Bei „Meeresstille oder Können Fische sprechen?“ werden Gedichte von Goethe kindgerecht aufbereitet. Foto: Jennifer.Rohrbacher/Lumiphotographie

Die Kinder- und Jugendbuchwochen der Stadtbücherei in Esslingen laden zur Begegnung mit dem geschriebenen Wort ein.

Esslingen - Die Experten der Stiftung Lesen haben sich quer durch die Republik umgeschaut und Bedenkliches beobachtet: Ein Drittel der Eltern liest seinen Kindern zu selten vor. Jeder fünfte Junge und jedes siebte Mädchen hat mit 15 Jahren Probleme beim Lesen und Schreiben. Mehr als sieben Millionen Erwachsene sind funktionale Analphabeten und können ihren Nachwuchs schon deshalb nicht zur Begegnung mit dem geschriebenen Wort ermuntern. Dabei ist die Stiftung überzeugt: „Lesen muss Teil jeder Kindheit und Jugend werden, damit alle die gleichen Chancen haben.“ Die Esslinger Stadtbücherei nimmt diesen Appell seit vielen Jahren beim Wort und tut viel, um den Lese-Nachwuchs für Bücher zu begeistern. Zweimal jährlich legen sich Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs und Bettina Langenheim, die Chefin der Kinder- und Jugendabteilung, besonders ins Zeug: Während der Literaturtage LesART im Herbst und während der Klasse Lesungen im Frühjahr. Die nächsten Kinder- und Jugendbuchwochen starten am Montag, und sie bieten bis 3. April zehn Lesungen, vier Schreibwerkstätten, zwei Erzähltheater und zwei Figurentheaterstücke für Kinder und Jugendliche an.

Die Fähigkeit, Bilder zu erschaffen

Fragt man die Bestseller-Autorin Cornelia Funke, weshalb es so wichtig ist, junge Leute mit Büchern in Berührung zu bringen, fällt ihr die Antwort nicht schwer: „Leseförderung erhält unseren Kindern inmitten der Bilderflut, mit der sie aufwachsen, die wunderbare Fähigkeit, selbst Bilder zu erschaffen. Nur das Lesen lässt sie begreifen, dass die menschliche Fantasie nicht allzu viele Hilfsmittel braucht, um Welten zu bauen. Kein Bildschirm nötig, keine Steckdose, es wartet alles schon in ihrem Kopf, und der Schlüssel sind ein paar gedruckte Buchstaben.” Bettina Langenheim kann da nur zustimmen, und sie weiß aus ihrer tagtäglichen Erfahrung, dass es keinen Grund gibt, im Zeitalter der digitalen Medien bereits den Abgesang auf das klassische Buch zu proben: „Wir merken das zum Beispiel, wenn junge Leser nach einem Buch fragen und die gedruckte Version verliehen ist. Wenn wir als Alternative das Hörbuch empfehlen, kommt das für die meisten nicht in Frage. Vielleicht wird bei Sachbuchthemen gerne mal eine App genutzt, aber Geschichten werden am liebsten selbst gelesen, weil man sie dabei ganz anders erlebt. Wer gerne liest, ist unter Gleichaltrigen nicht die Lachnummer. In manchen Klassen kommt man in Erklärungsnöte, wenn man die angesagten Bücher nicht gelesen hat.“

Mit ihren Klasse Lesungen möchte Bettina Langenheim Literatur für Kinder zum Erlebnis machen. Besonders wichtig ist ihrer Erfahrung nach vielen die persönliche Begegnung mit Autorinnen und Autoren, die das kleine Festival ermöglicht: „Bis zum Schulalter lassen sich Kinder vor allem von den Geschichten selbst faszinieren. Wenn sie erst mal die Schule besuchen, wird die Neugier auf die Hintergründe immer größer. Dann wollen sie erfahren, wie man Autor wird, was man verdient und wie man zu seinen Ideen kommt. Sie fragen, was alles nötig ist, damit aus einer Idee ein gedrucktes Buch wird, und sie sagen durchaus auch mal ihre Meinung. Wenn Kinder einen Autor kennengelernt haben, sind sie viel neugieriger auf seine Bücher.“

„Wer denkt sich die verrücktesten Worte aus?“

Mit Dirk Werner lernen Grundschüler bei den Klasse Lesungen einen angesehenen Autor kennen, der es versteht, junge Leute fürs Lesen zu begeistern und ihnen Lust zu machen, selbst zur Feder zu greifen. Deshalb bietet er vier Schreibwerkstätten in Esslinger Grundschulen an. Und er fragt: „Wer denkt sich die verrücktesten Worte aus? Worte, die vorher kein anderer Mensch gesprochen hat? Wollen wir eine Sprache erfinden? Wir – alle zusammen, mit Worten, die dann an der Tafel stehen? Nicht allein, was wir erleben, ist entscheidend, sondern wie wir es erleben. Jeder für sich und jeder für sich anders.“

Und wer weiß: Vielleicht wird ja der eine Junge oder das andere Mädchen, das in Dirk Werners Schreibwerkstätten die Faszination des geschriebenen Wortes kennengelernt hat, selbst irgendwann einmal als erfolgreiche Autorin oder gefragter Autor in die Esslinger Bücherei zurückkehren.

Klasse Leistungen im Überblick

Antje Szillat stellt am Dienstag, 3. März, ab 14.30 Uhr im Kutschersaal der Stadtbücherei (Heugasse 9) in Esslingen ihr Kinderbuch „Eddie Fox und der Spuk von Stormy Castle“ vor – ein turbulentes Abenteuer mit Witz und Humor. Die Geschichte spielt auf einer uralten und scheinbar verlassenen Burg, wo eines Tages eine Schule einziehen soll. Womit die neuen Mieter aber nicht gerechnet haben: Burgherr Edward Donald Darius Ignatz Eliot Graf von Fox und Wood spukt immer noch als Geist durch das alte Gemäuer . . .

Barbara Iland-Olschewski hat sich am Mittwoch, 18. März, ab 14.30 Uhr mit „Tiergeister AG – total abgetaucht!“ im Kutschersaal angesagt: Gespensterdackel Arik und seine verspukten Freunde müssen alle Register ziehen, als Schülerin Sarah Unterstützung braucht, um ihre Angst vorm Schwimmen zu besiegen. In ihrer „Taschenlampen-Lesung“ (ab acht Jahren) lässt die Autorin Geistertiere als Schattenfiguren lebendig werden.

Das Figurentheater Vagabündel ist am Dienstag, 24. März, ab 10.30 Uhr und dann noch einmal ab 14.30 Uhr im Kutschersaal mit seiner Inszenierung „Meeresstille oder Können Fische sprechen?“ zu Gast – einem Figurenspiel nach Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe. Packend werden kleine Goethe-Gedichte für Kinder ab drei Jahren in eine mitreißende und zugleich anrührende Geschichte umgesetzt.

Klaus Adam ist am Mittwoch, 25. März, ab 10.30 Uhr und ab 14.30 Uhr im Kutschersaal mit seinem Erzähltheater-Programm „Hexe Lilli bei den Piraten“ für Kinder ab fünf Jahren zu Gast: Seit vielen Jahren verzaubert der Autor Knister mit den Abenteuern der kleinen Geheimhexe Leseratten in aller Welt. Nun bekam Klaus Adam von Knister die Erlaubnis, ein Geschichten-Erzähltheater-Programm mit Abenteuern der kleinen Superhexe Lilli zu produzieren, in dem auch der eine oder andere Hexenzaubertrick nicht fehlen darf.

Kristina Andres liest am Dienstag, 31. März, ab 14.30 Uhr im Kutschersaal aus „Maus und Eichhorn – Die große Reise ans Meer“. Diese poetische Geschichte verzaubert Kinder ab drei Jahren auch durch die malerischen Illustrationen der Autorin.

Die Zuschauerzahl ist bei diesen Lesungen begrenzt. Kostenlose Eintrittskarten gibt es bei der Auskunft in der Kinderbücherei.

Klasse Lesungen im Überblick