Quelle: Unbekannt

Von Elisabeth Maier

Sprache ist für ihn Rhythmus, Beat und Musik. Wenn der amerikanische Starautor T.C. Boyle aus seinen Werken liest, klingt das wie ein Rocksong. Da trommelt, singt und spielt er mit der Stimme. Im Esslinger Neckar Forum las der Weltstar vor rund 1000 Besuchern aus seinem neuen Roman „Die Terranauten“ (Hanser-Verlag, 26 Euro). Ausgiebig plauderte er bei der LesART über sein literarisches Schaffen und über die Politik der USA unter Donald Trump. Mit seiner Show riss einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren das Publikum mit. Leicht fand der Journalist und Moderator Günter Keil einen Draht zu dem Schriftsteller, der die Weltliteratur mit ebenso sozialkritischer wie bildbewohnter Prosa bereichert. 28 Romane hat er geschrieben, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Das nächste Buch über den Basler Albert Hofmann, der die synthetische Droge LSD im Selbstversuch entdeckte, ist bereits in Arbeit.

Starallüren kennt der 68-Jährige Thomas Coraghessan Boyle, der sich Tom nennt, nicht. Das ließ er die Besucher beim mehr als einstündigen Signieren im Foyer spüren. Jeder bekam sein Autogramm und ein paar nette Worte. Bei hunderten Fans in der Schlange ist das ein Meisterstück. Auch für Selfies setzte sich der Autor und Literaturprofessor in Szene.

Lust auf neue Formen

Den schwarzen Anzug und das T-Shirt kombiniert der hagere Literat mit kirschroten Schuhen. Wieso weicht der Amerikaner, der in Santa Barbara am Pazifik lebt, bei seinen Auftritten selten von diesem Outfit ab? „Wandel bedeutet den Tod“, zitierte er den Filmemacher Woody Allen. Dabei grinste der Wahl-Kalifornier schelmisch. Denn in der Literatur liebt er das Experiment. Die Lust auf Neues prägt seine Romane wie die Kurzgeschichten. So wechselt er in „Die Terranauten“ virtuos die Perspektiven. Die Geschichte von den Bewohnern der Biosphäre, einer künstlichen Welt unter Glas, erzählt er aus dem Blickwinkel der drei Hauptfiguren. „Durch die drei Ich-Erzähler tauche ich in jede der Figuren ein, auch wenn sie ja völlig gegensätzlich denken.“

Eine Passage aus dem Buch las die Stuttgarter Schauspielerin Lea Ruckpaul auf Deutsch. Die Leidenschaft der Terranautin Dawn, ihre ansteckende Euphorie für das Biosphären-Projekt, brachte sie vielschichtig und virtuos zum Klingen. Da lauschte T.C. Boyle, der im Sessel saß, gebannt. Am Ende lobte er die junge Schauspielerin, die sich beherzt auf seinen virtuosen Sprachfluss einließ.

Zwar hätten sich manche Besucher im Neckar Forum mehr Lesepassagen gewünscht. Aber die meisten ließen sich von Moderator Günter Keil mitreißen, der dem Schriftsteller viel Spannendes entlockte. Angesprochen auf die Politik Trumps konterte Boyle, der für Klimaschutz und Umweltpolitik kämpft, ironisch: „Ja, bei der Lesung in Bern vor zwei Tagen haben am Ende alle geweint.“ Und er setzte noch eins drauf, nippte am Wasserglas - und sprach dabei von „Voodoo-Zauber“, um den US-Präsidenten bald loszuwerden. Dann analysierte der politische Autor die wachsende Macht der Unternehmen. Und er sprach über die Protestbewegung gegen Trump. „Früher habe ich den Europäern acht Jahre George Bush erklären müssen.“ Eigentlich habe er gedacht, dass er das hinter sich habe.

Einen Spalt breit ließ der Bestseller-Autor das Publikum in sein Privatleben blicken. Besonders liebevoll sprach T.C. Boyle über seine Frau. Mit ihr ist er seit 1974 verheiratet, hat drei Kinder. Sie repariere daheim die Computer, bemerkte er. Und ihr lese er seine Manuskripte als Erste laut vor. „Texte muss man hören“, findet der Künstler. Das sei wichtig für sein Schreiben. Das Vorlesen habe er von seiner Mutter und von einem ehemaligen Lehrer gelernt. Das pflegt der Künstler, der über die Literatur des 19. Jahrhunderts promoviert hat, bis heute. Obwohl Moderator Keil das Gespräch auf Englisch führte, überraschte Boyle mit deutschen Sätzen. Da verwies er auf den deutsch-ungarischen Hintergrund seiner Frau. Am liebsten streift er durch Wälder, schreibt in einer Hütte in den Bergen. Was ihm bei seinen Streifzügen durch den Kopf geht? „Manchmal einfach nichts“, sagt er lachend. Auch wenn das schwer zu glauben ist.

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