Ursula Sattong (am Rednerpult) leitet die bundesweite Fachstelle Demenz bei den Maltesern in Köln, der 101-jährige Fritz Faber neben ihr im Stuhl hilft mit seiner Stiftung, dass auch in Esslingen das Konzept der schwedischen Königin Silvia zum Umgang mit Demenzkranken umgesetzt werden kann. Foto: Bulgrin Quelle: Unbekannt

Von Claudia Bitzer

Die Stühle sind rot. Der Spülknopf in der Toilette ist rot. Die Steckdosen sind rot. Alles, was wichtig ist, ist im Malteser Tagestreff „Margarete und Fritz Faber“ in dieser auffälligen Farbe gehalten. Eine wichtige Leitschnur für die Gäste, für die diese Einrichtung gedacht ist, die die Malteser gestern in der Weiler Klosterallee 1 eingeweiht haben. Der Tagestreff richtet sich an Menschen mit einer beginnenden Demenz und ist mit der Konzen-tration auf diese Zielgruppe der erste im ganzen Land.

Der große Raum, in dem sich gestern Gastgeber, Gäste und Experten zusammengefunden haben, ist hell und freundlich. Das Klavier, an dem Raphael Kohlhäufl bei der Eröffnung die Besucher unterhielt, steht sonst den Menschen im Tagestreff zur Verfügung. Ebenso wie die Küche nebenan, der Ruheraum oder die Terrasse mit den Blumenhochbeeten. Derzeit wird der Tagestreff dienstags von drei, donnerstags von sechs Menschen besucht. Im Oktober wollen die Malteser mit einem dritten Tag starten, um dann 2017 an fünf Tagen in der Woche bis zu acht Gäste empfangen zu können. Für Carmen Kieninger vom Malteser Hilfsdienst Stuttgart ist diese Tagesstätte, kurz MalTa, von der es bundesweit nur fünf weitere gibt und die im Juli an den Start gegangen ist, eine ideale Ergänzung zu den ambulanten Pflegediensten in Esslingen.

Königin Silvia ist Vorbild

Kieninger ist Silviahemmet-Trainerin. Das heißt: Der Tagestreff für Menschen in der Frühphase einer Demenz arbeitet nach dem Konzept der gleichnamigen Königlich Schwedischen Stiftung. Königin Silvia hat sie ins Leben gerufen - ihre Mutter war selbst an Alzheimer erkrankt.

Das Konzept richtet sich ganz konkret am einzelnen Menschen aus, hat Ursula Sottong gestern sehr anschaulich den Eröffnungsgästen erläutert. Sie leitet in Köln die Fachstelle Demenz der Malteser Deutschland und will den Menschen „helfen und Hoffnung geben“. Die Betroffenen sollen tun, was sie noch tun können. „Wo sie nicht alleine zurechtkommen, brauchen sie unsere Unterstützung - aber keine Entmündigung.“ Es gehe nicht darum, alle Strohsterne basteln zu lassen. Sondern jeder solle „sinnvolle Dinge tun, die er noch kann“. Zum Beispiel Klavierspielen. Oder den Tisch decken. Es geht um die Aktivierung der Betroffenen im Rahmen einer normalen Tagesstruktur und damit um die Entschleunigung des Krankheitsverlaufs und um liebevolle Zuwendung. Gerade im Frühstadium einer Demenz seien die sozialen Kontakte fast wichtiger als Medikamente.

Und es geht natürlich auch um die Angehörigen, für die es ebenfalls Angebote geben soll. Sottong: „Denn wir sind ein Team.“ 1,3 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an Demenz, so Karl-Eugen Erbgraf zu Neipperg, Diözesanleiter der Malteser in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. 70 Prozent der Erkrankten werden in ihrem häuslichen Umfeld gepflegt. „Das ist ein Fulltime-Job. Ein Tagestreff mit 40 Plätzen kann da Entlastung bieten.“

72 000 Euro von der Faber-Stiftung

Der Tag in der Klosterallee 1 beginnt um neun Uhr mit einem Frühstück, um 12.30 ist Mittagessen, gegen 15 Uhr gehen die Gäste wieder nach Hause. Soweit die Rahmenbedingungen. Dazwischen kann jeder das machen, was er am liebsten tut. Zeitung lesen, Handarbeiten, spazierengehen ... „Es ist wichtig, bestimmten Symptomen der Krankheit wie Orientierungs- und Sprachstörungen frühzeitig zu begegnen, um Lebensqualität zu erhalten und den Verlauf der Demenz zu verlangsamen“, weiß Sottong. Dass das alles in Esslingen möglich wurde, liegt nicht nur an den Räumen, die das Siedlungswerk der Diözese Rottenburg-Stuttgart aufwendig umbauen ließ. Mit 72 000 Euro hat sich auch die Faber-Stiftung daran beteiligt - und der Schirmherr sowie Namensgeber, der 101-jährige Fritz Faber, der mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau 2005 die Stiftung ins Leben gerufen hatte, hat sich gestern höchstpersönlich davon überzeugt, dass die Stiftungsgelder ganz in seinem Sinne für ältere Menschen mit Unterstützungsbedarf und für ein lebenswertes Altern eingesetzt werden. Ebenso Leo Reich vom Vorstand der Stiftung.

Große Anerkennung gab es auch von Sozialbürgermeister Markus Raab. Der konnte angesichts der Stiftungssumme von 72 000 Euro nur verschämt einfließen lassen, dass es auch von der Stadt Esslingen einen kleinen jährlichen Zuschuss gibt. „Wenn wir 60 Jahre unseren Beitrag abgeliefert haben, dann kommen wir in etwa auf die Summe, die Sie gestiftet haben“, sagte Raab zu Fritz Faber.

Martin Schwer, stellvertretender Dekan des Dekanats Esslingen-Nürtingen, sorgte dann auch noch dafür, dass die Einrichtung auch nicht ohne kirchlichen Segen auskommen muss.

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