Mit dem Staubwedel in der Hand: Peter Boos hat unter anderem als Zimmermädchen gejobbt. Foto: Andreas Kaier - Andreas Kaier

Ex-EnBW-Personalvorstand Peter Boos aus der Pliensauvorstadt hat sich als Jugendlicher mit den verschiedensten Jobs seine Brötchen verdient.

EsslingenDie Tätigkeit, die ihn ernährt, hat Peter Boos aus der Pliensauvorstadt schon früh zu schätzen gelernt. Hilfsarbeiter in einer Glasbläserei, Zimmermädchen, Chauffeur, Würstchenverkäufer in Italien oder Muschelputzer auf Sylt – die Nebenjobs, die der ehemalige Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei der EnBW und der Neckarwerke Stuttgart AG (NWS) in seiner Jugend erledigt hat, könnten vielfältiger kaum gewesen sein. Aufgrund der finanziellen Situation seiner Familie wurde ihm nahegelegt, einen Job neben der Schule zu ergreifen. „Ich wollte ein Fahrrad, aber das Geld dafür hatten meine Eltern einfach nicht“, erinnert sich der 75-Jährige.

„1958, mit 14 Jahren, sollte also mein Beitrag zum Lebensunterhalt beginnen.“ Wo er arbeiten sollte, das war für Boos keine große Frage. „Bei WMF in der Glasabteilung, da hat mein Vater nämlich auch geschafft“, sagt er. Die Familie wohnte damals in Geislingen an der Steige. Die minderjährigen Mitarbeiter seien dort als sogenannte Einträger eingesetzt worden, die die frisch geblasenen Gläser auf ein Kühlband in der Fabrikhalle transportierten. Für nicht mehr als eine Mark pro Stunde. „Die Glasbläser standen auf einem Podest, in der Mitte war der Ofen mit runden Öffnungen. Mit einem langen Stab, einer sogenannten Pfeife, holten sie sich flüssiges Glas aus einem Topf im Ofen und bliesen in das Mundstück der Pfeife, bis sich aus dem Glas eine glühende Kugel gebildet hatte.“

Bei bis zu 50 Grad geschuftet

Boos’ Einsatz kam, wenn die Glasbläser diese Kugel in eine Form steckten. „Ich saß auf einem Hocker am Fuß des Podestes und musste die Form auf- und zuklappen. Vorher musste ich die Form von innen mit Ruß einreiben“, so der gelernte Starkstromelektriker. Nachdem das Glas auch seinen Fuß bekommen hatte, wurde es mit einer Eisenstange, die vorne mit Asbest umwickelt war, angehoben und vorsichtig auf ein Kühlband gestellt, auf dem die Gläser langsam heruntergekühlt wurden. „Wenn da mal ein Glas umgefallen und zersprungen ist, dann war die ganze Arbeit ja hinüber.“ Schläge habe es keine gegeben, aber „das Geschrei war dann schon groß“, wie Boos es ausdrückt.

Drei Wochen verbrachte er als 14-Jähriger in der Glasbläserei, „die halben Sommerferien“. Eines hat er über die Arbeit in der Glashütte noch ganz genau im Kopf. „Was mir sofort aufgefallen ist, war, dass überall große Behälter herumstanden, an denen eine Tasse an einer Metallkette befestigt war. Wenn man da auf einen Knopf gedrückt hat, ist Pfefferminztee rausgekommen“, berichtet er. „Wir wurden quasi dazu verdonnert, permanent zu trinken.“ Das sei aber bei den Bedingungen, unter denen gearbeitet wurde, durchaus nötig gewesen. „In der Glashütte hatte es immer so 40 bis 50 Grad. Und direkt an den Öfen war es natürlich um ein Vielfaches heißer.“ Von 6 bis 14 Uhr – genau acht Stunden lang – wurde durchgearbeitet. „Wir konnten keine Pausen machen, höchstens mal schnell nebenbei ein Brot essen. Das war schon ein richtig harter Job.“ Aber es war nicht der einzige harte Job, den Peter Boos in seiner Jugend ausübte.

Mit Grippe auf der Vespa durch Deutschland

Einige Jahre später, kurz vor Beginn der Berufsaufbauschule, hatte er drei Monate Freizeit. „Ich wollte raus, solange es noch ging, aber wir hatten kein Geld für eine Reise“, berichtet Boos. „Sylt erschien mir wie ein tolles Reiseziel und ich hatte noch genau so viel Erspartes, dass es für den Sprit dorthin reichte.“ Mit seiner Vespa legte Boos die beinahe 1000 Kilometer innerhalb von zwei Tagen zurück. „Geschlafen habe ich im Gebüsch an der Autobahn“, sagt er. Sein erster Gang auf der Nordseeinsel führte ihn zum Arbeitsamt. „Der Wirt eines Restaurants stellte mich als Küchenhilfe ein.“ Für sechs bis sieben Mark am Tag schrubbte er in der Küche die Muscheln, die die Gäste zuhauf verzehrten, und hielt die Küche sauber. Kost und Logie hatte er dafür frei. „Ich durfte in einem Holzverschlag schlafen“, erinnert sich der 75-Jährige.

„Nach zwei Wochen habe ich das Handtuch geworfen und gekündigt. Das war nichts für mich. Die Muscheln kamen immer in großen Bottichen, wo ich reinlangen musste. Dann hatte ich dauernd Krebse an den Fingerkuppen hängen.“ So führte der Weg schon nach kurzer Zeit zurück zum Arbeitsamt. Viele Stellenangebote hatten die aber nicht. „Nur ein Zimmermädchen wurde gesucht.“ In einem offenbar mehr als halbseidenen Hotel mit angeschlossener Disco verbrachte Boos die nächsten sechs Wochen. „Die Kolleginnen haben sich natürlich köstlich über das neue Zimmermädchen amüsiert“, so Boos. Aber das sei ihm egal gewesen. „Ich habe zwar allerhand niedere Arbeiten verrichten müssen, aber ich wusste, das ernährt mich.“

Ende August war es schließlich langsam an der Zeit, die Heimreise anzutreten. „Mich hatte eine Grippe erwischt. Ich fuhr also im Sprühregen Richtung Hamburg, bis ich irgendwann merkte, dass ich die Fahrt in meinem Zustand nicht bewältigen konnte.“ So habe er schließlich einen niederländischen Anhalter auf dem Sozius seiner Vespa mitgenommen. Der habe ihn dann aber überredet, doch lieber den Zug zurück nach Hause zu nehmen. „Er hat gesagt, er gibt mir das Geld für die Zugfahrkarte, wenn er dafür meine Vespa bekommt“, so Boos. Gesagt, getan. „Die Fahrt nach Hause habe ich verschlafen, ich hatte ja Fieber. So endete mein Abenteuer auf Sylt.“ Insgesamt, findet Boos, wolle er seine ersten Erfahrungen mit der Arbeitswelt nicht missen. „Das war für mich ganz entscheidend. Ich habe Selbstständigkeit gelernt, und es hat mir das Verständnis dafür eröffnet, dass man arbeiten muss, wenn man etwas haben will“, sagt er. Auch für Jugendliche heutzutage sei es empfehlenswert, neben der Schule einen Job zu haben. „Normalerweise erlebt ein Kind, dass es heimkommt und das Essen steht auf dem Tisch“, so Boos. Durch einen eigenen Job lerne es aber, dass mehr dahinter steckt. „Außerdem: Die Erfahrungen, die man durch solche Erlebnisse macht, die kann einem keiner mehr nehmen.“

In der Serie befragten wir Prominente aus der Region, wie sie ihr erstes Geld verdient haben.

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