Eva Erben Foto: Peter Dietrich - Peter Dietrich

Vor Esslinger Schülerinnen und Schülern berichtete die Holocaust-Überlebende Eva Erben über das Grauen, das sie erlebt hat. Ihre Erzählung schloss sie mit einem Appell: „Wehrt euch!“

EsslingenIst mir das alles wirklich passiert? Fantasiere ich? Das hat sich Eva Erben nach Ende des Zweiten Weltkriegs oft gefragt. Zu schockierend sind ihre Erlebnisse, zu unfassbar erscheint ihr das Überleben des Holocaust. Doch dann hat sie mit einer Historikerin die Stationen ihres eigenen Todesmarsches erneut besucht, hat Filmdokumente angesehen. Heute kann jeder alles wissen, sagt sie. Nach 40 Jahren hat sie ihr Schweigen gebrochen.

Was sie über Holocaustleugner denke, fragte eine Zehntklässlerin bei Eva Erbens Besuch in der Freien Evangelischen Schule Esslingen (FES). Für Eva Erben ist eine solche Leugnung einfach „eine katastrophale Blödheit“. Doch gegen Dummheit zu kämpfen, sei ein verlorener Kampf. „Ich bin die Stimme der Vergangenheit“, sagt sie. Geboren 1930 wuchs Eva Erben in der Tschechoslowakei in einer wohlhabenden Familie auf, mit Haus, Garten und Dienstmädchen. Alles war normal und schön, bis 1938 die Nazis kamen. Als die Achtjährige zum Konditor wollte, sah sie das erste Mal ein Plakat mit einem hässlichen Mann und dem Hinweis, für Juden und Hunde sei der Eintritt verboten. Dann durfte sie als Jüdin nicht mehr in die Schule gehen. Die Familie nahm alles stoisch: „Deutschland wird sich doch nicht von so einem Ungeheuer ins Unglück stürzen lassen.“ Das seien Rowdys, keine normalen Deutschen, sagte der Vater bei den ersten Bücherverbrennungen. Er konnte sich so etwas im Land von Goethe und Schiller nicht vorstellen.

Das „neue Ghetto“ war Auschwitz

Das Auto wurde weggenommen, die SS beschlagnahmte die Villa. Die Welt werde dies alles nicht zulassen, dachte man in der Familie weiterhin. Doch 1941 kam die Familie nach Theresienstadt, wurde gleich bei der Ankunft getrennt. In diesem Ghetto waren Verwandte von Einstein und Freud, Professoren und Schauspieler interniert. Dem Roten Kreuz präsentierten es die Nazis als Musterghetto. „Das war alles auf einer Lüge aufgebaut. Doch wer Glück hatte und nicht Typhus oder eine andere Krankheit bekam, konnte durchhalten. Es war kein Vernichtungslager.“ Doch in der Anlage, für 7000 Menschen geplant, lebten nun 75 000 Menschen. Das „neue Ghetto“, das die Nazis versprachen und für das sich die Leute freiwillig meldeten, erwies sich nach drei Tagen Fahrt als Auschwitz. Weil sie arbeitsfähig war, bekam Eva Erben etwas bessere Kleidung und zwei linke Schuhe. Als sie einen umtauschen wollte, schlug ihr ein Soldat mit dem Gewehrkolben zwei Zähne aus.

Zu Fuß kam Eva Erben ins KZ Groß-Rosen, dort sollte sie Stacheldrahtgräben gegen Panzer fertigen. Bei der Ankunft bekamen alle mit derselben Nadel etwas gespritzt, sie wurde todkrank. Ärzte unter den Mitgefangenen retteten ihr Leben. Sie arbeitete für den Kommandanten. „Er hat nichts Gutes, aber auch nichts Schlechtes gemacht, nicht alle Deutschen waren Mörder.“ Als am 25. Januar 1945 Jeeps mit Soldaten kamen, erwarteten alle die Amerikaner. Doch es war die SS, die in 20 Minuten das Lager räumte, um die grausamen Spuren zu verwischen. Es begann ein Todesmarsch mit 30 Kilometern pro Tag, ohne passende Kleidung und Schuhe. Wer nicht mehr konnte, wurde sofort erschossen. Von über 1000 Menschen haben nur 170 überlebt. Die Mutter starb an Typhus.

Bei einer Übernachtung im Kuhstall wurde die halbtote Eva Erben beim Aufbruch übersehen, als sie aufwachte, war sie allein. Sie lief los, beinahe hätte ein deutscher Soldat sie erschossen. Ein zweiter kam hinzu: „Lass sie, sie krepiert von alleine, schade um die Kugel.“ Das Mädchen wog noch 22 Kilogramm. Eine Frau rettete sie. Am 8. Mai kam die Tochter der Familie in das Kellerversteck: „Eva, du kannst raus, die Amerikaner sind da.“

Ihren Vater hatten die Nazis nach Kaufering verschleppt und ermordet, sie kam zu einer Tante. Dort war es nicht schön, sie floh ins Waisenhaus nach Prag. Eine reiche australische Familie hätte sie als Waisenkind aufgenommen, doch in Prag lernte sie beim Tanzen ihren Mann Peter kennen. Mit ihm ging sie nach Israel, wo sie bis heute lebt. „Wir tanzten 69 Jahre.“

Ihre bewegende Erzählung schloss Eva Erben mit einem Appell an die Schüler: „Geschichte kommt immer zurück. Nicht genau gleich, es ist die dieselbe Dame im anderen Rock. Ihr seid die Zukunft, es liegt an euch, wie die Welt aussieht. Handelt, solange es Zeit ist. Soll Deutschland untergehen? Wehrt euch!“ Dann lud sie die Schüler ein: „Kommt nach Israel, ich lade euch alle ein, ich habe ein großes Haus.“

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