Wenn andere längst schlafen, setzt sich Ulrike Gräter an ihren Schreibtisch und macht bis weit nach Mitternacht Impftermine für andere klar. Foto: oh

Weil sich viele Menschen schwertun, einen Termin für eine Corona-Impfung zu ergattern, hat die Esslingerin Ulrike Gräter begonnen, ehrenamtlich zu helfen. Inzwischen hat sie weit mehr als 100 Menschen geholfen. Denn sie ist überzeugt, dass jeder, der eine Impfung bekommen möchte, möglichst rasch Gelegenheit dazu erhalten sollte.

Esslingen - Ulrike Gräter gehört zu jenen Menschen, die stets zur Stelle sind, wenn es gilt, für andere da zu sein. Sie vermittelt Kindern den Spaß an der Musik, sie engagiert sich als Vorsitzende des Esslinger Vocalensembles, sie hat sich für eine gute Zukunft des Blarer-Gemeindehauses eingesetzt, sie hat den Bürgerentscheid zur Stadtbücherei zum Erfolg geführt, und sie mischt als Geschäftsführerin der SPD-Ratsfraktion in der Kommunalpolitik mit. Langweilig wird es ihr also bestimmt nicht.

Dennoch hat die 61-Jährige keine Sekunde gezögert, als sie erfuhr, wie schwer sich viele tun, einen Termin für eine Impfung gegen das Coronavirus zu ergattern. Was als Geste der Hilfsbereitschaft begonnen hat, ist für die Esslingerin zur Mammutaufgabe geworden. Weit mehr als 100 Impftermine hat sie bereits vermittelt – und viele, die nicht mehr so mobil sind, hat sie ins Impfzentrum begleitet. Ihr Credo: „Jeder, der geimpft ist, bringt einen Vorteil – für sich und für andere. Wenn wir gut durch diese schwierige Zeit kommen wollen, müssen wir zusammenhalten. Nörgeln kann jeder, aber das schadet nur – auch unserem Immunsystem. Ich möchte meinen Beitrag zum Gelingen leisten.“

Terminsuche darf kein Glücksspiel werden

Zunächst war dieses Engagement gar nicht geplant. „Doch dann gab es im SPD-Büro immer wieder Anfragen von Menschen, die mit der Anmeldung nicht klarkamen. Da dachte ich mir: Ich versuche einfach mal, ob ich helfen kann.“ Anfangs tat auch sie sich schwer, schließlich folgt das Anmeldesystem einer Logik, die sich nicht auf Anhieb erschließt: Erst muss man klären, ob man überhaupt impfberechtigt ist. Dann braucht man eine Pin-Nummer, um sich einen Anmeldecode zu beschaffen. Und auch wenn man den ergattert hat, ist längst nicht alles klar: Nicht jeder weiß zum Beispiel, dass man für jedes Impfzentrum einen eigenen Anmeldecode braucht.

Ulrike Gräter ließ sich von anfänglichen Pannen nicht entmutigen und blieb am Ball. Und sie hat sich mehr und mehr eingefuchst. Ihre Motivation: „Die Telefonanmeldung kann frustrierend sein, die Online-Anmeldung ist einfacher, sofern man das System verstanden hat. Für digitalaffine Menschen ist das keine allzu große Hürde, für Ältere viel eher. Da gibt es viele, die noch nicht mal einen PC besitzen. Es kann nicht sein, dass die Impfung gerade für diejenigen, die sie am nötigsten brauchen, zum Glücksspiel wird. Oder dass ein Impftermin an fehlenden sprachlichen Möglichkeiten scheitert.“

Suche in allen Impfzentren der Region

So sitzt sie jeden Tag bis weit nach Mitternacht am Schreibtisch, hat Handy, Tablet und Notebook vor sich und schaut nach, was in den Impfzentren der Region geht. Esslingen, Leinfelden-Echterdingen, Stuttgart, Reutlingen, Tübingen oder Göppingen – überall, wo sich für kurze Augenblicke ein vakanter Termin auftut, versucht Ulrike Gräter, ihn für Menschen zu reservieren, die sich selbst nicht helfen können. Dass jeder, der sich hilfesuchend bei ihr meldet, am Ende einen Impftermin bekommt, kann auch sie nicht versprechen. „Ich kann nur zusagen, dass ich mein Bestes versuche und am Ball bleibe, auch wenn es länger dauert. Und wenn ich dann erfolgreich war, ist die Freude eine doppelte: Zunächst, wenn ich spätabends einen Termin für jemanden erwischt habe, der dringend auf eine Impfung hofft. Und dann am nächsten Morgen, wenn ich die gute Nachricht überbringen kann. Wenn ich ein strahlendes Gesicht sehe, denke ich mir: Das Geheimnis des Glücks findet man in der Freude des anderen.“

Ulrike Gräter mag kein Aufheben um ihren Einsatz machen – viele empfinden sie jedoch wie einen Engel und bedanken sich mit einem netten Brief, einem Paar selbst gehäkelter Topflappen oder einem Blumenstrauß. Manchmal wird die 61-Jährige gefragt, weshalb sie sich die Nächte für andere um die Ohren schlägt. Dann muss sie nicht lange nachdenken: „Ich kenne viele Ärzte und weiß, wie wichtig es ist, möglichst viele Menschen zu impfen – vor allem diejenigen, die besonders gefährdet sind. Wenn jemand nicht geimpft werden will, ist das seine Entscheidung, auch wenn mir manchmal mulmig wird, wenn ich die Argumente höre. Ich will jedoch, dass es vorangeht und dass diejenigen, die wollen, möglichst rasch geimpft werden können. Ich habe die Zeit, etwas dafür zu tun.“ Und das bis spät in die Nacht: „Ich bin wie eine Eule auch nachts um zwei Uhr noch immer fit.“

Weil sich Gräters Engagement längst herumgesprochen hat, macht sie immer weiter: „Das hat sich mit der Zeit verselbstständigt. Wenn ich die Verzweiflung bei Menschen spüre, die von Albträumen geplagt werden, weil sie dringend eine Impfung wollen, kann ich doch nicht einfach wegschauen. Deshalb habe ich auch nach weit mehr als 100 Vermittlungen den Ehrgeiz, zu helfen.“

Viel Lob für die Zentren

Trotz aller Vermittlungserfolge wird die Suche nach Impfterminen für Ulrike Gräter nie zur Routine: „Die Spannung ist jedes Mal dieselbe. Man weiß nie, ob es klappt.“ Während die Terminvergabe Tücken bergen kann, ist Ulrike Gräter voll des Lobes für die Arbeit der Impfzentren – einige hat sie als Begleiterin hilfsbedürftiger Menschen kennengelernt: „Die liebevolle Betreuung, die ich gesehen habe, hat mich beeindruckt. Hut ab vor dieser logistischen Leistung. Das muss erst mal einer nachmachen. Meckern ist leicht, aber es bringt nichts, sich und andere herunterzuziehen. Jetzt müssen wir zusammenhalten, weil wir es nur gemeinsam schaffen.“

Wer Hilfe bei der Impfterminvereinbarung benötigt, kann sich unter Telefon 07 11/ 50 48 00 35 an den Landtagsabgeordneten Nicolas Fink und die SPD wenden.