Ein Gläschen für den Berkwolf: Marcel Ellinger kann sich in seinem Kostüm gut entspannen. Foto: Osswald Quelle: Unbekannt

Von Moritz Osswald

Wenn Marcel Ellinger in seinem Wolfspelz unterwegs ist, fällt er auf: Strahlende Kindergesichter, irritierte Blicke und Selfie-Anfragen lassen dann meist nicht lange auf sich warten. Der Wahl-Berkheimer ist Teil der sogenannten „Furry“-Szene. So nennen sich Menschen, die Fans von Tieren mit menschlichem Charakter sind. Aber auch für gewöhnliche Tiere hat Ellinger etwas übrig.

Die Siamkatzen Snowy und Maja miauen um Aufmerksamkeit, die Nymphensittiche Rocky und Kiki kreischen und Wolfsbilder zieren die Wände von Marcel Ellingers Wohnung: Hier sind Tiere offenbar willkommen. Ab und an kommt es auch vor, dass der 29-Jährige selbst zum Tier wird - zum Berkwolf, wie er sich dann selbst nennt.

Ellinger hat knapp ein Jahr gebraucht, um sich seinen „Fursuit“ - so nennt man das eigene Fell-Kostüm - zu erschaffen. Dabei brauchte er jedoch Unterstützung, wie die meisten seiner Mitstreiter. Laut Ellinger nähen die wenigsten ihre Fursuits selbst. Er selbst startete mit dem Kopf seines Kostüms. Doch nachdem er mit einer Eigenkreation scheiterte, besorgte er sich ein professionell gefertigtes Exemplar aus Amerika. Der Rest entstand in mühevoller Arbeit zusammen mit einer Stuttgarter Schneiderin, die sich dem Großprojekt Wolfspelz annahm.

Trips nach Japan oder Holland

Seit fünf Jahren ist der Verwaltungsangestellte Ellinger Teil der pelzigen Szene. Mittlerweile hat er einen Namen in der Community, Trips nach Japan oder Holland zur Kontaktpflege sind keine Seltenheit für ihn. „Neue Leute kennenlernen, das soziale Drumherum, das macht es für mich aus“, sagt der Berkheimer. Viele Furries vernetzen sich auf Conventions, also speziellen Messen, die dem Austausch mit Gleichgesinnten dienen.

In Berlin etwa findet jedes Jahr die „Eurofurence“ statt, zu der letztes Jahr rund 3000 Besucher aus allen Winkeln der Welt anreisten. Damit ist das die größte Furry-Messe europaweit. Ellinger ist begeistert: „Für mich ist das wie ein Klassentreffen“, schwärmt er.

Die Ursprünge der tierischen Bewegung reichen bis in die Antike zurück. In vielen altertümlichen Religionen und Mythologien tauchen bereits vermenschlichte Tierwesen auf. Der „Anthropomorphismus“, also die Übertragung menschlicher Verhaltenszüge auf Tiere oder Götter, ist nichts Neues. Letztlich sieht man ihn auch bei Bugs Bunny oder Micky Maus.

Bei Marcel Ellinger war es die schwäbisch-alemannische Fasnet, die sein Interesse für Tierwesen mit menschlichen Zügen weckte. Dazu kam er durch einen Freund, der ihn fragte, ob er nicht einmal bei den „Flegga-Kaschber“ in Berkheim reinschnuppern wolle. Seitdem ist er überzeugter Hästräger. Schon damals war Ellinger mit einem Wolfskopf unterwegs. Im Internet stieß er dann irgendwann auf Videos von Gemeinschaften flauschiget Tier-Mensch-Wesen. Inzwischen hat Ellinger einen Verein gegründet und organisiert einmal im Jahr einen „Suitwalk“ in der Esslinger Innenstadt. Bei der Laufzeremonie der „Südstaaten-Furs“ treffen sich lokale Pelzfreunde, streifen die Altstadt entlang - und stehen als Fotomotive zur Verfügung. Laut Ellinger kommt sein Berkwolf dabei oft gut an. Allerdings gebe es auch einige Kinder, die von der realistischen Aufmachung des Kostüms abgeschreckt würden.

Für den 29-Jährigen ist es das Größte, wenn er im Wolfspelz durch die Stadt flaniert. Mit Mimik und Gestik könne man manchmal mehr ausdrücken als mit Worten, findet der Verwaltungsangestellte. Für ihn ist es eine Form des Ausgleichs, wenn er in sein Kostüm schlüpft, es ist ein Hobby wie für andere Fußball spielen oder angeln. Er wolle aber auch andere begeistern und ihnen für einen kurzen Moment den Alltag versüßen.

Tanz-Event für Pelzfreunde

Bei seinem Hobby kann Marcel Ellinger die Fähigkeiten nutzen, die er auch in seinem Job braucht: organisieren und verwalten. So veranstaltet er neben dem Suitwalk in Esslingen jedes Jahr im Zentrum Zinsholz in Ostfildern-Ruit einen „Fur Dance“, also eine Tanzveranstaltung von und für Furry-Freunde. „Mir macht das einfach Spaß“, sagt er. Ihm gefalle der Austausch mit anderen und das Gefühl, selbst etwas auf die Beine zu stellen.

Ellinger ist im Schwarzwald aufgewachsen und hat eine Weile in Nordrhein-Westfalen gelebt. Nach einem Intermezzo in Stuttgart landete er schließlich in Esslingen. Unter anderem seine Faszination für die Fasnet führte dazu, dass er nach Berkheim zog. Freunde, Kollegen und Verwandte wissen von seiner tierischen Freizeitbeschäftigung. Bei ihm sei das ganze Jahr Fasnet, scherzen einige seiner Freunde. Wirklich angeeckt sei er mit seinem ungewöhnlichen Hobby noch bei niemandem, erzählt er. Das ist nicht selbstverständlich. Im Internet etwa finden sich zuhauf Hass, Häme und Spott gegen Furry-Anhänger. Gehässige Bemerkungen über sie füllen manchmal ganze Kommentarspalten in Online-Foren und Diskussionsplattformen. Doch für Ellinger ist sein Hobby ganz harmlos: Es bedeutet für ihn Spiel, Spaß, Kontaktpflege und abschalten vom Alltag.