Der Bahnhofplatz als Drehscheibe des Busverkehrs: Die Fahrgäste können sich schon einmal auf mehr Elektromobilität einstellen. Foto: Bulgrin Quelle: Unbekannt

Von Christian Dörmann

Der Esslinger Gemeinderat hat bei nur einer Stimme Mehrheit die Weichen für die Zukunft des öffentlichen Busverkehrs gestellt. Und die könnte nach den Worten des für den Nahverkehr zuständigen Bürgermeisters Ingo Rust sogar so aussehen, dass in zehn Jahren alle Esslinger Stadtbusse mit einem Elektroantrieb unterwegs sind. Dabei setzt die Stadt weiter auf den Elektrobus an Oberleitungen. Das Nachsehen bei dieser Konstellation haben private Busbetreiber wie etwa Fischle, Schlienz oder Schefenacker. Denn der Anteil der Privaten am Esslinger Stadtverkehr sinkt von derzeit 48 auf knapp 37 Prozent, weil der Städtische Verkehrsbetrieb (SVE) durch den Ausbau des Netzes für die O-Busse seinen Verkehrsanteil auf 63 Prozent erhöht.

Infrastruktur kostet 3,6 Millionen

An der Frage, wie der Busverkehr in Esslingen für die nächsten zehn Jahre aufgestellt wird, scheiden sich im Gemeinderat die Geister. Und so gab am Ende eine Stimme den Ausschlag: Oberbürgermeister Jürgen Zieger, SPD, Grüne, Linke und FÜR hatten sich mit 21 Stimmen für das städtische Konzept ausgesprochen, während CDU, Freie Wähler und FDP mit 20 Stimmen dagegen hielten. Das bedeutet nun konkret: Der SVE will innerhalb von zehn Jahren den Anteil an elektrisch betriebenen Bussen im öffentlichen Nahverkehr von derzeit 21 auf mindestens 63 Prozent erhöhen. Damit einher geht ein Ausbau des Oberleitungsnetzes - vor allem der Esslinger Norden sowie die Strecken nach Zell und Obertürkheim würden in das Netz elektrisch betriebener Busse eingebunden. Das funktioniert in einigen Bereichen auch ohne Oberleitungen, weil die neuen Elektrohybridbusse bis zu 15 Kilometer im Batteriebetrieb fahren können. Für den Ausbau der O-Bus-Infrastruktur müssen etwa 3,6 Millionen Euro investiert werden, die Personalkosten beim SVE steigen jährlich um 78 000 Euro. Und um das Ziel zu erreichen, müssen über die zehn vorhandenen hinaus noch einmal 15 weitere Elektrohybridbusse angeschafft werden. Der Stückpreis beträgt etwa 900 000 Euro.

An sich stand die Untervergabe von Verkehrsleistungen an Private durch den SVE gestern im Mittelpunkt der Entscheidung. Eine Folge der gesetzlich verordneten europaweiten Ausschreibung, bei der das Regierungspräsidium dem Angebot des Verkehrsbetriebes den Vorzug gegenüber den Angeboten von Fischle und Schlienz gegeben hat (die EZ berichtete). Gegen diese Entscheidung vollen die privaten Unternehmen im Zweifelsfall auch vor Gericht gehen. Gleichzeitig spielte aber auch die Frage der künftigen Technik eine zentrale Rolle: O-Bus oder reiner Batteriebus?

„Keine Zeit für Experimente“

Da sieht Stadträtin Heidi Bär (SPD) „keine Zeit für Experimente“ und vertraut wie ihre Fraktion auf den O-Bus, „der mit Ökostrom von unseren Stadtwerken fährt“. Das gestern beschlossene Konzept ist für sie ein Meilenstein in Richtung nachhaltiger Mobilität.

Für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Jörn Lingnau ist der O-Bus teuer, anfällig und durch die Oberleitungen sei man sehr vom Verkehrsgeschehen und damit eben auch von Baustellen abhängig. Vor zwei Jahren, daran erinnerte Lingnau, habe man noch darüber gesprochen, den Verkehrsanteil des SVE zu reduzieren, weil dessen Leistungen wenig effektiv gewesen seien. „Wir verbauen uns die Chance für innovative Zukunftstechnologien“, warnte Lingnau gestern vor der Abstimmung.

Für Jörg Zoller von den Freien Wählern stellt sich die Frage, ob die nun anstehenden Investitionen in die richtige Richtung weisen. Er plädierte im Namen seiner Fraktion dafür, es bei der bisherigen Verteilung des Stadtverkehrs zu belassen. „Wir müssen sehen, wie sich die Technik entwickelt“, so Zoller.

Esslingen werde in der Fachwelt um seinen O-Bus beneidet, erklärte Jürgen Menzel von den Grünen. Denn diese Technik sei nicht veraltet, sondern zukunftssicher. Und mit Blick auf den Umweltaspekt des Elektroantriebs betonte Menzel: „Wir müssen heute handeln, es ist eine Entscheidung für die Gesundheit der Esslinger Bürger.“ Für das städtische Konzept sprachen sich auch Tobias Hardt (Linke) und Dilek Toy (FÜR) aus.

Unter dem Eindruck der laufenden Diskussion über mögliche Fahrverbote und über einen vom Land verordneten Luftreinhalteplan für Esslingen ist es nach den Worten von Oberbürgermeister Jürgen Zieger keine Frage, dass der Anteil der Elektromobilität möglichst schnell erhöht werden muss. „Wir sind zur Mitwirkung an einem Luftreinhalteplan verpflichtet und setzen mit unserer Entscheidung das richtige Zeichen“, so der OB .

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