Quelle: Unbekannt

Von Gaby Weiß

„Ein gutaussehender Mann, türkisfarbene Augen, blonde Haare, eine Schwimmerfigur, die er gern mit nacktem Oberkörper zeigte“, so beschreibt Markus Orths den Maler Max Ernst, dem die Frauen zu Füßen lagen. Orths neuer Roman „Max“, den er nun im ausverkauften Kutschersaal bei den Literaturtagen LesART vorstellte, erzählt in packender Fülle in sechs Kapiteln von einer „Ménage à Trois zwischen Max Ernst, den Frauen und der Kunst“.

Im Gespräch mit Julia Lutzeyer verriet Markus Orths, dass die Kapitel anfangs Titel von Bildern Max Ernsts trugen. „Beim Schreiben haben sich jedoch die Menschen, die sechs großen Lieben, aufgedrängt. Da habe ich verschiedene Blickwinkel, kann Fokus und Erzählperspektive wechseln und den Tonfall immer wieder ändern, das hat mich gereizt.“ So zeigt „Max“ (Hanser Verlag, 24 Euro) den Künstler im Spiegel seiner Frauen und seiner Freunde in der künstlerischen und intellektuellen Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die sechs großen Lieben Max Ernsts sind Lou, Gala, Marie-Berthe, Leonora, Peggy und Dorothea, lauter kluge, unkonventionelle und erfolgreiche Frauen von eigener künstlerischer Kraft.

Beeindruckende Haltung

Dem chronologisch erzählten Roman voran stellt Markus Orths einen Prolog, als der 50-jährige Max Ernst mit Dorothea in einer selbstgezimmerten Hütte in Arizona lebt, 2500 Meilen nach New York fährt, um dort - wieder einmal - keines seiner Bilder zu verkaufen. „Seine künstlerische Haltung hat mich sehr beeindruckt. Diese innere Überzeugung fasziniert mich: Er wusste, es interessiert sich im Augenblick keiner für das, was er macht, aber er macht weiter. Was hat ihn bewogen, dabeizubleiben?“, diese Frage hat den Schriftsteller beschäftigt.

Zu Beginn ist Max fünf Jahre alt, steht seinem hobbymalenden Vater Modell, langweilt sich, „in den Käfig der Leinwand“ eingesperrt zu sein, und beginnt zu dichten. Es entsteht ein übermütiges Konglomerat aus dem „Vaterunser“ und Wilhelm Buschs „Max und Moritz“, das das Publikum mit Szenenapplaus belohnt. „Sie sehen hier eines von Max Ernsts Schaffensprinzipien: Die Collage. Dinge zusammenbringen, etwas Neues schaffen“, erläuterte Orths. Durch das Zerreißen, Zerschneiden und neu Zusammensetzen entstanden rätselhafte Bildkompositionen, surreale Gestalten und fantastische Landschaften. Gerne stellt Max Ernst - inspiriert durch seinen Dadaisten-Freund Hans Arp - auch die Wörter auf den Kopf und sieht im Wort „lieb“ tatsächlich auch das „Beil“ stecken.

„Vier lange, kahle Schattenjahre“ kämpft Max Ernst im Ersten Weltkrieg. Orths zitiert den Maler, der oft von sich selbst in der dritten Person sprach: „Max Ernst starb im August 1914 und wurde 1918 noch einmal geboren.“ Der Dadaismus reagiert auf die Kriegsschrecken: „Ohne Humor wäre Dada in verzweifelter Schwere ertrunken“, weiß Orths. So ist das Buch reich an Anekdoten, wie jene von der ersten Kölner Ausstellung der drei Freunde Max Ernst, Hans Arp und Johannes Baargeld: Weil sie im Museum nicht erwünscht waren, nachdem eine Collage Max Ernsts aus Zeichnungen Albrecht Dürers als Pornografie bezeichnet wurde, stellen sie in einer Kneipe gleich neben den Pissoirs aus. Das ist ebenso fidel wie skurril erzählt und mit großartigen Tempowechseln und großer Erzähllust von Markus Orths vorgetragen.

Kunstvoll verflochtene Dramaturgie

Drei Jahre lang hat sich der Schriftsteller mit Leben, Werk und Umfeld des Malers beschäftigt und viel recherchiert: „An diesem Buch ist gar nicht so viel Fiktion, es sind sehr, sehr viele nachprüfbare Fakten. Und manche der tatsächlich passierten Geschichten waren so unrealistisch, dass ich sie weggelassen habe.“ Da er nicht so viel erfinden musste, floss Markus Orths’gestalterische Kreativität in die kunstvoll verflochtene Dramaturgie, vor allem aber in die Sprache. Wenn er Bilder Max Ernsts beschreibt, ist das assoziativ, unmittelbar und direkt: „Das fließt automatisch aus dem Inneren heraus“, erläuterte er und lässt im Buch den Filmemacher Luis Bunuel zu Wort kommen: „Wenn du ein Bild hast für einen Film, musst du nach drei Sekunden Ja oder Nein sagen zu der Idee. Zu dem Bild. Nach drei Sekunden setzt der Verstand ein. Dann ist es zu spät.“ Und auch wenn Max Orths klar sei, dass der Leser bei der Lektüre Max Ernsts Bilder gerne vor sich sehen möchte, so habe er sich bewusst dagegen entschieden, den Roman zu bebildern: „Der Text muss eigentlich für sich stehen und sprechen.“

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