Nemo aus der Schweiz gewinnt den Eurovision Song Contest (ESC), Isaak aus Deutschland landet auf Platz zwölf – und Malmö feiert ein politisch aufgeladenes Fest der Diversität.
Kaum hat Loreen dem wunderbaren Nervenbündel in der rosa Puscheljacke die Eurovisionsstatue überreicht, hat Nemo diese auch schon kaputt gemacht. Dieser wunderbar sympathisch-aufgedrehte Mensch aus Biel im Schweizer Kanton Bern, der sich als nonbinär bezeichnet, hat mit Startnummer 21 und „The Code“ alle zum Staunen gebracht. Nemo verziert in einer grandios-opulenten Operettenpop-Nummer Rap und Koloratur-Arie mit ein bisschen „Bohemian Rhapsody“ und stellt nebenbei beim ADHS-Tanz auf einem Drehteller die Gesetze der Schwerkraft auf den Kopf.
117 Punkte: Platz zwölf für Deutschland
Anschließend kauert Nemo sprachlos auf der Couch, kann nicht fassen, dass „The Code“ von den internationalen Jurys wieder und wieder zwölf Punkte bekommt, weiß nichts ins Mikro der Moderatorin Malin Akerman zu sagen, die beruhigend Nemos Hand hält. Und später sitzt Nemo verlegen grinsend auf dem Podium bei der Pressekonferenz des Eurovision Song Contest (ESC), hat ein dickes Pflaster am rechten Daumen. „Das ist passiert, als ich meine Statue aus Versehen zerbrochen habe“, verrät Nemo, „aber sie haben mir gleich eine neue gegeben. Genau genommen habe ich jetzt zwei.“
Am frühen Sonntagmorgen geht eine lange ESC-Nacht in Malmö zu Ende. Nemo aus der Schweiz hat mit „The Code" und 591 Punkten gewonnen, Platz zwei belegt Baby Lasagna aus Kroatien (547 Punkte) mit dem schrillen Partysong „Rim Tim Tagi Dim“, der ein bisschen nach Rammstein auf Speed klingt. Auf Platz drei landen Alyona Alyona & Jerry Heil („Teresa & Maria“) für die Ukraine (453 Punkte), vierter wird Slimane („Mon Amour“) für Frankreich (445 Punkte), fünfte Eden Golan („Hurricane“) aus Israel (375 Punkte). Isaak der mit „Always on the Run“ für Deutschland angetreten ist, schafft es mit immerhin 117 Punkten auf Platz zwölf.
Buhrufe für Israel und Martin Österdahl
Vergessen ist am Ende, dass dieser ESC politisch aufgeladen war, dass wegen der Teilnahme Israels Tausende Menschen – unter ihnen die Klimaaktivistin Greta Thunberg – in Malmö demonstriert haben, dass es bei Golans Auftritt auch in der Halle Pfiffe und Buhrufe gab. Vergessen ist da auch der kurzfristige Ausschluss Joost Kleins aus den Niederlanden, gegen den ermittelt wird, weil er eine Kamerafrau bedroht haben soll. Auch deshalb hatte es während der Show immer wieder Pfiffe für den ESC-Boss Martin Österdahl gegeben.
Das alles ist vergessen, weil mit Nemo ein Mensch gewonnen hat, der wie kaum ein anderer die Idee des ESC lebt, für Offenheit, Diversität und das Motto dieses Gesangswettbewerbs steht: „United by Music“. Und gegen zwei Uhr morgens findet Nemo allmählich wieder Worte, realisiert, was da passiert ist. Auf die Frage, wie es ist, als erste nonbinäre Person den Eurovision Song Contest zu gewinnen, antwortet Nemo: „Ich glaube, nie zuvor war die Idee des Queerseins so präsent, wie bei diesem ESC.“ Es seien zwar einige heftige Dinge rund um die Show passiert, bei denen man manchmal den Eindruck hatte, dass die Grundideen des ESC verloren gegangen seien: „Gleichzeitig habe ich hier aber auch so viel Liebe, Gemeinschaft und Positivität erlebt, dass ich voller Hoffnung bin, dass der ESC auch weiterhin für Liebe, Freundschaft und Frieden stehen kann – auch wenn das harte Arbeit ist.“
Die Diversitätsbotschaft ist politisch
Tatsächlich wird es noch eine Weile dauern, bis sich alle daran gewöhnt haben, bei Menschen wie Nemo das Personalpronomen richtig hinzubekommen. Nicht nur Thorsten Schorn, die neue deutsche Stimme des ESC, und der Leiter der ESC-Pressekonferenz benutzen ein paar Mal für Nemo versehentlich „er“. Und weil es im Deutschen kein passendes Personalpronomen für nonbinäre Menschen wie Nemo gibt, sind (auch in diesem Text) einige grammatikalische Tricks nötig, um die richtigen Worte zu finden. Insofern ist der ESC – allen Bekundungen der Organisatoren zum Trotz – eine durch und durch politische Veranstaltung: Sich für Diversität, für Offenheit, für ein Mit- statt ein Gegeneinander einzusetzen und sich für Anderssein stark zu machen – das ist ein politische Programm, das in Zeiten wie diesen wichtiger denn je ist.
Abba nur als Avatare zu Gast
Und was blieb sonst noch in Erinnerung vom ESC in Malmö? Abba sind nur als Avatare zu Gast, während Charlotte Perelli, Carola und Conchita Wurst „Waterloo" singen, es gibt eine Reunion von Alcazar („Crying at the Discotheque“), Björn Skifs singt „Hooked on a Feeling“ und Loreen ein Medley aus „Forever“ und „Tattoo“. Und dann ist da natürlich noch dieser wunderbare 24-jährige Mensch aus Biel, der sich Nemo nennt und für die Schweiz den ersten ESC-Sieg seit 1988 holt. Damals gewann Celine Dion mit dem Lied „Ne partez pas sans moi“. Und wieder einmal ist das Nervenbündel in der rosa Puscheljacke sprachlos: „Was soll ich dazu sagen? Ich kann es überhaupt nicht fassen, dass gerade mein Name in einem Atemzug mit Celine Fucking Dion genannt wurde.“