Seit fünf Jahren ist der Alicensteg gesperrt. Die Stadt will die Fußgängerbrücke über B 10 und Neckar abreißen, doch viele Stadträte sind dagegen. Foto: Roberto Bulgrin

Die Stadt will die Verbindung zwischen Zollberg und Innenstadt abreißen. Doch trotz knapper Kasse wollen viele Stadträte die Fußgängerbrücke über die B 10 und den Neckar noch nicht aufgeben.

Esslingen - Die Frage um die Zukunft des Alicenstegs wird in Zeiten von Corona nicht einfacher. Schon davor schieden sich die Geister bei der Diskussion darüber, ob sich größere Investitionen in den Erhalt der Brücke lohnen oder nicht. Die nun zu erwartende dramatische Verschlechterung der städtischen Finanzsituation bestärkt die Gegner von Sanierung und Neubau weiter. Doch ungeachtet dessen haben viele Stadträte den Alicensteg noch nicht aufgegeben.

Im Rathaus favorisiert man nach wie vor den Abriss der Brücke zwischen Zollberg und Esslinger Innenstadt. Eine Sanierung scheide wegen der Schadstoffbelastung und der Konstruktion des Bauwerks ohnehin aus, sagt Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht. Und für den Bau einer neuen Fußgängerquerung an dieser Stelle – nicht barrierefrei, wohlgemerkt – müsse man rund 2,5 Millionen Euro kalkulieren. Man wisse zwar durchaus, „dass der Steg für eine kleinere Anzahl Nutzer eine wertvolle Verbindung ist“, so Wallbrecht. Gleichwohl sei der Abriss unverändert Beschlusslage des Gemeinderats – und der Erhalt des Alicenstegs sei durch die aktuelle Haushaltslage nicht leichter geworden.

Viele wollen den Alicensteg nicht einfach ad acta legen

In den Fraktionen des Gemeinderats ist man sich der schwierigen Finanzlage der Stadt durchaus bewusst – aktuell rechnet die Stadtverwaltung mit mindestens 50 Millionen Euro weniger Steuereinnahmen als ursprünglich geplant. Dennoch wollen viele den Alicensteg nicht einfach ad acta legen. Für die Grünen etwa sei klar, dass Fußgängerwege wichtige Bausteine für eine nachhaltige Mobilität sind, sagt Stadtrat Andreas Fritz. Und der Alicensteg habe Potenzial. Schließlich sei er Teil des Jakobswegs und könne in Zukunft auch wichtiger Bestandteil für die Naherholung werden – etwa bei Spaziergängen zum Eisbergweg, der auch schnell wieder geöffnet werden solle. „Die Grünen stehen zum Erhalt des Alicenstegs“, betont Fritz. Allerdings sollten die Kosten dafür noch einmal geprüft und Alternativen zu den von der Stadt vorgestellten Sanierungsvarianten erarbeitet werden.

Auch die SPD stellt sich klar gegen einen Abriss der Fußgängerbrücke – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Ob es genügend Geld für den Erhalt der Querung gibt, müsse der Kassensturz nach Corona zeigen. Generell gilt laut Fraktionschef Nicolas Fink für die Sozialdemokraten aber: „Es war ein Fehler, die Fußgängerinfrastruktur zu vernachlässigen. Es ist Zeit für eine Kehrtwende: Erhalt steht vor Abriss.“ Bevor eine endgültige Entscheidung gefallen ist, dürften beim Alicensteg keine irreversiblen Tatsachen geschaffen werden.

Die Linke steht nach wie vor zur Sanierung des Stegs. „Der Zollberg braucht eine Perspektive für Fußgänger“, betont der Fraktionsvorsitzende Tobias Hardt. Seit der Sperrung des Alicenstegs im Jahr 2015 gebe es keinen anderen Fußweg in die Stadtmitte. „Wenn wir wirklich die Klimakrise bewältigen und eine Verkehrswende herbeiführen wollen, müssen wir uns von der autogerechten Stadt verabschieden“, so Hardt. Deshalb müsse in Fuß- und Radwege sowie in den öffentlichen Nahverkehr investiert werden, statt den Autoverkehr zu optimieren. Auch die Gruppe FÜR plädiert für eine Instandsetzung des Alicenstegs.

Skeptische Stimmen bezweifeln, dass Erhalt finanzierbar ist

Unterdessen kann sich Annette Silberhorn-Hemminger, Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, kaum vorstellen, dass eine Reaktivierung des Alicenstegs finanzierbar ist. Angesichts von Corona müssten sicher viele Projekte auf den Prüfstand, die bereits geplant sind – da sei es kaum realistisch, dass ein ganz neues Vorhaben Chancen auf Umsetzung habe. Sie hofft indes, dass sich eine gute Alternative zur Fußgängerbrücke findet. Denn: „Die Anbindung des Zollbergs muss sein.“

Rena Farquhar, Fraktionschefin der FDP, ist ebenfalls skeptisch, ob ein Erhalt der Brücke machbar ist. Schließlich werde die finanzielle Situation der Stadt schwieriger – und es stünden noch millionenschwere Projekte wie die Sanierung der Schulen an. Allerdings plädiere ihre Fraktion schon lange dafür, eine Lösung für die Anbindung des Zollbergs im Rahmen eines Gesamtkonzepts für Mobilität zu erarbeiten: „Für ein Gesamtkonzept würden wir auch trotz Corona Geld in die Hand nehmen.“

Derweil ist die CDU strikt dagegen, Geld in den Alicensteg zu stecken. „In Zeiten extrem knapper Mittel sollten wir uns auf wichtigere Verbindungen konzentrieren, die viel genutzt werden“, sagt der Fraktionsvorsitzende Jörn Lingnau. Es gebe genügend Wege und Stege über den Neckar – und in schwierigen Zeiten müsse man eben auch mal Umwege in Kauf nehmen. Schließlich sei nicht alles machbar, was man sich wünscht.