Mit „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ zeigt die Esslinger Landesbühne keine Horror-Show auf der Maille. Das Ensemble taucht in die Geschichte der Autorin ein.
Mit gruseligen Zerrbildern ist das Monster besetzt, von dem die englische Dichterin Mary Shelley in ihrem 1818 erschienenen Roman „Frankenstein“ schrieb. Bis heute geistert die aus Leichenteilen erschaffene Figur durch Horrorfilme. Dieses Klischee bricht Regisseurin Eva Lemaire in ihrer Freilichtinszenierung vor der historischen Kulisse im Esslinger Maille-Park. Statt dessen lenkt sie den Blick auf die Dichterin, die mit ihrem Mann Percy Shelley um ihre Selbstbestimmung als Künstlerin stritt. Die Reise in die Fantasie bringt Shelleys poetische Bilder zum Klingen.
Eva Lemaire erzählt ihrer Regiearbeit für die Esslinger Landesbühne die Geschichte des Dichterzirkels um Mary Shelley, der sich im „Jahr ohne Sommer“ 1816 in einem Haus am Genfer See traf. Nach einem Vulkanausbruch war damals die Erde finster. Mit griffiger Symbolik erschaffen die Ausstatterinnen Nora Johanna Gromer und Miriam Brunnert eine Umgebung, die den Zeitgeist der Romantik spiegelt. Auf einem nostalgischen Sofa denken sich die gelangweilten Literaten Spiele aus. Beflügelt von den Idealen der Französischen Revolution, wollen die junge Dichterin und ihre Kollegen ein befreites Leben führen. Doch das bleibt ein Traum. Denn sie sind so sehr in Zwängen gefangen wie der angekettete Elefant, den die Regie ins Zentrum des Bühnengerüsts rückt. Bei den Kostümen haben sich Gromer und Brunnert an Moden der Romantik orientiert. Um Traum und Wirklichkeit zu trennen, variieren die Künstlerinnen die Kostüme leicht. Schwarze Stickmuster weisen den Weg ins verdrängte Unbewusste.
Die alte Steintreppe an der Nikolauskapelle nutzt Lemaire als Spielraum für die Befreiung der jungen Mary. Sie wird mit ihrem Roman „Frankenstein“ selbst zur Dichterin. Ihre ersten literarischen Versuche zertrampelt ihr Verlobter Percy Shelley ebenso arrogant wie selbstverliebt. Es sei „interessant“, bemerkt der Dichter gleichgültig, der doch im Innersten schmerzlich erkennt, dass Mary begabter ist als er. Niklas Schmidt-Kosik kostet dieses Spiel mit den Eitelkeiten seiner Figur lustvoll aus. Seine Worte schneiden Mary ins Herz. Eva Dorlaß porträtiert die junge Künstlerin als eine unglückliche Frau, die nach einem Halt im Leben sucht. Den Verlust ihrer ersten Tochter hat sie nie verwunden. Dass sie selbst das Talent zur Dichterin hat, nimmt sie erst gar nicht wahr.
Bis ihr die Mutter Mary Wollstonecraft in ihren Träumen erscheint. Die feministische Schriftstellerin war ihrer Zeit weit voraus. Ihr Manifest „Zur Verteidigung der Frauenrechte“, das sie 1792 schrieb, wies jungen Frauen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben. „Wie sehr beleidigen uns diejenigen, die uns dazu anleiten, dass wir uns selbst zu sanften Haustieren machen“, kommentierte die Philosophin da das Verhalten der Männer. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mary starb sie. Elif Veyisoglu gelingt ein sehr lebendiges, stimmiges Porträt der Mutter, die sich nichts sehnlicher gewünscht haben mag, als dass ihre eigene Tochter sich aus den Fesseln der männlich dominierten Gesellschaft befreit. Mit viel Witz liefern sich Veyisoglu und Dorlaß da philosophische Duelle, die der Dramaturg Schreuder griffig gerafft hat.
Vergnüglich, und doch ein wenig platt erscheint die Dichtergesellschaft, in der Mary Shelley ihre ersten literarischen Versuche wagt. Ein weinseliger Dandy ist Marcus Michalskis Lord Byron. Der Literat liebt es, seine sexuellen Lüste auszuleben und hat mit Treue nicht viel am Hut. Das spürt Marys Stiefschwester Claire, die Claire Hordijk nur bedingt mit ihrem erfrischenden Temperament erfüllen darf. Gerade in dieser Liebesliaison liegt viel Zündstoff, den Schreuder in seiner Bühnenadaption zu wenig ausschöpft. Aufs Komische beschränkt bleibt auch der Vermieter der Villa. Da punktet Alessandro Scheuerer mit seinem Humor. Den bringt auch Kim Patrick Biele als Arzt und Literat Polidori reichlich mit.
Eva Lemaires Kunstgriff, die Adaption aus der Perspektive der Dichterin zu erzählen, kehrt den literarischen Wert der populären Gruselgeschichte heraus. Dass sich die beiden Wirklichkeitsebenen dramaturgisch so schlüssig trennen lassen, schafft Moritz Finn Kleffmann mit seiner Bühnenmusik. Pop, romantische Melodien und Techno-Sound mixt er so, dass die Emotionen kochen.
Das Monster aus Leichenteilen verkörpert die Protagonistin Eva Dorlaß in einer Doppelrolle selbst. Klug legt die Schauspielerin die dunklen Seiten der Kreatur offen, die mit ihrem Schöpfer hadert. Dass dahinter eigene unbewusste Ängste der Dichterin lauern, spiegelt sie mit grandiosem Körpertheater. Um Nuancen verzerrt sie Bewegungen und Gesten, um in die Rolle des Monsters einzutauchen. Hin- und Hergerissen zwischen dem Streben nach medizinischem Fortschritt und seinem Gewissen peitscht Reyniel Ostermann seine Figur in tiefste Verzweiflung. Die tragische Fallhöhe des jungen Arztes arbeitet er überzeugend heraus. Der innere Konflikt des Schöpfers, den Shelley ins Zentrum ihres Romans rückte, berührt und verstört. Auf diesen Seiltanz lässt sich der Schauspieler beherzt ein. Das Regieteam gewinnt dem „Frankenstein“-Stoff viel Neues ab. Mary Shelleys Geschichte inspiriert junge Menschen, die auf der Suche nach Selbstbestimmung sind, damals wie heute.
Buch und Film
Durchbruch
Mary Shelley wurde 1797 in London geboren und starb dort 1851. Berühmt wurde sie durch ihren Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ (1818). Dieser „Feuerbringer“ gilt in der griechischen Mythologie als Schöpfer der modernen Zivilisation. Shelleys literarische Figur erschuf ein Monster aus Leichenteilen.
Filme
Der Frankenstein-Stoff inspiriert viele Filmemacher bis heute. „Frankenstein“ aus dem Jahr 1931 ist die erste Tonverfilmung des Romans von Mary Shelley, verwendet aber nur einige Motive und Personen aus Shelleys Roman. Die Hauptrolle spielte Boris Karloff.