Von Alexander Maier

Die Debatte über den Standort der Esslinger Stadtbücherei schlägt hohe Wellen: Während die Stadtverwaltung einen Grundsatzbeschluss noch vor der Sommerpause anstrebt, mehren sich die Stimmen derer, die vor einer übereilten Entscheidung warnen, weil wesentliche Fakten zu kurzfristig auf den Tisch kommen und weil zu befürchten steht, dass die Erkenntnisse für eine sachgerechte Entscheidung noch nicht ausreichen könnten. Nun meldet sich der Bürgerausschuss Innenstadt zu Wort und bittet Gemeinderat und Verwaltung: „Lassen Sie der Entscheidung über den besten Standort mehr Zeit und mehr Diskussionsraum. Ein Gemeinderatsbeschluss im Herbst 2017 kommt nach 20 Jahren Wartezeit nicht zu spät.“

Die Bürgervertreter haben sich intensiv mit den beiden Standort-Favoriten beschäftigt: einer Modernisierung und Erweiterung der bisherigen Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof und einem Neubau in der Küferstraße 13/1. Dabei habe man auch Anregungen und Ideen aus der Bürgerschaft aufgenommen und festgestellt, „dass zunächst viele offene Fragen beantwortet werden müssen“. Deshalb bestärkt der Bürgerausschuss die Gemeinderäte, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen gründlich zu prüfen und zu hinterfragen und sich dafür auch die nötige Zeit zu nehmen.

Bereits die erzielbaren Flächen werfen Fragen auf. Laut einer Machbarkeitsstudie von 2013 sind im Pfleghof 3600 Quadratmeter zu erzielen. Der Standort-Vergleich der Stadt geht bei der Küferstraße ebenfalls von maximal 3600 Quadratmetern aus. „Auf dem Grundstück Küferstraße 13/1 kann wohl eine Grundfläche von zirka 750 Quadratmetern erreicht werden“, heißt es im Brief des Ausschusses. Bei einem viergeschossigen Bau in der Küferstraße lasse sich nach Abzug des Gemäuers eine Nutzfläche von maximal 2500 Quadratmetern erzielen. „Diese Fläche reicht auf keinen Fall aus“, erklärt der Bürgerausschuss und fragt: „Welche Grundstücke sollen tatsächlich erworben und bebaut werden? Wie kann sichergestellt werden, dass in der Küferstraße eine mindestens dem Landesdurchschnitt (33,6 Quadratmeter pro 1000 Einwohner) entsprechende Publikumsfläche erreicht wird?“ Fachleute gehen davon aus, dass eine Stadt wie Esslingen sogar 4500 bis 5000 Quadratmeter braucht.

Falls die Bücherei in die Küfer­straße umziehen sollte, fordert der Bürgerausschuss, „dass der Bebenhäuser Pfleghof in städtischem Besitz bleibt und jedenfalls im bisherigen Umfang der Öffentlichkeit zugänglich ist“. Nicht akzeptabel sei der Verkauf an Privatinvestoren. Bislang fehle eine klare Zusage für den Erhalt. Die jüngste Nutzerbefragung habe gezeigt, „dass die Stadtbücherei einen hohen Zufriedenheitswert bei den Besuchern hat“. Deshalb fragt der Ausschuss: „Wie soll sicher­gestellt werden, dass eine Stadtbücherei im Neubau vergleichbare Werte erreicht?“

Mit den Planungen könne an beiden Standorten sofort begonnen werden. In der Küferstraße hänge der Baubeginn, wenn er vor 2023 liegen soll, davon ab, dass sich für den Diakonieladen eine akzeptierte Alternative finden lässt. 2025 als Eröffnungsjahr sei „entschieden zu spät.“ Der Bürgerausschuss erwartet belastbare Informationen, wie rasch sich bei einem Neubau der nötige Grundstückserwerb realisieren lässt und ob gesicherte Erkenntnisse vorliegen, mit welchen archäologischen Funden in der Küfer­straße zu rechnen sei, deren Sicherung das Projekt erheblich verzögern könnte. Generell könne eine Stadtbücherei für die Küferstraße durchaus ein Gewinn sein, wobei die hohe Qualität der architektonischen Gestaltung die Hinterhoflage kompensieren müsse. Bei den Kosten für eine Modernisierung des Pfleghofs oder einen Neubau sieht der Ausschuss ebenfalls noch zahlreiche Fragezeichen. Deshalb fragen die Bürgervertreter: „Warum will der Gemeinderat in einer solch unerklärbaren Eile entscheiden aufgrund einer, wie zu fürchten ist, unvollständigen Faktenlage?“ Noch bestehe die Chance, Transparenz in das Verfahren zu bringen und eine fundierte Diskussion möglich zu machen: „Die Bürger mitdenken und mitreden zu lassen, fördert das Vertrauen und schafft für die neue oder neu gestaltete Stadtbücherei die besten Voraussetzungen für ihren zukünftigen Erfolg.“

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