Noch nie ist die Stimmung unter den europäischen Unternehmen in China so pessimistisch wie dieser Tage gewesen. Woran liegt das?
Jörg Wuttke lebt bereits seit mehr als 30 Jahren in China, doch so pessimistisch wie dieser Tage klang der deutsche Wirtschaftsvertreter noch nie. „China verliert den Reiz, den es früher mal hatte“, sagt Wuttke, der als Präsident die europäische Handelskammer leitet: „Noch nie habe ich erlebt, dass ideologische Entscheidungen wichtiger geworden sind als wirtschaftliche Entscheidungen.“
Knapp tausend Empfehlungen an die Regierung in Peking
Am Mittwoch hat der gebürtige Heidelberger das alljährliche Positionspapier der Handelskammer vorgestellt. Auf mehr als 400 Seiten richtet sie knapp tausend Empfehlungen an die chinesische Regierung, damit der chinesische Markt wieder zu alter Attraktivität zurückfindet. Dass die Rufe jedoch bis ins Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai durchdringen, erscheint mehr als fraglich. An der Bereitschaft der pragmatisch orientierten Lokalregierungen von Shanghai bis Shenzhen mangelt es zwar nicht. Doch die Zentralregierung hat mehr als deutlich gemacht, dass sie bereit ist, Wirtschaftswachstum im Gegenzug für politische Kontrolle einzutauschen.
„Wenn ich Wirtschaftsplaner auf Stadtebene treffe, habe ich den Eindruck: Sie kümmern sich sehr um die Probleme. Aber je höher du gehst, desto mehr fällt dir die Ideologie auf – und desto mehr fragst du dich manchmal, ob die Leute wirklich die Realität sehen“, sagt Wuttke. Man merkt, wie viel angestauter Frust sich in jenen Worten entlädt.
Die Wirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen
Denn im Zuge der anhaltenden Null-Covid-Politik ist die chinesische Volkswirtschaft nahezu zum Erliegen gekommen. Im zweiten Halbjahr ist das Bruttoinlandsprodukt nur um magere 0,4 Prozent angestiegen. Ständige Lockdowns, geschlossene Grenzen und täglich wechselnde Regulierungsmaßnahmen haben den Unternehmen jegliche Planbarkeit geraubt.
Dabei ist der chinesische Konsum am stärksten eingebrochen, was die europäische Wirtschaft überproportional zu spüren bekommt. Mittlerweile sind die EU-Exporte nach China doppelt so hoch wie die Importe aus der Volksrepublik. Die derzeitigen Zahlen lassen durchaus Zweifel an der Wichtigkeit des chinesischen Marktes aufkommen: Der EU-Raum verkauft etwa nur 20 Prozent mehr Waren nach China als in die Schweiz.
Europäische Firmen investieren nun lieber woanders
Die zunehmend ideologisch motivierte Null-Covid-Politik ist der Hauptgrund, dass europäische Unternehmen ihre Direktinvestitionen und auch Lieferketten von China in andere Regionen stecken, vor allem in Südostasien und Indien. Die französische Investmentbank Natixis kommt zudem in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass Fusionen und Übernahmen mit ausländischer Beteiligung in China nur 13 Prozent für den asiatischen Raum ausmachen – der niedrigste Wert seit über 15 Jahren.
Zum Worst-Case-Szenario wird es wohl allerdings nicht kommen: Ein befürchteter Exodus europäischer Firmen aus China ist weiterhin unwahrscheinlich. Doch gleichzeitig hat sich in den Chefetagen die Ernüchterung breitgemacht, dass ihre Präsenz in China nachhaltig an Attraktivität verliert.
Mit den harten, aber erfolgreichen Pandemiemaßnahmen hat sich China zwar Zeit erkauft, um seine Bevölkerung gegen das Virus zu immunisieren. Doch genau diese Chance hat die Regierung nun nicht genutzt: Wurden noch zu Spitzenzeiten bis zu 30 Millionen Chinesen pro Tag geimpft, sind es derzeit nur mehr rund eine Million.
Wo ist der politische Wille für die Impfkampagne?
Selbst wenn die Volksrepublik ausländische mRNA-Vakzine zuließe und ihre Impfkampagne forcieren würde, bräuchte es mindestens ein Dreivierteljahr, ehe eine für die Regierung akzeptable Herdenimmunität innerhalb der 1,4 Milliarden Chinesen erreicht würde. Derzeit gibt es nicht mal Anzeichen, dass der politische Wille dafür vorhanden ist.
Dementsprechend bleibt das Land in einer tiefen Isolation gefangen: Während etwa in den Stadtstaat Singapur im Juli 3,3 Millionen Menschen ein- und ausgereist sind, waren es im selben Zeitraum in China weniger als 150 000 Personen. Wirtschaftlich werden am meisten die Chinesen selbst unter der rückwärtsgewandten Politik leiden. Die Weltbank hat bereits 2021 mehrere Szenarien berechnet, wie sich das Land unter bestimmten Reformkursen entwickelt: Würde Pekings Parteiführung zum Öffnungskurs vergangener Tage wieder zurückkehren, wäre bis 2050 ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von bis zu 55 000 Dollar möglich – also mehr als das Niveau, welches Schweden oder die Niederlande derzeit erzielen. Andernfalls prognostiziert man ein BIP pro Kopf von lediglich 33 700 Dollar – was dem heutigen Niveau von Italien entspräche.