle konnten den Kandidaten gestellt werden. Gewählt wird am 7. Februar.

Vorstellung: Der Amtsinhaber Christof Bolay (SPD) bewirbt sich um eine dritte Amtsperiode als Oberbürgermeister Ostfilderns. Der 53-Jährige hat Literatur- und Politikwissenschaft studiert, ist verheiratet und hat drei Kinder. Bevor er Rathauschef wurde, hatte Bolay im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium als Büroleiter des Staatssekretärs und als Referent für berufliche Bildung und für Technologiepolitik gearbeitet. Seine Kandidatur stellt er unter das Motto „Gemeinsam. Gesellschaft. Gestalten“. Dabei stehen für ihn als Hauptaufgaben für die kommenden acht Jahre Bildung und Betreuung, der Klimaschutz sowie der gesellschaftliche Zusammenhalt oben auf der Agenda.

„Ostfildern ist ein bisschen dörflich, mit städtischen Anteilen“, sagt Robert Langer, der das Grün schätzt. Langer machte eine Ausbildung in einem Autohaus, arbeitete in der Automobilbranche, bevor er sich für die Selbstständigkeit entschied. Nun coacht er Führungskräfte – und will selbst die oberste in Ostfildern werden. „Ich kandidiere, weil ich die Stadt wirklich liebe. Nicht, weil ich gegen den aktuellen Oberbürgermeister bin, sondern gegen den Fahrplan“, sagt der 49-jährige FDP-Politiker, der im Oktober vergangenen Jahres in den Gemeinderat nachrückte. Eines seiner Hauptthemen: Er will das Tempo beim Bauen drosseln. „Wir haben 10 000 Wohneinheiten geschaffen, jetzt ist genug. Wir müssen uns nun um unsere Infrastruktur kümmern.“

Kinderbetreuung: Hohe Kita-Gebühren, lange Wartelisten, fehlende Erzieher – von Versagen will Bolay nichts wissen: „Wenn das so wäre, hätten alle im Großraum Stuttgart versagt. Laut des Gemeindetags fehlen 40 0000 Erzieher im Land.“ Er verteidigt zudem das einkommensabhängige System, nachdem die, die mehr verdienen, auch einen höheren Beitrag zahlen. „Ich höre immer nur, dass alle einen Mangel an Erziehern haben. Ich schaue auf die Städte, die den Mangel nicht haben, was machen die richtig“, sagt Langer. Er sieht in einem Ausbildungszentrum für Erzieher langfristig die Lösung gegen den Personalmangel.

Verkehr und Mobilität: Verkehrslärm und Staus, aber auch ein teilweise als unzureichend empfundener öffentlicher Nahverkehr bewegen einige Leser. Einige sehen auch das Radwegenetz als verbesserungswürdig an. Bolay setzt auf „vermeiden, verlagern, verbessern“ und betrachtet dabei eine digital unterstützte Verknüpfung der Komponenten Auto, Bus und Schiene sowie Rad- und Fußgängerverkehr als zukunftsweisend. Weitere Schutzstreifen für Radler und Radwege abseits der Hauptstraßen sollen den Autoverkehr vermindern. Besondere Beachtung soll der Ausbau der Schienenverbindung in das Neckartal erhalten. „Allerdings ist es ein Langzeitprojekt, das nicht in zwei oder drei Jahren realisiert wird.“

Eine der Ursachen des zunehmenden Individualverkehrs liegt für Langer im starken Wachstum der Stadt begründet. „Wir bauen in der Parksiedlung 160 neue Wohnungen, Nellingen West soll entstehen, das bringt mehr Verkehr, der Stau wird größer.“ Einzelne Verkehrsprojekte anzugehen sei daher nicht sehr sinnvoll. „Wir müssen die ganze Stadt anschauen, wenn wir etwas verändern wollen.“ Eine Bahnverbindung ins Neckartal sei für ihn denkbar, sollte aber gemeinsam mit der Stadt Esslingen geplant werden. Mobilität in der Stadt müsse als Gesamtes betrachtet werden. „Wir können nicht Radwege bauen, weil es die Radler verlangen, und die Autos stehen weiter im Stau.“ Weiteren Radschutzstreifen erteilt er eine Absage. „Schutzstreifen bringen nicht mehr Sicherheit.“

Wohn- und Gewerbebau: „Ich möchte nicht weiterbauen, solange die Infrastruktur nicht stimmt“, sagt Langer. Die Bevölkerung solle nicht weiter wachsen. Dem stimmt Bolay zu: „Das Wachstum kommt zu einem Ende. Richtig große Neubauprojekte – wie beispielsweise den Scharnhauser Park – wird es nicht mehr geben.“ Gleich nach der Wahl will Bolay den 15 Jahre alten Flächennutzungsplan überarbeiten. Statt in die Breite, werde man eher in die Höhe wachsen. Bolay setzt weiter auf Mietwohnungen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Wir haben bei Projektausschreibungen gute Erfahrungen gemacht, wenn wir eine bestimmte Quote vorgegeben haben. Mindestens 30 Prozent geförderter Wohnungsbau, das heißt günstige Mietwohnungen, ist gut erreichbar.“ Auch an Wohnungsbaugenossenschaften denkt der OB. Langer drückt auf die Bremse: „Es wird weiter Wohnungsbau entstehen, nur nicht in dem bisherigen Tempo.“ Als Weg, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sieht er städtischen Wohnungsbau.

Auch bei den Gewerbegebieten kritisiert Langer das zu schnelle Wachstum, beim Gewerbegebiet Scharnhausen seien „ein paar Millionen in den Sand gesetzt“ worden und bezieht sich dabei auf die teure Verlegung einer Hauptstromleitung unter die Erde. Er moniert außerdem die Auswahl der Unternehmen, die dort angesiedelt werden sollen: „Es ist der falsche Weg, auf Start-ups und Wissenschaft zu setzen.“ Die Stadt lasse sich dadurch Gewerbesteuern entgehen. Stattdessen solle man auf gute, starke Unternehmen setzen. „Wir haben die Entwicklung des Gewerbegebiets Scharnhausen angestoßen, weil Unternehmen zu uns kamen und um den Platz gebeten haben. Wir wollen die örtlichen Unternehmen hier halten“, sagt Bolay. Es werde das letzte Gewerbegebiet sein, das die Stadt schaffe. „Es ist gut gelegen, zur Autobahn, zum Flughafen, zur künftigen ICE-Strecke, wir haben gut ausgebildete Fachkräfte hier, es wird ein großer Erfolg werden. Wir werden ein klimaneutrales Gewerbegebiet schaffen.“

Glasfaser und weiße Flecken: Während die Parksiedlung, Ruit und der Scharnhauser Park gut angebunden sind, hapert es in den anderen Stadtteilen mit dem schnellen Internet. Robert Langer sieht „erstaunlich viele weiße Flecken, Punkte in der Stadt, die schlecht angebunden sind“, sieht aber keine schnelle Breitbandanbindung für alle Haushalte und schlägt daher vor, die Internetverbindung kurzfristig mit Zwischenlösungen zu verbessern. Christof Bolay erklärt, die Verwaltung stehe in Gesprächen mit der Telekom, außerdem seien Förderanträge für den Breitbandausbau beim Land und beim Bund gestellt worden.

Einkaufen im Ortskern: Eine Leserin übt am Beispiel des Stadtteils Scharnhausen Kritik am Ladensterben in der Stadt und beklagt einen Verlust an Attraktivität und Aufenthaltsqualität. Für Bolay liegt der Kundenzuspruch einzelner Läden zunächst nicht in der Hand der Stadt. Supermarkt oder kleiner Laden: „Die Bürgerschaft entscheidet, wo sie einkauft.“ Allerdings könne die Stadt das Einkaufsumfeld beeinflussen und mittelbar für mehr Attraktivität sorgen. „Seitens der Stadt können wir die Infrastruktur verbessern und mehr Qualität schaffen, wie das Beispiel Nellingen zeigt. Und ich kann mir vorstellen, dass wir einen Ostfildern-Plan entwickeln, mit dem wir das örtliche Gewerbe und den Handel fördern können.“ Für Langer kommt dies reichlich spät. „Das hätte man schon viel früher machen können“, sagt er.

Klimaschutz: „Wir haben gute Ansätze, diese bauen wir weiter aus“, sagt Christof Bolay. Die Stadtwerke werden einen „Ostfildern-Strom“ anbieten, als reinen Ökostrom. Sharing-Modelle müssten weiter vorangetrieben werden. Klimaschutz sei durchaus ein Privileg für Leute, die besser verdienen. Deswegen müsse man bei diesem Thema auch den sozialen Aspekt im Auge behalten. „Wir müssen Möglichkeiten behalten und anbieten, die regionales und saisonales Einkaufen erlauben.“ Robert Langer denkt noch einen Schritt weiter: „Mit Umwelt- und Naturschutz kann man auch Geld verdienen.“ Er setzt unter anderem auf Solartechnik auf Parkplätzen und Ladestationen für E-Bikes und Elektroautos.

Qualifikation und Führungsstil: Eine Leserzuschrift verweist darauf, dass die Leitung einer Verwaltung mit mehr als 800 Beschäftigten sowie der Vorsitz im Gemeinderat einiges an Erfahrung und Kenntnissen verlangen. Für Langer, der ohne einschlägige Vorerfahrung kandidiert, ist dies kein entscheidendes Kriterium. „Ich sehe für die Stellung des Oberbürgermeisters nicht, dass er aus dem Fachgebiet kommen muss“, sagt er. Seine Tätigkeit in der Industrie habe ihn gelehrt, dass nicht zuletzt auf Selbstbewusstsein und die Fähigkeit ankomme, sich in Unbekanntes einzuarbeiten. „Man braucht nicht den Spezialisten, sondern die Führungspersönlichkeit.“

Welchen Eindruck haben die zwei Kandidaten bei der aufgezeichneten Diskussion auf Sie gemacht? Die Eßlinger Zeitung bittet um die Meinung ihrer Leser. Wer sich an der Umfrage, die abgedruckt wird, beteiligen will, kann unter Nennung seines Namens eine Antwort per E-Mail an kreis@ez-online.de senden.

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