Die Leidenschaft für den Jazz verbindet Ralf Weiß (links) und Hanno Gräßer - gemeinsam wollen sie nun ein Jazzmuseum initiieren. Foto: Kehrer Quelle: Unbekannt

Von Alexander Maier

Esslingen sieht sich gerne als eine Stadt des Jazz, und wer sich die lokale Szene anschaut, wird feststellen, dass dieser Ehrentitel verdient ist. Die Jazzbegeisterung hat in der einstigen Reichsstadt Tradition - schon in den 50er-Jahren fanden sich musikbegeisterte junge Leute hier zusammen, gründeten die ersten Bands und den Jazzkeller in der Webergasse. Dort gaben sich internationale Stars der Szene wie Ted Curson, Benny Bailey, Don Cherry, Ben Webster, Benny Waters und Lee Konitz ein Stelldichein, dort feierten Musiker wie Wolfgang Dauner oder die Mangelsdorff-Brüder ihre ersten Erfolge. Es gibt vieles, was man über die Geschichte des Jazz in Esslingen erzählen kann. Noch viel mehr lässt sich über den Jazz in Deutschland sagen. Vor Jahresfrist hat sich in Esslingen ein Verein gegründet, dessen Ziel es ist, ein Deutsches Jazzmuseum auf den Weg zu bringen. Die Initiatoren hätten nichts dagegen, wenn sich eine solche Institution, die bundesweiten Vorbildcharakter hätte, in Esslingen etablieren könnte.

Mit Eberhard Weber fing alles an

Hanno Gräßer und Ralf Weiß sind einander seit Jahren freundschaftlich verbunden, und sie teilen die Leidenschaft für den Jazz. Gemeinsam waren sie im Stuttgarter Theaterhaus, als der Bassist Eberhard Weber 2015 mit dem Landesjazzpreis ausgezeichnet wurde. „Das war ein unglaubliches Konzert“, erinnert sich Gräßer. „Hinterher standen wir noch ganz unter dem Eindruck dieses außergewöhnlichen Abends mit Freunden im Foyer, und irgendwann hat einer gefragt, ob es in Deutschland ein Jazzmuseum gibt.“ Seither ließ dieser Gedanke die beiden nicht mehr los. Sie haben sich in der Republik umgeschaut und nicht allzu viel entdeckt - vor allem kein richtig großes Jazzmuseum, wie es sich die beiden vorstellen.

Besonders wichtig war Hanno Gräßer und Ralf Weiß der Kontakt zum Jazzinstitut in Darmstadt und dessen Leiter Wolfram Knauer: „Mit ihm haben wir ausführlich gesprochen. Hätte er abgewunken, hätten wird unseren Gedanken vielleicht wieder verworfen. Doch auch er war spontan inspiriert von unserer Idee.“ Damit war den beiden klar, dass der nächste Schritt folgen muss: die Gründung eines Vereins, der das große Ziel konsequent weiterverfolgt und eine möglichst breite Basis für die Realisierung schafft.

Seit einem Jahr gibt es nun den Verein Deutsches Jazzmuseum mit Sitz in Esslingen, dessen Gemeinnützigkeit vom Finanzamt bereits anerkannt wurde. Dass der erste Vorsitzende Ralf Weiß inzwischen in Berlin und sein „Vize“ Hanno Gräßer in Esslingen lebt, sehen die beiden gelassen: „Wir sind ständig im Kontakt, und mit den Möglichkeiten der modernen Telekommunikation ist die Entfernung überhaupt kein Problem.“ Und überdies sei ja auch noch gar nicht klar, wo ein Deutsches Jazzmuseum seinen Sitz haben würde, sollte der Traum Realität werden. „Wir hätten natürlich nichts dagegen, wenn es in Esslingen die Möglichkeit gäbe, solch eine Institution zu etablieren“, sagt Hanno Gräßer, der als Musikwissenschaftler über den ganz persönlichen Stil des Geigers Stéphane Grappelli promoviert hat und der seit Jahren als Musikpädagoge zahlreiche Geigenschüler in Esslingen betreut. Und wenn Berlin die Gunst der Stunde eher erkennen sollte, wäre der ebenfalls promovierte Kultur- und Wirtschaftswissenschaftler Ralf Weiß ganz nah am Geschehen dran. „Entscheidend ist für uns, dass es überhaupt vorwärts geht“, erklären die beiden Vereinsgründer unisono. „Der Jazz hat es verdient, ein eigenes Museum zu bekommen.“

Während die Standortfrage noch völlig ungeklärt ist, haben die Initiatoren schon sehr viel konkretere Vorstellungen, was ein Deutsches Jazzmuseum bieten müsste: Ihnen schwebt ein Ort vor, „der die musikalische Besonderheit und die kulturelle Bedeutung des Jazz in Deutschland vielfältig erlebbar macht“. Schon deshalb dürfe ein solches Museum nicht in musealer Ehrfurcht erstarren, sondern müsse ein lebendiger, offener und kreativer Ort sein, an dem sich vieles entfalten kann - Ausstellungen, Konzerte, Workshops, Begegnungen und vieles mehr müsse dort den passenden Rahmen finden. Und auch wenn das Bild der Esslinger Altstadt klar historisch geprägt ist, hätte Hanno Gräßer nichts gegen ein modernes Gebäude, das allein durch seine architektonische Anmutung nach außen den Blick für die Zukunft symbolisiert.

Stadt sucht überregionale Strahlkraft

Dass die Zeiten schwierig und die kommunalen Kassen knapp sind, ist den Museums-Initiatoren klar. Dennoch sind sie überzeugt, dass eine solche Einrichtung in Deutschland überfällig ist. „Die gesamte europäische Musik- und Musizierkultur des 20. Jahrhunderts ist heute durch den Jazz nachhaltig beeinflusst“, weiß Gräßer. „Musikstile wie Blues, Rock ’n’ Roll, Beat, Soul oder Rock wären ohne den Jazz undenkbar. Auch klassisch komponierte Musik, Filmmusik, die Oper und die daraus entstandene Musicalkultur sind seit dem 20. Jahrhundert unüberhörbar vom Jazz beeinflusst. Angesichts dieser enormen Bedeutung liegt eine kulturelle Auseinandersetzung mit dem Jazz in Form eines Museums - besonders in Europa - nahe.“ Hoffnung macht, dass man im Rathaus darüber nachdenkt, wie man dem Jazz noch mehr Gewicht geben könnte. Und dass die neue Kulturkonzeption der Stadt zu dem Schluss kommt, die überregionale Strahlkraft des Jazzstandorts Esslingen sei „stark begrenzt“, empfinden die Museums-Initiatoren als Wasser auf ihre Mühlen: „Ein überregional bedeutendes Jazzmuseum könnte der Stadt erhebliche Strahlkraft verleihen.“

Einen wichtigen Fürsprecher haben Ralf Weiß und Hanno Gräßer bereits gewonnen: den international renommierten Bassisten Eberhard Weber, der im Esslinger Georgii-Gymnasium erste Begegnungen mit seinem Instrument hatte, die ihn erst zum Jazz und dann zu einer Weltkarriere brachten: Weber ist Ehrenmitglied des Vereins Deutsches Jazzmuseum, und er will demnächst als Grundstock für eine spätere Sammlung neben zahlreichen Originaldokumenten wie etwa Notenmaterial auch seinen legendären Elektro-Bass überreichen.

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