KSV-Coach Carsten Finkbeiner hat noch nie eine solche Verletzungswelle erlebt. Foto: /Robin Rudel

Erstmals seit vielen Jahren haben es die Bundesliga-Judokas des KSV Esslingen nicht in die Finalrunde geschafft. Trainer Carsten Finkbeiner erklärt, wieso die Mannschaft am Ende nur noch auf ein sportliches Wunder hoffen konnte.

Es ist der letzte Kampf in dieser Bundesliga-Saison, den die Judokas des KSV Esslingen am Samstag (17 Uhr) beim JC Samurai Offenbach bestreiten werden. „Aber es ist doch erst die Hauptrunde vorbei?“, fragen sich nun einige Sportinteressierte. Vor der Abschlussbegegnung stehen die Esslinger auf Tabellenplatz drei – und können die Runde der besten Vier nicht mehr erreichen. Ungewohnt ist dieses jähe Ende deshalb, weil der KSV in den vergangenen Jahren immer zu den Stammgästen der Finalrunde zählte. Warum es 2022 anders ist und wie der Verein in die Zukunft blickt, erklärt Coach Carsten Finkbeiner im Interview.

Herr Finkbeiner, wie fühlt es sich an, erstmals seit langem die Finalrunde von der Zuschauertribüne aus zu verfolgen?

Es ist natürlich bitter. Keiner findet die Situation derzeit toll, aber wir können es auch nicht ändern. Es ist, wie es ist.

Es ist zwar nicht das erste Mal, dass Sie und das Team in den vergangenen 20 Jahren die Runde der besten Vier nicht erreicht haben. Trotzdem haben Sie sich das sicher anders vorgestellt. Wie ist die Stimmung im Team?

Bei uns herrscht trotzdem eine gute Stimmung. Wenn aber das Thema verpasste Finalrunde aufkommt, dann macht natürlich keiner Freudensprünge. Im Gegenteil. Umso mehr motiviert uns das, in der kommenden Saison zu zeigen, was wir können und was in uns steckt. Wir wollen das geraderücken.

Bereits vor der Sommerpause stand fest, dass die Chancen für den KSV verschwindend gering sind, im Kampf um den Meistertitel mitmischen zu können.

Das stimmt. Niemand von uns war blauäugig und hat gedacht: Wir kriegen das noch hin.

Was war das Problem in dieser Saison?

Der Hauptgrund ist, dass ich noch nie eine Saison erlebt habe mit einer solchen Verletztenmisere. Wie man zuletzt gesehen hat: In Erlangen musste ich in der zweiten Runde einen verletzten Athleten einwechseln, damit ich die drei vorgeschriebenen Wechsel vollziehen kann. Bei ihm war von vorneherein klar, dass er nicht kämpfen kann. Das war am Ende der einzige Punkt, den Erlangen gemacht hat. Wenn man verletzte Kämpfer auf die Matte schicken muss, damit man die Regularien erfüllen kann – daran sieht man, wie es dieses Jahr läuft. An dieser Stelle möchte ich ein großes Lob und Dankeschön an unseren Physiotherapeuten Marco Carrubba aussprechen. Ohne ihn wäre die ganze Sache noch viel schwieriger gewesen.

Also lag es am Ende an der Personalnot?

Sicherlich haben wir im einen oder anderen Kampf nicht unsere Bestleistung gebracht. Verschärft wurde das Ganze auch dadurch, dass einige Kämpfer aus beruflichen Gründen nicht immer dabei sein konnten. Aber die Verletzungsmisere fällt am meisten ins Gewicht. Insbesondere in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm, in der ich von unten nicht nachschieben kann. Wir haben in dieser Klasse zwei super deutsche Kämpfer, die eigentlich Punktegaranten sind. Aber von neun Kampftagen standen sie uns beide an fünfen nicht zur Verfügung. Mit ihnen wären wir in die Endrunde gekommen.

Im Großen und Ganzen waren Sie aber mit der Leistung der Judokas zufrieden?

Der erste Kampftag gegen den VfL Sindelfingen lief mit dem 7:7-Unentschieden nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wenn einer der beiden 60er da gewesen wäre, hätten wir es geschafft. Aber auch ohne die zwei hätten wir gewinnen können. Da zum Beispiel hat die Leistung nicht gereicht.

Was glauben Sie, wer in diesem Jahr Meister wird?

Ich denke, dass das Hamburger Judo-Team Meister wird. Aber im Finale ist die Frage, wer hat welche Kämpfer zur Verfügung. Die drei stärksten Mannschaften heißen TSV Abensberg, JC Leipzig und Hamburg. Ich tippe auf Hamburg. Wenn aber einer des Trios die entscheidenden Kämpfer nicht dabei hat, dann kann das Ganze schon wieder anders ausgehen. Und eine Verletzung kann schnell jemanden ereilen.

...wie man bei Ihrem Team sieht. Sie hatten ja am Anfang der Saison vermutet, dass sich das Lazarett zum Ende hin lichtet. Wie ist die aktuelle Lage?

Es ist nicht besser geworden. Wir haben zwei Bänderrisse, einer liegt mit Grippe im Bett, wir haben Daumenverletzungen – wenn mal der Wurm drin ist, ist der Wurm drin. Nächstes Jahr kann es nur besser werden.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Klar ist, es werden einige Kämpfer aufhören nach der Saison. Wir müssen unser Team neu aufstellen, sind da bereits in Gesprächen, und Ziel ist es auf jeden Fall, eine Mannschaft in die Saison zu schicken, die die Endrunde erreicht und um den Titel mitkämpft.

Sie wollen auch noch weitermachen?

Wie lange, weiß ich noch nicht. Im nächsten Jahr aber auf jeden Fall noch. Wenn wir keinen Kader mehr zusammenbekommen, mit dem wir um den Titel kämpfen, würde mir das den Abschied erleichtern. Nach bald 25 Jahren im Trainerstab der Mannschaft will ich nicht irgendwann um den Abstieg kämpfen müssen.