Quelle: Unbekannt

Von Elisabeth Maier

Ihre Figuren sind Grenzgänger zwischen Geschlechtern und zwischen Kulturen. Mit ihrem ersten Roman spürt die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann der eigenen Geschichte nach. Ihr erster Roman „Außer sich“ (Suhrkamp-Verlag, 22 Euro) erzählt die Geschichte von Menschen, die nach ihrer Identität suchen. Mit dem Debüt schaffte es die Autorin auf Anhieb auf die Short List des Deutschen Buchpreises. Beim Esslinger Literaturfestival LesART stellte sie im Kutschersaal der Stadtbücherei den vielschichtigen Text vor.

Ihre Prosa zeichnet farbige Bilder von Menschen, für die Vaterland und Muttersprache ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Dabei wechselt die Dramatikerin virtuos die Perspektiven. Sie denke in Purzelbäumen, hat die Künstlerin einmal gesagt. Vorsichtig und sehr liebevoll erzählt sie von den Zwillingen Ali und Anton. Alissa, die lesbische Migrantin, sucht in Istanbul nach ihrem Bruder. Die junge Frau spürt, dass sie nicht in ihre Geschlechterrolle passt. Sie schneidet sich die Haare ab, wünscht sich in eine andere Identität hinein. Das schockt die Mutter, die sich hilflos an die Hoffnung klammert, dass das Kind schon noch vernünftig werden wird. Doch Ali nimmt das männliche Sexualhormon Testosteron, will anders werden und ein Mann sein.

Ebenso einfühlsam nimmt Salzmann die Perspektive der Eltern im Moskau der postsowjetischen Jahre ein, die einander quälen. Ganz tief fühlt sie sich in den Schmerz der transsexuellen Katharina hinein - „ein Tänzer, ein Mehrfachraketenwerfer“ heißt es in dem Personenverzeichnis, das sie dem Roman vorangestellt hat. Salzmann verleiht jenen eine Sprache, die, von der Gesellschaft ausgegrenzt, einfach nicht verstanden werden. Deshalb berührt ihr Roman zutiefst.

In der fesselnd erzählten Geschichte schwingt viel Autobiografisches mit. Mit zehn Jahren kam Salzmann, 1995 in Wolgograd geboren, als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Heute ist Sasha Marianna Salzmanns Lebensmittelpunkt in der Türkei. In der Metropole Istanbul spüre sie jenen Antisemitismus nicht, der ihr in Berlin entgegenschlage, verriet die schmale junge Frau mit den braunen Locken Moderatorin Susanne Lüdtke im Gespräch. Die Gender-Debatte sei in aller Munde, da besetze sie ein Trend-Thema - das sei ihr einmal vorgeworfen werden. Das hat die Autorin verletzt. „Meine Lebensgeschichte ist doch kein Trend“, entgegnet sie energisch. Solche pauschalen Urteile ärgern die Autorin, die mit ihrer Literatur in die Tiefe geht.

Sasha Marianna Salzmann hat in Hildesheim Literatur/Theater/Medien studiert, anschließend noch an der Universität der Künste in Berlin Szenisches Schreiben. Mit ihrem Abschlusswerk „Muttersprache Mameloschn“ gewann sie bei den Mülheimer Dramatikertagen den Publikumspreis. Im Theater gehört Salzmann zu den stärksten, vielschichtigsten Stimmen ihrer Generation. Die 32-Jährige spricht für junge, verstörte Menschen, die sich im krisengeschüttelten Europa entwurzelt fühlen. Heute lehrt sie jungen Autoren dramatisches Schreiben, bewegt sie zum politischen Denken.

Was hat die erfolgreiche Theaterautorin dazu bewogen, ihren ersten Roman zu schreiben? „Auf der Bühne ist man auf wenige Personen beschränkt, ist an die Bedingungen des Theaters gebunden“, sagt die Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, die dort eine innovative Studiobühne aufgebaut hat. Im Roman fühlt sich die Künstlerin frei, einer Vielzahl von Figuren zu folgen, Lebensläufe zu verknüpfen. Das reizt sie an der Prosa und ihren unbegrenzten literarischen Möglichkeiten. Sehr ehrlich sprach die Künstlerin in Esslingen auch über die Kränkungen, unter denen ihre Figuren leiden. Doch bleiben sie stets kämpferisch. Verstörende Porträts, das ist Salzmanns große Stärke.

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