Die giftigen Chemikalien der PFAS-Gruppe sind auch im baden-württembergischen Trinkwasser zu finden. Das zeigen bislang unveröffentlichte Daten.
Wie viel giftige Chemikalien sind im Trinkwasser? Diese Frage wird derzeit für Chemikalien der PFAS-Gruppe (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) gestellt. Sie wurden und werden für die Beschichtung etwa von Teflonpfannen und Regenjacken genutzt, sind aber gesundheitsschädlich und wurden neben Hotspots wie Rastatt auch im Stuttgarter Grundwasser in zu hoher Zahl nachgewiesen.
Laut einem aktuellen Expertenbeitrag in der Fachzeitschrift „Energie-Wasser-Praxis“ war das Trinkwasser bundesweit an 42 (in dem Beitrag nicht namentlich genannten) Messstellen stärker mit PFAS belastet als künftig erlaubt. Von Januar 2026 an gilt ein EU-Grenzwert von 100 Nanogramm je Liter Trinkwasser für zwanzig Substanzen der Chemikaliengruppe. Wie sieht es im Südwesten aus?
Öffentlich einsehbar sind die Messergebnisse nicht, es gibt auch keine vollständige Übersicht. Daher ist unklar, ob etwa die aus unbekannter Quelle stammenden, im Grundwasser im Schlossgarten gemessenen 243 Nanogramm je Liter auch das Trinkwasser beeinträchtigen. Nein, sagt das städtische Umweltamt: „Wir wollen deutlich hervorheben, dass kein Trinkwasser aus Grundwasser in Stuttgart bezogen wird. Es gibt insofern keine Verbindung zwischen den erhöhten Werten im Unteren Schlossgarten und der Qualität des Trinkwassers aus der Leitung.“
Wasserversorger kontrollieren regelmäßig
Die Landeshauptstadt bezieht wie insgesamt sieben Millionen Baden-Württemberger ihr Trinkwasser von den Zweckverbänden Bodensee-Wasserversorgung und Landeswasserversorgung, also aus dem Bodensee und dem Donauried. Die Verbände kontrollieren die Qualität ihres Trinkwassers. Im Bodenseewasser lag die PFAS-Konzentration Mitte Januar bei 10,5 Nanogramm je Liter „und daher weit unter dem Grenzwert“, so die Sprecherin Sarah Kreidler. Die Werte hätten sich über die Jahre „kaum verändert“.
„Wir können Entwarnung geben“, sagt Bernhard Röhrle, der Sprecher der Landeswasserversorgung. Im Trinkwasser habe man „gelegentlich Befunde von ein bis vier Nanogramm je Liter“. Er hoffe, dass sich auch weiterhin relativ wenige dieser Chemikalien im Donauwasser ansammeln. Sie herauszufiltern sei nämlich aufwendig. „Das sind sehr tückische Stoffe“, so der Sprecher.
Am Donnerstag störte eine Meldung aus Kehl das Bild. Dort sind in zwei Reservebrunnen mehr PFAS im Wasser als von 2026 an erlaubt. Ins Trinkwasser sei das Gift nicht gelangt, so die Verwaltung. Doch die Reservebrunnen werden geschlossen. Die höchste PFAS-Belastung wurde laut den unserer Redaktion vorliegenden Daten im Iffezheimer Trinkwasser gemessen: 38 Nanogramm je Liter. Die Gemeinde liegt im Raum Rastatt, wo infolge eines Düngemittelskandals sehr große Mengen PFAS in Grundwasser und Boden nachgewiesen wurden. Mehrere Brunnen wurden in der Folge geschlossen.
Ein Hotspot mit ähnlicher Belastung ist in Baden-Württemberg sonst nicht bekannt. Allerdings haben Untersuchungen der Landesanstalt für Umwelt gezeigt, dass sich die Chemikalien bereits flächendeckend im Grundwasser und in den Böden befinden.
Höchste PFAS-Belastung im Iffezheimer Trinkwasser
Für eine echte Entwarnung kommt es neben dem Grenzwert auf die Analytik an. Sie wird so verfeinert, dass PFAS flächendeckend bis auf ein Nanogramm je Liter genau nachweisbar werden. Die Bodensee-Wasserversorgung leistet das schon heute. Für das Trinkwasser von 20 Gemeinden am Bodensee, in Oberschwaben und auf der Alb liegen die Werte dagegen weniger genau vor, nämlich nur auf 10 Nanogramm je Liter. Das ist die Mehrzahl der Gemeinden, für die das Verbraucherschutzministerium Werte übermitteln konnte. In diesen Gemeinden enthält ein Liter Trinkwasser also zwischen neun und weniger als ein Nanogramm der Substanzen – genauer weiß man es nicht.
Jede dritte Probe hält strengen Wert nicht ein
Dass das Thema PFAS im Trinkwasser eher drängender werden dürfte, hat auch mit einer noch nicht in gesetzliche Grenzwerte übersetzten Einschätzung der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit zu tun. Sie hat für vier Substanzen (PFOA, PFOS, PFHxS und PFNA) neue Empfehlungen erarbeitet, wie viel davon für die menschliche Gesundheit tolerabel ist. „Dies könnte zu Empfehlungen für Höchst- oder Grenzwerte führen, die sehr deutlich unter den bisherigen Leitwerten liegen“, heißt es in dem Fachbeitrag in „Energie-Wasser-Praxis“. Würden diese Grenzwerte „gemäß dem in Deutschland üblichen Vorgehen“ erstellt, wären von den vier Substanzen höchstens noch zwei Nanogramm je Liter Trinkwasser erlaubt.
Fast jede dritte vorliegende Trinkwasserprobe bundesweit reißt diesen Wert. „Dies würde eine erhebliche Betroffenheit der Wasserversorgung und folglich erhebliche Konsequenzen für Aufbereitungsmaßnahmen oder die Verwendung bedeuten“, schreiben die Experten in der Fachzeitschrift. Dann müsste womöglich auch die Bodensee-Wasserversorgung tätig werden: Von den mittlerweile verbotenen Substanzen PFOA und PFOS wurden im Januar 4,6 Nanogramm je Liter im Trinkwasser nachgewiesen. Auch in Stuttgart ist also Gift im Trinkwasser. Noch ist diese Konzentration erlaubt.