Für Chöre, Schulen und Musikvereine war es bislang Ehrensache, den Esslinger Weihnachtsmarkt mit ihren Darbietungen auf einer kleinen Bühne am Marktplatz zu bereichern. Wegen allzu hoher Gema-Gebühren wird es diese Bühne diesmal nicht geben.
Bald beginnt sie wieder, die große Zeit der Weihnachtsmärkte. Stimmungsvolle Lichter, Tannengrün und leckere Düfte vermitteln festliches Flair, und vielen wird es warm ums Herz, wenn weihnachtliche Melodien erklingen. Darauf muss das Publikum in diesem Jahr jedoch vielerorts verzichten: Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema), die die Urheberrechte von Komponistinnen und Komponisten vertritt, macht Weihnachtsmarkt-Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Weil die Gema Gebühren verlangt, „die eine Umsetzung in der gewohnten Form unmöglich machen“, wird die Stadt Esslingen in diesem Jahr keine Bühne am Marktplatz aufbauen. Andere Kommunen haben ebenfalls abgewunken.
„Übers Ziel hinaus“
Für den Oberbürgermeister Matthias Klopfer ist das Urheberrecht ein hohes Gut. Doch der Rathauschef findet: „Hier schießt die Gema übers Ziel hinaus. Weihnachtsmärkte werden wie Stadtfeste behandelt, obwohl ihr Charakter ein anderer ist.“ Die Höhe der Gebühren hängt inzwischen von der gesamten Weihnachtsmarktfläche ab und nicht mehr nur davon, wo die Musik tatsächlich zu hören ist. Beim Esslinger Marktplatz mit etwa 5000 Quadratmetern kämen in vier Wochen 25 000 bis 30 000 Euro an Gema-Gebühren zusammen. Bisher musste Esslingen mit etwa 3000 bis 4000 Euro kalkulieren. Weil andere Kommunen ähnliche Steigerungen sehen, werden auf vielen Märkten keine weihnachtlichen Melodien mehr erklingen. Manche Kommunen spielen nur noch am Eröffnungstag Weihnachtslieder – ansonsten bleibt es still.
Esslingen stellt mit seinem Mittelaltermarkt einen Sonderfall dar: Auf der Bühne zwischen Altem und Neuem Rathaus gibt es Tag für Tag historische Kulturdarbietungen. Für die historische Musik, die dort zu hören ist, gelten keine Urheberrechte mehr. Anders verhält es sich mit der kleinen Bühne am Marktplatz, die bislang für örtliche Ensembles reserviert war – Schulchöre, Musik- und Gesangvereine. Die Auftritte dort dauern in der Regel gerade mal eine halbe, höchstens eine ganze Stunde. Für den Rest des Tages ist die Bühne verwaist. Trotzdem berechnet die Gema den Gebührensatz für den ganzen Tag – obwohl die Darbietungen nur auf einem kleinen Teil des Weihnachtsmarktes zu hören sind. Lautsprecher gibt es nicht, und auch abseits der Bühnen sind künstlerische Darbietungen nicht erlaubt.
„Da gibt es nur Verlierer“
Matthias Klopfer kann die Haltung der Gema nicht nachvollziehen: „Da gibt es nur Verlierer: Unsere Schulen und Vereine, für die ein Auftritt auf dem Weihnachtsmarkt etwas Besonderes ist. Die Weihnachtsmarkt-Besucher. Aber auch die Künstlerinnen und Künstler, die statt einer maßvollen Vergütung gar nichts bekommen.“ Dass es so weit kommen könnte, hatte sich schon 2023 abgezeichnet. Die Bundesvereinigung der Musikveranstalter und die Kommunalen Spitzenverbände hatten frühzeitig auf die „unangemessen hohe“ Belastung hingewiesen und für eine Sonderregelung für Weihnachtsmärkte geworben. „Es ist nicht angemessen, einen Weihnachtsmarkt wie ein Stadtfest zu behandeln“, findet der Esslinger OB. „Unser Schwörfest beispielsweise dauert nur drei Tage, der Weihnachtsmarkt jedoch mehrere Wochen. Außerdem gibt es bei Stadtfesten den ganzen Tag über Programm, meist sogar von Profimusikern und mit Verstärkung. Auf unserer Weihnachtsmarkt-Kulturbühne wird höchstens eine Stunde täglich gesungen oder musiziert, in der Regel sind das auch keine Profis.“ Für Klopfer sind all das gute Argumente für einen Gema-Sondertarif für Weihnachtsmärkte.
Solange es den nicht gibt, wird es am Marktplatz keine Bühne für Vereine und Schulen mehr geben. „Wir können die Kosten nicht einfach an die Schausteller oder Besucherinnen und Besucher weitergeben“, erklärt der Stadtmarketing-Chef Michael Metzler. Er weist darauf hin, dass die Kosten in den vergangenen Jahren ohnehin massiv gestiegen seien – nicht nur inflationsbedingt, sondern auch durch zusätzliche Anforderungen etwa für aufwendige Sicherheitskonzepte. Deshalb hofft Metzler genau wie der OB, dass es zumindest 2025 wieder eine Weihnachtsmarkt-Regelung geben wird, mit der die Veranstalter leben können.
Kleine Bühne abseits des Markttrubels
Matthias Klopfer hat inzwischen auch die Bundes- und Landtagsabgeordneten um Unterstützung gebeten und positive Signale erhalten, dass von ihnen Rückenwind zu erwarten ist. Und für lokale Schulen, Chöre und Musikvereine gibt es einen kleinen Trost: Auf dem Kessler-Platz werden sie eine kleine Bühne erhalten – abseits des Weihnachtsmarkt-Trubels, aber immerhin. Der Vorteil: Weil der Kessler-Platz viel kleiner ist als der Marktplatz, fallen dort wesentlich geringere Gema-Gebühren an. Dafür fürchtet man im Rathaus einen drohenden Verlust von Attraktivität und bürgerschaftlichem Engagement. „Dabei wäre beides in diesen Zeiten umso nötiger“, betont Klopfer.
Bald ist wieder Weihnachtsmarktzeit
Der Markt
Jedes Jahr zur Weihnachtszeit verwandelt sich die Esslinger Altstadt zwischen Marktplatz, Rathausplatz, Hafenmarkt und Postmichelbrunnen in eine kunterbunte Budenstadt. Möglich macht’s der Mittelalter- und Weihnachtsmarkt, der alle Jahre wieder rund eine Million Besucherinnen und Besucher anlockt – nicht nur aus der Stadt und ihrer Region, sondern auch aus der gesamten Republik und dem benachbarten Ausland. Selbst aus Übersee werden Gäste begrüßt. In touristischen Fachkreisen wird die Esslinger Budenstadt zu den schönsten Weihnachtsmärkten Deutschlands gezählt. Rund 180 Stände laden zum Bummeln, Einkaufen und Genießen ein, der Mittelaltermarkt lässt historisches Flair lebendig werden – Handwerker wie Zinngießer, Filzer, Schmied, Besenbinder oder Scherenschleifer zeigen traditionelle Handwerkskunst aus längst vergessener Zeit.
Termine
Eröffnet wird der Mittelalter- und Weihnachtsmarkt am 26. November – bis 22. Dezember lockt die Budenstadt täglich von 11 bis 20.30 Uhr, freitags und samstags ist der Markt bis 21.30 Uhr geöffnet. Veranstalter ist die Esslinger Markt & Event-Gesellschaft. Auf dem Mittelaltermarkt gibt es Führungen und Mitmachaktionen.