Auch auf der Facebook-Seite der Eßlinger Zeitung wird nicht immer sachlich und differenziert kommentiert, wie diese Stimmen zu einem Polizeieinsatz in Kirchheim zeigen, bei dem Beamten beleidigt wurden.Screenshot: Facebook Quelle: Unbekannt

Von Mareike Spahlinger

Stuttgart - „Wir haben nicht gelernt, damit umzugehen“, sagt Oliver Zöllner über das ­Kommentieren im Internet. Zöllner ist seit 2006 Professor für Medienforschung, internationale Kommunikation und Digitale Ethik an der Hochschule der Medien Stuttgart. Bundesjustiz­minister Heiko Maas’ Gesetzesvorhaben, soziale Netzwerke zu zwingen, Hasskommentare zu löschen, hält er für wünschenswert - „aber schwer umzusetzen“. Jedoch sieht auch er die Firmen hinter den Plattformen in der Verantwortung.

Doch was treibt die Nutzer überhaupt dazu, unsachlich zu kommentieren? „Da gibt es verschiedene Kategorien“, erklärt Zöllner. Es gebe sogenannte Trolls, denen es großen Spaß mache, Situationen zu befeuern. Dazu gehören Nutzer, die einfach nur Spaß daran hätten. Genauso könne man aber beobachten, dass manche Trolls von der Plattform selbst kämen, um totgelaufene Diskussionen anzuheizen.

Ein anderer Typus nutze die Kommentarfunktion auf Social-Media-Plattformen oder auf Websites als Ventil für seine Gefühle. Für ihn ist es „eine Bühne, um Wut rauszulassen“, erklärt Zöllner. Da würden etwa Artikel gar nicht mehr gelesen, sondern nur kommentiert. Nach dem Motto: Hauptsache, die Meinung dazu ist raus.

Dann gebe es noch „den Predigertypus, der vielleicht auch einer Ideologie anhängt“, erläutert Zöllner. Dabei gehe es nicht darum, sachbezogen zu kommentieren, sondern unter anderem um Ironisierung um jeden Preis. „Die schreiben zum Beispiel nur ’Danke, Mutti‘“ und bekommen darauf viele Reaktionen. „Ganze Postings werden so durch den Kakao gezogen“, sagt Zöllner. Dabei seien Kommentare oft sehr erfinderisch und sprachakrobatisch geschrieben. Werde ein Kommentar dieser Art gelöscht, „merken das die Urheber sofort“ und schreiben „Zensur“.

Dabei bieten gerade diese Plattformen eine Chance für öffentliche Diskussionen und mehr Transparenz - wenn richtig damit umgegangen werde, denkt Zöllner. Gerade um den „Sender“ und „Empfänger“ zusammenzubringen und die Kommunikation zu verbessern - wie der deutsche Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht schon bei seiner Radiotheorie (zirka 1930) feststellte.

Viele wollen nur recht haben

Aber was ist der richtige Umgang? Man müsse sich überlegen, wofür die Plattform sei, welche Funktion sie habe, erklärt Zöllner. Außerdem sei „sachliches und differenziertes“ Kommentieren wichtig. „Man sollte versuchen mit einer gewissen Portion Gelassenheit und Respekt vor anderen Menschen ran zu gehen“, rät der Experte. „Wir leben in einer sehr komplexen Welt.“ Vielen Menschen gehe es nur darum, recht zu haben. „Aber zwischen schwarz und weiß gibt es viele, viele Graustufen“.

Man müsse sich fragen, woher die Wut komme, die man nicht nur im Internet sehen könnte, sondern auch im Straßenverkehr oder im Supermarkt an der Kasse. Die Gesellschaft sei zunehmend unentspannter und kämpfe um die knappe Ressource des Rechthabens. Was helfen könnte, sei ein „Grundgefühl der Gelassenheit und andere Menschen einfach mal wieder auszuhalten“, sagt Zöllner.

Eine Veränderung beim Kommentieren kann der Fachmann seit etwa zehn Jahren feststellen. Zwar gebe es immer Nutzer, die aus ihrer scheinbaren Anonymität heraus kommentierten, ein Großteil mache dies jedoch inzwischen unter seinem Klarnamen. „Das hat sich mit Facebook geändert“, sagt Zöllner. Die Plattform schreibe in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen vor, den echten Namen anzugeben. Nur so sind alte Freund im Internet wiederzufinden. In den Jahren vor Facebook hätten sich die Kommentarschreiber häufiger hinter Pseudonymen versteckt.

Was Menschen im Internet alles unter ihrem echten Namen schreiben, erstaunt Zöllner. Diese hätten entweder „kein Unrechtsbewusstsein oder glauben, dass ihnen nichts passiert“. Für so manchen Nutzer sei das „Internet der Rahmen, indem er die Sau raus lassen kann.“ Dabei sei das Internet ein neuer sozialer Raum, mit dem die Gesellschaft lernen müsse, umzugehen.

Doch wie verhalten sich die Verfasser in der realen Welt? Das sei schwer zu sagen, so der Experte. Aber man sehe an Veranstaltungen wie etwa von Pegida, dass eigentlich freundliche Menschen unsachlich und zu Wutbürgern werden könnten. Die Kommentierer könnten alleine daheim sitzen, aber genauso gut im Bus oder mit Freunden im Café - es sei einfach Teil der heutigen Alltagskultur.

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