Die Stadtbücherei und unsere Zeitung präsentieren vom 2. bis 23. November die Esslinger Lesart mit 30 Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Wenn die Blätter fallen, blättern die Esslinger Stadtbücherei und unsere Zeitung stets die schönsten Seiten des Bücherherbstes auf. Jedes Jahr steht der November ganz im Zeichen der Literatur, wenn die Lesart einige der spannendsten, erhellendsten, ungewöhnlichsten und bemerkenswertesten Neuerscheinungen präsentiert.
Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen für das Lektüre-Festival, das weit über Esslingen hinaus strahlt, auf Hochtouren. Nun geben Dominique Caina, die das Programm für Erwachsene kuratiert, und Bettina Langenheim, die den Kinder- und Jugendbereich verantwortet, einen ersten Einblick in ihre Planungen. Und schon jetzt wird deutlich, dass die beiden einmal mehr neben bekannten Namen auch so manche literarische Entdeckung ausgewählt haben.
Es gehört zum Selbstverständnis der Lesartistinnen, dass sie das literarische Geschehen im deutschsprachigen Raum genau im Blick haben. Unzählige neue Bücher wollen gelesen und bewertet werden – nur die besten kommen für die Lesart in die engere Wahl. „In manchen Jahren drängen sich viele Neuerscheinungen förmlich auf“, verrät Dominique Caina. „In anderen Jahren muss man etwas genauer hinschauen und tiefer graben, um die richtigen Titel für die Lesart zu entdecken.“ Bislang ist ihr das mit sicherer Hand gelungen, wobei Caina Bewährtes konsequent pflegt und dennoch stets offen bleibt für Neues und Überraschendes: Die Mischung macht’s.
Esslinger Schüler lernen Autoren kennen
Bettina Langenheim ist seit der ersten Lesart mit von der Partie. Sie ist in der Kinder- und Jugendliteratur-Szene bestens vernetzt, viele Autorinnen und Autoren begleitet sie seit Jahren. Und viele kommen immer wieder gern nach Esslingen, weil sie die Zusammenarbeit zu schätzen wissen. Lesungen für Kinder und Jugendliche nicht nur öffentlich anzubieten, sondern mit den literarischen Gästen auch Esslinger Schulen zu besuchen, gehört zu Langenheims Konzept: „Die Nachfrage ist groß, weil es viele Schülerinnen und Schüler genießen, Schriftstellern auf Augenhöhe zu begegnen.
Caina und Langenheim spielen sich bei der Planung gerne die Bälle zu. So eröffnet diesmal ein Autor die Lesart, der alle Generationen anspricht – und der in Esslingen kein Unbekannter ist: Paul Maar war bis 1985 Hausautor an der Württembergischen Landesbühne, und er hat die Kontakte nie abreißen lassen. Die Stadtbücherei weiß den Schöpfer des frechen rothaarigen Sams mit den Wunschpunkten zu schätzen.
Nun freuen sich Bettina Langenheim und Dominique Caina, dass der renommierte Kinderbuch- und Theaterautor die Lesart am 2. November mit seinem „schiefen Märchentrio“, dem Mini-Sams und anderen Geschichten in einer Nachmittags-Lesung in der WLB eröffnen wird. „Das wird eine Veranstaltung, die die Generationen zusammenbringt“, freut sich Bettina Langenheim. „Was kann es Schöneres für die Literatur geben?“
Paul Maar und Marlene Streeruwitz kommt immer gern nach Esslingen
Sechs Autorinnen und Autoren möchte die Lesart im Kinder- und Jugendprogramm präsentieren – jeder Gast ist für einen öffentlichen Auftritt und zwei Schullesungen eingeplant. Neben Paul Maar hat sich zum Beispiel Felicitas Horstschäfer mit ihrem Buch „Die ganze Wahrheit über das Lügen“ angesagt – einem Buch, das die Sinne schärft für gute Ausreden, Schummeleien, Fake-News und die kleinen (Not-)Lügen, die Eltern manchmal bemühen.
Ein berührendes Buch hat Langenheim mit Cesary Harasimowiczs „Mirabelka“ ausgewählt – eine literarische Zeitreise durch das jüdische Viertel Muranow in Warschau, erzählt aus der Perspektive eines Mirabellenbaums.
Neben einigen langjährigen Weggefährten der Esslinger Literaturtage möchte Dominique Caina auch Autorinnen und Autoren vorstellen, die zum ersten Mal bei den Esslinger Literaturtagen zu Gast sind. Da ist etwa der Schweizer Jonas Lüscher, der in „Verzauberte Vorbestimmung“ von einer Gegenwart erzählt, die gern mehr über ihre Zukunft wissen würde. Eigene existenzielle Erfahrungen in der Coronazeit haben Lüscher zu der Frage gebracht, wovon Menschen unter dem Eindruck des Kapitalismus und wovon „unsere sich zunehmend gegen uns erhebenden Maschinen“ träumen. Davon erzählt der Autor so überzeugend, dass Kritiker von einem „Jahrhundertroman“ sprechen.
Leon Engler hat sich mit „Botanik des Wahnsinns“ angesagt – einem Roman, dessen Erzähler in seine Familiengeschichte blickt und dort einen „Stammbaum des Wahnsinns“ entdeckt. Und Katja Kullmann kommt mit ihrem Debüt „Stars“ nach Esslingen, das als „ultimativer Hochstaplerinnenroman zwischen Astroglamour und Angestelltenödnis“ gefeiert wird.
Wiedersehen mit Lesart-Gästen
Ein Wiedersehen wird es mit zwei Gästen geben, die immer wieder gern bei der Lesart zu Gast sind: Joachim Zelter ist diesmal mit seinem neuen Buch „Hoch oben“ dabei, Marlene Streeruwitz erzählt von „Auflösungen“. Insgesamt 14 Veranstaltungen für Erwachsene hat Dominique Caina diesmal geplant – weitere Namen werden in den nächsten Wochen das Programm komplettieren.
Das Festival und seine Geschichte
Die Anfänge
Der damalige Kulturreferent Peter Kastner und die einstige Bücherei-Leiterin Sibylle Weit hatten das Festival 1996 nach Esslingen gebracht. Damals suchte die Stadt Sponsoren für ihren Kultursommer. Der Bertelsmann-Buchclub bot zwar keine finanzielle Unterstützung an, dafür jedoch die Möglichkeit, Teil eines bundesweiten Lese-Marathons in fast 20 Städten zu werden. Seit dem Ausstieg der Bertelsmänner Ende der 90er-Jahre wird das Festival von der Stadtbücherei und der Eßlinger Zeitung veranstaltet. Mit den Jahren hat die Lesart ihr Profil immer eigenständiger geschärft.
Die Gäste
Mehr als 900 Autorinnen und Autoren haben sich bislang ins Gästebuch der Lesart eingetragen – darunter Ralph Giordano, Martin Walser, Imre Kertesz, Juli Zeh, Marcel Reich-Ranicki, Monika Maron, T. C. Boyle sowie die Nobelpreisträgerinnen Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch. Zum Profil des Festivals gehört es, junge Autorinnen und Autoren zu entdecken – viele von denen, die einst als Newcomer die Lesart bereichert haben, zählen längst zu den Arrivierten in der deutschsprachigen Literatur.