Mit dem Wohnführerschein bieten Caritas und Stiftung Hoffnungsträger ein Kompetenztraining an für Menschen, die sich auf dem Mietmarkt schwer tun.
Entmutigen lässt sich Lamin Jammeh nicht. Obwohl es nicht ermutigend ist, was er bisher bei der Wohnungssuche im Kreis Esslingen erlebt hat. „Oft bekomme ich nicht mal eine Einladung zur Besichtigung. Manchmal bekomme ich eine“, sagt der aus Gambia stammende 28-Jährige.
Geklappt mit einer Wohnung hat es bisher noch nie. Auch wenn manche Vermieter ihm zunächst Hoffnung machten. „Wenn ich dann nachfragte, hieß es, die Wohnung sei doch schon weg.“ Aber er sucht unverzagt weiter, sichtet Immobilienplattformen, schreibt Bewerbungen. Zurzeit ist er in Oberboihingen untergebracht. In Kirchheim hat er eine feste Arbeitsstelle. Er spricht gut Deutsch.
Bei Ali Alizihi sind die Voraussetzungen ungünstiger. Der 35-Jährige aus Afghanistan hat keine Arbeit, aber einen Schwerbehindertenausweis mit 100 Prozent. Vor kurzem wurde er operiert. „Der Arzt hat mir dringend geraten, eine andere Wohnung zu suchen.“ Auch er lebt in der Anschlussunterbringung für Geflüchtete, hält sich selbst für lärmempfindlich, hatte deshalb schon Ärger mit Mitbewohnern oder Nachbarn. „Aber ich will ja nicht ständig die Polizei rufen.“ Seine Wohnungsanfragen haben bisher entweder die Vermieter aussortiert – oder er selbst. Ein kleines Einzimmer-Appartement wurde ihm angeboten, für 900 Euro im Monat. Leisten kann er sich das nicht. Zudem will er seine Ehefrau nachholen, die zurzeit im Iran festhängt und dort von der Abschiebung nach Afghanistan bedroht ist.
Einzige Chance: guten Eindruck machen
Zwei chancenlose Kandidaten auf einem schwierigen, teilweise ausgereizten Mietwohnungsmarkt? Wahrscheinlich. Damit aus Chancenlosigkeit eine Chance wird, veranstaltet die Caritas im Rahmen ihres Türöffner-Projekts zusammen mit der Hoffnungsträger Stiftung ein Kompetenztraining für Wohnungssuchende, an dessen Ende ein Zertifikat mit dem anschaulichen Namen „Wohnführerschein“ (WFS) verliehen wird. Es bestätigt den Absolventen, über Mietrechte und -pflichten informiert zu sein und gibt damit den Vermietern einen Anhaltspunkt, dass ihre Mieter in spe über Ruhezeiten ebenso informiert sind wie über Mülltrennung. So können Vermieter mit gutem Gewissen an Geflüchtete mit dem WFS vermieten, da man mit der Teilnahme an dem Kurs lernt, was bei einem Mietverhältnis in Deutschland wichtig ist.
Nina Fröhlking, Sozialarbeiterin bei den Hoffnungsträgern und dort mit dem Projekt betraut, setzt auf die Wirkung dieser Kompetenznachweise bei den Vermietern: „Die Vorbehalte mancher Vermieter gegen Geflüchtete beruhen nicht immer auf Vorurteilen, sondern manchmal auch auf schlechten Erfahrungen, weil Wohnen in anderen Ländern teilweise anders funktioniert. Der Wohnführerschein hat das Ziel, vor allem Geflüchtete wohnfähig in Deutschland zu machen. Man lernt mit der Teilnahme, was bei einem Mietverhältnis hierzulande wichtig ist.So können Vermieter mit gutem Gefühl an Geflüchtete mit Wohnführerschein vermieten.“ Wichtig für die Wohnungssuchenden sei, dass sie überhaupt eine Einladung zur Besichtigung bekommen. Denn nur dort haben sie die Chance, durch ihren persönlichen Eindruck zu punkten.
19 Teilnehmer zählte der jüngste Esslinger Wohnführerscheinkurs. Interessenten gab es weit mehr, sodass Ende des Jahres der nächste Kurs stattfindet. Zudem wollen weitere Sozialträger das Angebot aufgreifen. Grundsätzlich stehen Kurse und Zertifikat allen Wohnungssuchenden offen. Der Großteil der Teilnehmer sind jedoch Geflüchtete – nicht nur weil sie auf dem Mietmarkt die schlechtesten Chancen haben, sondern auch weil eine eigene Wohnung ein entscheidender Schritt in Richtung sicherem Aufenthaltstitel ist.
Wie man Strom spart und Schimmel verhindert
Neben Mietrechten und Mietpflichten behandelt der Unterricht das Thema Wohnen und Nachbarschaft: Fragen von der gegenseitigen Rücksichtnahme bis zur Kontaktpflege und ihrer richtigen Dosierung. Gleich in der ersten Lerneinheit wird über die Wohnungssuche selbst und die Besichtigung informiert. Ausgangspunkt ist die Frage, auf welchen Portalen und wo sonst sich die Suche lohnt. Dann geht es um das in möglichst korrektem Deutsch abzufassende Anschreiben. „Mit vielen sprachlichen Fehlern bekommt man keine Einladung“, sagt Fröhlking. Für Leute, die im Deutschen noch nicht so fit sind, sei es besser, sich beim Schreiben helfen zu lassen. Die Glaubwürdigkeit der Anfragen und damit die Chance, eine Einladung zu bekommen, hänge erfahrungsgemäß davon ab, wie aussagekräftig die Informationen der Wohnungssuchenden über sich selbst sind. Auch da setzt der Wohnführerschein an: Von seinen Inhabern können Vermieter erwarten, dass sie wissen, wie man Strom spart oder Schimmelbildung verhindert.
Eine Erfolgsauswertung des Wohnführerscheins gibt es bisher nicht. Dass weitere Sozialverbände mitmachen wollen, spricht zumindest nicht gegen das Projekt. Ali Alizihi lobt es ausdrücklich: „Man lernt, worauf es ankommt.“ Wogegen man ankommen muss, sind die Vorurteile und Klischees einiger Vermieter. Doch die werden gegenüber den abgelehnten Mietinteressenten nie ausgesprochen, bestätigen Alizihi und Jammeh. Statistisch belegt, wissenschaftlich erforscht und vom Sozialministerium wie von der Antidiskriminierungsstelle Esslingen bestätigt ist die Diskriminierung von Migranten, aber auch von Alleinerziehenden und Älteren auf dem Mietwohnungsmarkt. Besonders schwer haben es Muslime und Menschen mit dunkler Hautfarbe. Lamin Jammeh hat es selbst und in seinem Bekanntenkreis so erfahren: „Ich weiß nur von zwei Afrikanern, die einigermaßen schnell eine Wohnung gefunden haben. Ihr Chef hat sich bei den Vermietern für sie eingesetzt.“
Fähig zum Wohnen
Idee
Der Wohnführerschein als Abschlusszertifikat eines in der Regel zweitägigen Seminars soll die Fähigkeit zum konfliktfreien, rücksichtsvollen Wohnen samt schonendem Umgang mit der Wohnung nachweisen. Die Idee stammt ursprünglich von der Stiftung der Stuttgarter Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo.
Anbieter
Im Kreis Esslingen bieten die Caritas und die Stiftung Hoffnungsträger gemeinsam den Wohnführerschein an. Weitere Sozialverbände wollen ihn in ihr Angebot aufnehmen – für Nina Fröhlking von den Hoffnungsträgern ein Beispiel gelungener Multiplikation. Entscheidend für die Verlässlichkeit des Zertifikats sei, dass unter Wohnführerschein stets dasselbe verstanden werde. Es gebe daher Überlegungen, den Begriff rechtlich schützen zu lassen.