Von Gaby Weiß

Ein „nahezu unlesbares Buch“, das den Leser „einschüchtert“ und „auf eine harte Probe stellt“ - so urteilen Kritiker über Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“. Als der Autor seinen Roman nun bei der LesART vorstellte, gestand Moderator Martin Mezger augenzwinkernd, dass die Lektüre „für masochistische Leser, die sich gerne doof vorkommen“ geeignet sei. Der EZ-Redakteur leistete jedoch sofort Abbitte und outete sich als Fan: „Es ist ein grandioses und konkurrenzloses Lesevergnügen. Es ist ein einzigartiges Textmassiv. Die Anstrengung der Besteigung ist mit ungeheurem Gipfelglück verbunden.“ Bei der Veranstaltung im Kutschersaal gelang es Thomas Lehr, verständlich und dem Leser zugewandt Licht ins Dunkel seines Roman-Monuments zu bringen. Mit dem Begriff des Erzählens kommt man dem nicht-linear aufgebauten Roman „Schlafende Son­ne“ (Carl Hanser Verlag, 28 Euro) nicht bei. Mezger sprach von „modernem Textieren, einem labyrinthischen Wirbel. Thomas Lehr hat eine eigene literarische Technik. Der muss man sich als Leser aussetzen, wenn man davon profitieren will.“ Mit entwaffnender Offenheit gestand der Autor: „Es geht ein bisschen durcheinander, aber es ist ein Plan dahinter.“ Und er verdeutlichte sei­ne Absicht: „Verschachtelt erzählen, alles nebeneinander, Zeit rabiat gegeneinander schneiden, dabei geht die ganze Patina ab - und Vergangenheit wird präsent. Erinnerungen und Träume folgen nicht der Chronologie, sondern unserem Interesse. Sie sind wie Splitter.“ Trotzdem ist der Roman nicht rein assoziativ, sondern in einer Spiralform aufgebaut. „Von der DNA bis zur Galaxis ist in der Natur der spiralförmige Aufbau ein universelles Prinzip“, erläuterte Lehr. Die Rahmenhandlung des Romans konzentriert sich auf einen einzigen Tag, den 19. August 2011. Der Zeitstrahl bis ins Jahr 1906 zurück wird um diesen zentralen, mittig platzierten Tag herumgewickelt. „Wenn ich dann von innen nach außen durch die Jahrzehnte hindurchschneide, ergibt sich das Bild einer Sonne“, machte Lehr begreiflich und zitierte die Bildhauerin Louise Bourgeois, Meisterin der kongenialen Spiral-Linie: „Betrachtet man eine Spirale von außen, dann kann sie einen verschlingen. Steht man aber im Inneren einer Spirale, erkennt man: So ist das Leben. Man wird immer wieder ins eigene Leben hinausgetragen.“

„Schlafende Sonne“ behandelt die Themen Zeit und Licht und das 20. Jahrhundert. „Es kommt auf Betrachtung und Durchleuchtung an, ich wollte mir selbst über dieses Jahrhundert Aufklärung verschaffen“, erläuterte der Autor. Begonnen habe er mit den Figuren: Milena Sonntag, eine Malerin, die sich mit dem Thema Licht auseinandersetzt. Ihr an die Seite stellt er ihren Mann Jonas, Physiker und Sonnenforscher. Hinzu kommt der Philosoph und Kulturwissenschaftler Rudolf - eine Dreiecksgeschichte entwickelt sich. Als Zeitzeuge fungiert der 106-jährige Physiker Friedrich.

„Wird fortgesetzt“ lauten die letzten Worte und weisen darauf hin, dass „Schlafende Sonne“ den ersten Band einer Trilogie aus drei Groß-Romanen bilden wird. Am zweiten Band arbeitet Lehr derzeit.

Über seine Arbeitsweise, die eine sehr poetische und exakte Sprache hervorbringt, sagte er: „Ich bin langsam und unerbittlich im Prüfen der Qualität. Ich bin erst zufrieden, wenn das Kapitel plastische Kraft hat.“ Auf die Folgebände vorausblickend, verriet er: „Die Hauptfiguren bleiben, neue Nebenfiguren kommen dazu, und jeder Band hat in den Rückblenden eigene Schwerpunkte: Band eins den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Wen­de. Band zwei die Weimarer Republik und Band drei den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg.“

Wie sein „Opus Magnum“ ausgeht, will Thomas Lehr selbst noch gar nicht wissen, behauptete er, machte dann fürs Esslinger Publikum aber doch ein Geständnis: „Die komplizierte Liebesgeschichte dieses Paares, das versucht, die große Liebe zu leben, endet nicht tragisch, so viel kann ich verraten.“

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