Quelle: Unbekannt

Von Alexander Maier

Man braucht schon etwas Fantasie, um sich vorzustellen, dass eine Autorin mit ihrem Debütroman gleich Platz eins der Bestsellerliste ihres Landes erreicht und ein ganzes Jahr dort verweilt. Lize Spit ist das gelungen. Die junge Belgierin hat mit ihrem Erstling „Und es schmilzt“ alle Erwartungen übertroffen. Dass sich die Kritiker Formulierungen wie „Fräuleinwunder“ in diesem Fall verkneifen, ist verständlich. Denn die Geschichte, die ihr Roman erzählt, ist über weite Strecken düster und manchmal bedrückend. Dennoch übt sie eine magische Wirkung auf den Leser aus, weil es der Autorin gelingt, die Tragik der Ereignisse mit ironischem Unterton zu brechen. Davon durfte sich nun das Publikum der Esslinger LesART überzeugen, das einen bewegenden und dennoch unterhaltsamen Abend erlebte.

Die Geschichte hat es in sich: Eva ist Ende 20 und lebt in Brüssel, doch die Erinnerung an ihre Jugendzeit in einem belgischen Dorf lässt sie nicht los. Evas Elternhaus war nicht der Ort einer unbeschwerten Jugend: Die Mutter trinkt, der Vater ist hochgradig labil, die Geschwister sind vom Leben gebeutelt. Und mittendrin muss die 14-jährige Eva ihren Weg in die Welt der Erwachsenen finden. Die einzigen, die ihr Halt geben, sind ihre Freunde Pim und Laurens, die mit ihr „Die drei Musketiere“ bilden - eine verschworene Gemeinschaft, die sich in immer perfideren Spielen verliert und geradewegs auf die Katastrophe zubewegt. 15 Jahre später reist Eva zurück an jenen verhängnisvollen Ort, den sie nie wiedersehen wollte. Im Kofferraum ihres Wagens hat sie einen Eisblock, der nach und nach schmilzt - und der dem Leser sein Geheimnis erst im Laufe der Erzählung offenbart.

Wenn eine Autorin und ihre Protagonistin nicht nur das Alter teilen, sondern beide auch in einem belgischen Dorf aufgewachsen sind, mag sich die Frage aufdrängen, wie viel Biografisches in die Geschichte eingeflossen ist. Lize Spit mag solche Gedanken nicht, wie sie im kurzweiligen LesART-Dialog mit Thomas Rothschild verriet: „Es tötet die Literatur, wenn man versucht, in der Fiktion überall Realität zu finden. Wer glaubt, dass mein Roman biografisch ist, hat nicht verstanden, was Literatur bedeutet.“ Inzwischen macht sich die junge Belgierin mit dem ihr eigenen knitzen Augenzwinkern einen Jux darauf: „Ich hätte gern von einem 50-jährigen Mann erzählt, der auf Gran Canaria lebt, weil das nichts mit mir zu tun hat. Aber dann hätte das Buch nicht funktioniert.“ Dass die Protagonistin gewisse Erfahrungen mit ihr teilt, habe ganz praktische Vorteile: „Ich muss nicht lange recherchieren, welches Lebensgefühl eine Frau mit Ende 20 hat, die in Brüssel lebt.“

Lize Spit gelingt es vorzüglich, sich in ihre Protagonistin hineinzuversetzen und authentisch zu vermitteln, was Eva erlebt und erlitten hat. Die Autorin lässt das tragische Geschehen in Evas Jugend nicht etwa chronologisch ablaufen - ihre Erzählweise hat etwas Assoziatives: Als Eva nach 15 Jahren an den Ort ihrer Jugend zurückkehrt, werden Erinnerungen lebendig, und aus vielen Mosaiksteinchen fügt sich das Bild einer schwierigen Jugend zusammen. Aus ihrer heutigen Warte lässt die Autorin Eva darauf zurückblicken. Dabei zeigt sich das große Talent von Lize Spit, Erlebnisse, Eindrücke, Stimmungen und Gefühle nicht nur zu schildern, sondern so eindrücklich erlebbar zu machen, dass man den Schmerz, die Tragik, die Traurigkeit und die bleierne Schwere dieser verkorksten Dorfgemeinschaft zu spüren glaubt - etwa in jener Szene, in der sich Eva daran erinnert, wie ihrer heillos betrunkenen Mutter einst bei einem Quizabend im Gemeindehaus eine Tür ins Gesicht krachte und sich keiner um die leidende Frau kümmerte.

Man könnte meinen, dass solche Geschichten beim Leser ungute Gefühle in der Magengegend hinterlassen müssen. Doch Lize Spit gelingt es, so zu erzählen, dass man sich ganz und gar auf ihre Worte einlassen kann, ohne in tiefste Depression zu verfallen. Das mag an der bisweilen ironisch-distanzierten Perspektive liegen, die die Autorin einnimmt: Der Leser blickt mit Evas Augen auf das vergangene und das aktuelle Geschehen, die elegant ineinander greifen. So lässt sich ein Stück weit auch der breite Erfolg von Lize Spits Roman „Und es schmilzt“ (S. Fischer Verlag, 22 Euro) erklären, der mit der Buchveröffentlichung in flämischer und deutscher Übersetzung noch lange nicht am Ende ist: Die französische Übersetzung steht noch aus, die Filmrechte sind verkauft, und demnächst soll es in Frankfurt auch noch eine Bühnenfassung geben.

Segen und Fluch des Erfolgs

Dass das Theaterstück zunächst in deutscher Sprache auf die Bühne kommt, gefällt Lize Spit: „Auf Deutsch hört sich mein Buch fast noch besser an als im flämischen Original“, meinte sie schmunzelnd, nachdem die Schauspielerin Natascha Meyer dem LesART-Publikum einige Passagen präsentiert hatte. Nicht ganz so glücklich ist die Autorin dagegen über den Preis, den sie für ihren Erfolg bezahlt: „Kürzlich war ich in Japan in der Sauna. Da saßen auch zwei Belgier. Das war schon etwas komisch, wenn man splitternackt vor wildfremden Menschen steht, die einen sofort erkennen.“ Die Autorin bemüht sich, trotz allen Ruhms den Ball flach zu halten. Deshalb behielt sie lieber für sich, woran sie gerade arbeitet: „Das ist eines der wenigen Geheimnisse, die mir geblieben sind. Die will ich mir bewahren.“

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