Quelle: Unbekannt

Von Melanie Braun

Tim Engartner hat eine Mission: Er will die negativen Seiten der Privatisierung von Staatsunternehmen aufzeigen. Aus seiner Sicht sind das vor allem höhere Kosten für die Allgemeinheit, prekäre Arbeitsverhältnisse und soziale Ungleichheit. Mit seinem Buch „Staat im Ausverkauf“ hat er offenbar einen Nerv getroffen. Seine Lesung im Rahmen des Literaturfestivals LesART am Mittwochabend war als eine der ersten ausverkauft. Und den Reaktionen des Publikums im voll besetzten Kutschersaal der Stadtbücherei nach zu urteilen teilten viele seine Meinung.

Bei der lebhaften Diskussion zwischen Engartner und dem EZ-Redakteur Oliver Stortz ging es rasant von einem Thema zum nächsten: von Privatisierungen bei Deutscher Bahn und Deutscher Post über den Einfluss von Privatunternehmen in Kitas und Schulen bis hin zu privaten Hochschulen und Autobahnen. Kritisch, manchmal geradezu ketzerisch, fragte Stortz nach und brachte dabei auch viele Argumente von Privatisierungsbefürwortern aufs Tapet. Doch Engartner ließ sich nicht beirren: Leidenschaftlich und mit Hilfe zahlloser Beispiele beschrieb er, was er als dramatische Folgen der Privatisierungen sieht, die er für „kapitale Fehlentscheidungen“ hält.

Auch sein Buch mit dem Titel „Staat im Ausverkauf - Privatisierung in Deutschland“ (Campus Verlag, 22,95 Euro) ist gespickt mit Beispielen davon, welche Auswirkungen der Verkauf staatlicher Beteiligungen haben kann. Akribisch beschreibt der Sozialwissenschaftler, der Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main ist, wie betriebswirtschaftliches Denken in den verschiedensten Bereichen Einzug gehalten hat. Er berichtet von privaten Unternehmen, die Kitas und Schulen als Werbeplattform nutzen, von Söldnern, die bei privaten Militärfirmen anheuern, von Paketzustellern, die unter miserablen Bedingungen und gewaltigem Druck arbeiten müssen und von Bahnstrecken in ländlichen Gegenden, die angesichts betriebswirtschaftlicher Überlegungen stillgelegt werden.

Positive Beispiele von Privatisierungen oder Bedingungen, unter denen solche sinnvoll sein könnten, findet man in dem Werk hingegen nicht. Er habe in seinem Buch besonders eindrückliche Fallbeispiele und spitze Thesen gesammelt, getragen von der Überzeugung, dass in den vergangenen Jahren zu viele Gewinne privatisiert und zu viele Verluste sozialisiert worden seien, schreibt Engartner in seinem Vorwort. Dabei habe er die „betriebswirtschaftlich womöglich positiven Dimensionen von Privatisierungen“ weitgehend ausgeblendet.

Auch im Esslinger Kutschersaal ging der Autor nicht wirklich auf die Einwände von EZ-Redakteur Stortz ein, dass es prekäre Arbeitsverhältnisse inzwischen in vielen Branchen gebe und das vielleicht eher ein gesetzgeberisches Problem sei - oder dass die Deutsche Bahn eine hundertprozentige Tochter der Bundesrepublik und damit nicht wirklich privatisiert sei.

Sehr klar hingegen argumentierte Engartner bei seinem Herzensthema Bildung. Scharf kritisierte er, dass immer mehr Unternehmen im Rahmen von Kooperationen mit Schulen Lobbyismus betrieben und versuchten, die Schüler über subtiles Marketing für ihre Produkte zu begeistern - etwa durch Firmenlogos auf Unterrichtsmaterialien. Auch die zunehmende Fokussierung auf ökonomisch verwertbares Wissen durch wachsenden Einfluss von Unternehmen auf Schul- und Hochschulbildung ist Engartner ein Dorn im Auge: „Bildung hat doch ein sehr viel weitreichenderes Ziel als die unmittelbare Verwertbarkeit im Alltag“, sagte er.

Insgesamt machte der Sozialwissenschaftler klar: Was betriebswirtschaftlich logisch ist - etwa, nur da zu investieren, wo es sich finanziell lohnt - kann volkswirtschaftlich und sozialpolitisch fatal sein. Und viele Kommunen, die im Rausch der Öffentlich-Privaten-Partnerschaften vor einigen Jahren existenzielle Infrastruktur wie Wasserleitungen oder die Energieversorgung privatisierten, hätten diese inzwischen wieder rekommunalisiert. Denn oftmals habe sich das als billiger angepriesene Modell als viel teurer erwiesen. Auf kommunaler Ebene sehe er angesichts dieser Erfahrungen inzwischen durchaus mehr Bewusstsein für die Fallstricke von Privatisierungen, sagt Engartner, „aber auf Landes- und Bundesebene bin ich da skeptisch“.

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